4. Advent

Predigttext für den 21.12.2008

Predigttext für den 21.12.2008, vierter Advent, Lk 1, 46-55

Der für den heutigen vierten Advent vorgeschlagene Predigttext ist ein Abschnitt aus dem ersten Kapitel des
Lukasevangeliums, eine Bibelstelle, die der eine oder andere vielleicht eher in vertonter Form kennt und wie sie
in diesen Tagen im Radio oder in Konzerten z.B. in der Version von J.S. Bach Hochsaison hat. Die Rede ist
vom sogenannten Magnificat: so lauten die lateinischen Anfangsworte des Lobgesangs der Maria, und bevor
Sie gleich die verständlichere deutsche Langfassung hören, kurz einige Anmerkungen zur Vorgeschichte:
Das Lukasevangelium beginnt mit der Schilderung des Zustandekommens der Geburt von Johannes dem
Täufer bzw. damit, dass seiner ursprünglich unfruchtbaren Mutter Elisabet nach einer Begegnung des künftigen
Vaters Zacharias mit dem Engel Gabriel doch noch - und das in fortgeschrittenem Alter - Nachwuchs
zugesichert wird. Zacharias ist von Beruf Priester im Jerusalemer Tempel, und quasi bei der Arbeit, d.h. als er
Räucheropfer darbringt, teilt ihm der Engel diese Überraschung mit. Zacharias kann es nicht glauben, fragt
nach, und wird für seine Skepsis mit dem Verlust der Sprachfähigkeit bestraft, bis das Kind zur Welt gekommen
ist. Im Laufe der Schwangerschaft Elisabets besucht die mit ihr verwandte (auf welche Weise, wird nicht
geschildert) Maria sie, und zwar, nachdem auch ihr vom selben Engel ebenfalls die Geburt eines Sohnes
vorhergesagt wurde, dem sie den Namen Jesus geben solle, der gross sein und der Sohn des Höchsten
genannt wird und dem der Thron seines Vaters David zufällt und der König über das Haus Israel auf immer sein
wird (das kennen Sie, und in den nächsten Tagen gibt es dazu von verschiedenen Seiten sicherlich mehr).
Maria also ist voller Vorfreude und noch ein wenig perplex, und als sie sich mit Elisabet über ihren künftigen
Nachwuchs unterhält und ihr die Besonderheit ihres Sohnes durch ein Segenswort Elisabets prophezeit wird -
da stimmt Maria jenes Danklied an, dass nun also unser heutiger Predigttext ist:
Lk 1, 46-55
(Und Maria sprach:)
Meine Seele erhebt den Herrn
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter,
denn hingesehen hat er auf die Niedrigkeit seiner Magd.
Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter,
denn Grosses hat der Mächtige an mir getan.
Und heilig ist sein Name,
und seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht
denen, die ihn fürchten.
Gewaltiges hat er vollbracht mit seinem Arm,
zerstreut hat er, die hochmütig sind in ihrem Herzen.
Mächtige hat er vom Thron gestürzt
und Niedrige erhöht.
Hungrige hat er gesättigt mit Gutem
und Reiche leer ausgehen lassen.
Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen
und seiner Barmherzigkeit gedacht,
wie er es unseren Vätern versprochen hat,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
Soweit also der Hymnus von Maria, und damit die Angelegenheit nicht ins Sentimentale oder Katholische
abrutscht, gleich der Hinweis, dass diese Worte vielfältige Anklänge an Passagen aus der hebräischen Bibel
haben (Ps 34,3+4; Jes 61,10; Hab 3,18; 1Sam 1,11; Ps 126,3; Ps 103, 13.17; Hiob 12,19; Hiob 5,11; Ps
107,9; Ps 98,3; Jes 41,8+9; Mi 7,20), ja, fast schon so wie ein Psalm wirken und Maria diese Form des
Danklieds von Hanna, der Mutter des Sehers Samuel, übernommen (oder treffender: abgekupfert) hat (siehe
1Sam 2,1-10). Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass sie diese lyrische Sprache so nicht gebraucht hat,
sie wird ihr vom Verfasser Lukas (oder wer immer das nach ihm benannte Evangelium niedergeschrieben hat) in
den Mund gelegt, und dies nicht ohne Hintergedanken. Das beginnt mit der Verwendung der griechischen
Variante des Namens Maria im Urtext, und der lautet Mariam - eine Anspielung auf Mirjam, die Schwester von
Mose und Aaron.
Mirjam und Maria, diese beiden prominenten weiblichen Gestalten der Bibel agieren jeweils im Bereich eines
Kindesmörders: hier des König Herodes, dort des Pharaos; beide Frauen haben es mit Männern zu tun, die eine
gefährdete Kindheit erlebt haben und in deren Schatten sie stehen und die im Laufe ihres Wirkens als Retter
erscheinen: Mose, der Israel, das eine Volk Gottes, aus der Wüste ins gelobte Land führt, und Jesus, der das
christliche Gottesvolk mit dem Allmächtigen versöhnt. Diesen indirekten Gottesbegegnungen wird im Liedgedankt (siehe Gen 15,21), wobei dies bei Maria noch mit der Mutterschaft verknüpft wird - und Mutterschaft
war zumindest zu damaligen Zeiten ein Zeichen göttlichen Segens, und höchstes Ansehen hatten Frauen in der
Verbindung mit der Geburt eines Sohnes.
Das trifft auch auf Elisabet zu, wenn sie Johannes den Täufer gebiert, und auch dieser wird nicht eben so
zufällig ins Spiel gebracht, denn mit ihm versucht Lukas ebenfalls, eine Verbindung zur jüdischen Religion und
ihrer Erwartung auf den Messias herzustellen: Johannes verkörpert für ihn den Propheten Elija, der erneut
auftreten wird, um dem Volk das kurz bevorstehende Erscheinen des Messias anzukündigen und dabei ihre
Herzen mit denen der Vorfahren versöhnt, sie zur Busse ruft und wieder auf die Wege und Gebote Gottes leitet
(siehe Mal 3,23-24 und Lk 1,17). Und dieser Elija fällt nicht einfach so vom Himmel, vielmehr, auch wenn es ein
hartes Stück Arbeit ist - Elija wird geschickt, und zwar von Gott, der ihn sendet.
Und nach diesen Erläuterungen kommen wir zum Predigttext zurück: es geht hier nicht primär um Maria oder
Mariam, sondern um Gott, der handelt, und dem dafür gedankt wird. Nicht weniger als siebenmal kommt in
diesem Lobgesang der Maria die Formulierung «er hat» vor:
• er hat hingesehen auf die Niedrigkeit seiner Magd;
• er hat Grosses an mir (d.h. Maria) getan;
• er hat Gewaltiges vollbracht mit seinem Arm;
• er hat Hochmütige zerstreut;
• er hat Mächtige vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht;
• er hat Hungrige mit Gutem gesättigt und Reiche leer ausgehen lassen und
• er hat sich seines Knechtes Israels angenommen.
Gott ist also der Akteur, er ist es, der sich um sein eines Volk und im nächsten Schritt um die
zukurzgekommenen Menschen kümmert und ihnen zu ihrem Recht verhilft. Haben Sie dabei bitte im Hinterkopf,
dass dies im Zusammenhang mit der bevorstehenden Geburt des Gottessohnes steht - dann fällt ihnen
vielleicht auch auf, wie es quasi schon ein programmatischer Vorgriff auf das Leben und die Lehre des Jesus
von Nazaret darstellt. Gott ist in Jesus auf der Suche nach seinen verlorenen und gescheiterten Geschöpfen -
den sozial und religiös Ausgegrenzten, den Armen und Behinderten, den Zöllnern und Sündern, den Juden
zuerst, dann auch Samaritanern und schliesslich völlig Fremden wie uns; den Machtlosen und den Frauen.
Deshalb ist Maria, diese unscheinbare Figur, so verblüfft, dass Gott sie in ihrer Nichtigkeit überhaupt
wahrgenommen und dann gerade sie auserkoren hat, den Messias zur Welt zu bringen - worauf die vorhin
erwähnte Ankündigung Elisabets ja hinausläuft. Und, um dies bei dieser Gelegenheit klarzustellen: wenn Maria in
einem Anflug von Enthusiasmus von ihrer künftigen Seligpreisung oder gar Glorifizierung spricht, dann wird
später (Lk 11, 27+28) Jesus selber ihr den Wind aus den Segeln nehmen, wenn er die irrige Annahme korrigiert,
dass nicht dem Schoss, der ihn getragen und den Brüsten, an denen er gesogen hat, Seligkeit zukommt,
sondern den Menschen, die das Wort Gottes hören und bewahren.
Was hier anklingt und was Sie in jedem Gottesdienst nach jeder Lesung aus der Bibel als liturgische Formel
hören (in der Albert-Schweitzer-Gemeinde heisst es prophetisch statt bewahren: die daraus leben) - das ist die
Grundvoraussetzung: eben dass wir uns dem Wort Gottes aussetzen. Wer seine Aufmerksamkeit Gott widmet,
und sei es fürs erste nur in dieser guten Stunde, die ein Gottesdienst dauert, der macht wenigstens schon
einmal Halt im Alltagstrott oder gar auf dem Weg in den Abgrund und registriert möglicherweise, dass
Wirtschaftswachstum und konjunktureller Auf- oder Abschwung schon wegen ökologischer Grenzen nicht alles
sind im Leben, sondern wie Gott einen totalen Anspruch auf eben dieses Leben erhebt (was nicht weiter
überraschend ist, schliesslich hat er es uns allen geschenkt).
Wen dies nun irritiert oder gar erschreckt - der sei darauf hingewiesen, dass schon rein sprachlich eine
Verbindung vom Hören auf Gottes Wort zum Gehorsam besteht, den Gott von uns einfordert. So lieblich die
Worte von Maria bisweilen daherkommen: dem ihnen innewohnenden Appell Folge zu leisten - das hat eine
Eindringlichkeit, die sich allerdings von Wesen und Inhalt her doch ein wenig vom permanenten Aufruf
unterscheidet, durch privaten Konsum das Wohl dieses Landes zu retten: so als wäre dies die erste
Bürgerpflicht. Doch da kann und muss nicht jeder mitmachen, vor allem nicht die, die sich letztlich einer
anderen, der einzigen Instanz verpflichtet wissen und vor der sie sich zu verantworten haben. Wie lautet daher
die Schock- oder Konfrontationstherapie unseres Predigttextes: …und heilig ist sein Name (das kennen wir als
drittes Gebot und aus dem Unser-Vater-Gebet) und seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht
(also von einer Generation zur nächsten) denen, die ihn fürchten. Fürchten ist also das Schlüsselwort, nämlich im
Sinne von Gottesfurcht oder wie es das Alte Testament formuliert: Die Furcht des HERRN ist der Anfang der
Weisheit
(vgl. Spr 1,7; 9,10). Das hat nichts mit Angst zu tun - weil hier keine reale Bedrohung besteht und das
Zittern vor dem Gericht Gottes in eine andere Kategorie fällt. Nämlich in die, die im zentralen Gebet der Israeliten
zum Ausdruck kommt: denn der Sinn dessen, dass wir den HERRN, unseren Gott, unser Leben lang fürchten
und all seine Satzungen und Gebote halten, die er seinem Volk und schliesslich dann auch uns gegeben hat, ist:
damit wir lange leben (frei nach Dtn 6,2f).
Es handelt sich deshalb nicht um eine diffuse religiöse Furcht, die mit Dämonen und Geistern rechnet, die einem
das Leben zur Hölle machen können, sondern um Mahnung und Hilfe zum Leben - ganz konkret: Ehrfurcht vor
Gott und Respekt vor dem Heiligen sind gemeint - was unsre Mitgeschöpfe miteinschliesst. Auch hier wieder
ein Rückgriff auf den historischen und ewig aktuellen israelitischen Hintergrund: im Zusammenhang mit der
Erteilung der göttlichen (zehn und der weiteren) Gebote ist Ehrfurcht die Grundvoraussetzung, d.h. die Autorität
Gottes muss akzeptiert und er ernst genommen werden - genauso, wie er uns ernst nimmt, und zwar bis auf
den heutigen Tag. Mit dieser Klärung der Beziehung zwischen Gott und uns Menschen ist die Basis gelegt, von
der aus das Bemühen um die Einhaltung der göttlichen Weisungen, wie wir leben sollen, angegangen wird.
Furcht und der tiefe Respekt vor Gott sind also ein Aspekt, und der zweite wäre dann seine Zuwendung, die er
den nach seinem Bild geschaffenen Menschen entgegenbringt - obwohl wir mit leeren Händen dastehen. Was
nicht heissen soll, das wir gar nichts zu bieten hätten: denn das Gehen seines Weges und das Tun seines
Willens - das können wir schon, genauso, wie wir es eben allzu oft nicht tun. Was freilich grob fahrlässig wäre:
denn was stellt Maria in Aussicht: dass uns seine Barmherzigkeit gilt.
Auch dieses Merkmal kommt nach deren Worten dem Wesen des Allmächtigen entsprechend mit Schmackes
daher: Gewaltiges hat er vollbracht mit seinem Arm. Die Bezeichnungen Arm oder Hand oder rechte Hand oder
mit ausgestrecktem Arm gehören zu den Attributen, mit denen Gottes biblisch bezeugtes Handeln am
häufigsten umschrieben wird. Gottes Hand ist der klassische Ausdruck für seine machtvollen Taten in der Welt,
die er erschaffen hat oder besser: erschafft und am Laufen hält und mit der er rettend eingreift. Darin
unterscheidet sich (um es salopp zu formulieren) Gottes obere Extremität wenig von der menschlichen, denn
jede Hand, die etwas tut oder tun kann - im Sinne von fähig oder geschickt sein, z.B. Klavier spielen oder einen
Computer reparieren oder eine Maschine bedienen - solch eine Hand hat immer (wenn auch letzten Endes
begrenzte) Macht, jedoch immerhin. Diesen Umstand, dies sei nicht nur so nebenbei bemerkt, hat sich von
alters her die Arbeiterbewegung zu eigen gemacht mit der Parole: «Alle Räder stehen still, wenn ein starker Arm
es will», und mehr auf funktionale Macht durch Fertigkeit abzielend hat Lenin die Devise ausgegeben, dass jeder
Revolutionär ein guter Facharbeiter sein müsse.
Andrerseits gibt es Dinge, die dann eben nicht in der menschlichen oder technischen Macht stehen: natürlich,
und dies ist angesichts der Tatsache, dass z.B. Retortenbabies seit fast dreissig Jahren, ja, realisiert werden,
nicht ironisch gemeint: die Methode der in-vitro-fertilization hat die Wahrscheinlichkeit dauerhafter
Kinderlosigkeit verringert. So wichtig und existenziell Kinderglück jedoch auch sein mag: Gott ging es nicht nur
um die Behebung eines biologischen Problems, sondern wie immer dann, wenn er in der biblischen Geschichte
einer Frau entgegen aller Erwartung doch noch zu einem Kind und Sohn (und es waren nun einmal männliche und
keine weiblichen Nachkommen) verholfen hat - dann waren diese Knaben ganz besondere Kameraden: Isaak,
der Richter Simson, der Seher Samuel, Johannes der Täufer und schliesslich die durch einen Engel
angekündigte Geburt Jesus des Gottessohnes durch eine gottesfürchtige und unscheinbare junge Frau aus dem
einfachen Volk: in dem zeigt sich, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
Glauben wir das nun oder ist das nur ein frommer Wunsch, und was sagen die Frauen, die seit Jahren in den
barbarischen Kriegen im Kongo wie am Fliessband vergewaltigt werden? Deckt sich die Sicht von Lukas, dass
die Geschichte Jesu - die mit seiner Geburt oder hier: mit deren Ankündigung durch den Engel beginnt - dass
das also Abschluss und Erfüllung der alttestamentlichen Heilsgeschichte und der Anfang eines neuen heilvollen
Abschnitts der Weltgeschichte ist: stimmt das mit unsrer Lebenswirklichkeit überein? Wo sind die Hartz IVEmpfänger,
die zwar nicht unbedingt auf der Regierungsbank, doch wenigstens im Bundestag sitzen? Wieviele
Hungrige müssen zuschauen, wie der Mais im Tank statt auf dem Teller landet - auch wenn es tröstlich ist, dass
immerhin einige Getreide- und sonstige Spekulanten aktuell leer ausgehen?
Die Antwort ist das Dilemma von «schon» und «noch nicht». Jesus als ersehnter Messias ist schon vor knapp
2000 Jahren in die Welt gekommen, um sie zu retten - und diese Welt ist noch nicht erlöst. Als ganze nicht und
noch immer seufzt die Kreatur und dies mehr denn je - was soll dann so ein Danklied wie das von Maria? Geht
das nicht total an der Realität vorbei und klingt wie blanker Hohn für die, die unmittelbar betroffen sind?
Andrerseits: welche praktikable Alternative haben wir denn: a) zum Trost und dies b) in der Hoffnung auf ein
Ende der Unrechts- und Gewaltgeschichte. Und dies wiederum durch synchrones Handeln, das sich sozusagen
in real-time mit dem göttlichen Willen rückkoppelt, ohne ihm dabei zur Last und in den Arm zu fallen. Oder, um
im Bild zu bleiben: Arm in Arm zusammenarbeitet, den Anbruch des Reiches Gottes in dieser Welt sichtbar zu
machen - und zwar alle, auch die, die von den gegenwärtigen Strukturen buchstäblich profitieren oder
vorübergehend rote Zahlen schreiben. Die Auswahl an Lösungsvorschlägen hierzu ist verwirrend hoch, das
irritiert jeden, gerade uns, die wir allzu oft allzu wenig von den komplexen Zusammenhängen verstehen (leider
geht es so manchem direkt Beteiligtem nicht besser). Vielleicht helfen grossartige Konzepte gar nicht einmal
entscheidend weiter, sondern nur Massnahmen, die von Fall zu Fall angesichts der jeweiligen Sachlage
umgesetzt werden - mit Fragen im Hinterkopf, wem das Handeln von Nutzen ist und ob es etwa ökologische
Schäden anrichtet. Das Prinzip der Lebensdienlichkeit mitgedacht, so wie es zwischen Zeilen in den Worten von
Maria herausgehört werden kann: ist das nicht ein Appell, Gottes Werk in seinem Sinne mit den uns gegebenen
Kräften zu begleiten, eben weil wir nun einmal dazu bestimmt sind, hier auf dieser Erde unser Leben zuverbringen. Und diese Welt, was ist sie: einmal Gottes Schöpfung und zum zweiten die Bühne seiner
Herrlichkeit. Wieder eine Umschreibung für seine Macht, seinen Arm, der uns lenkt, der uns Grenzen setzt und
uns befreit.
Wie das jetzt?, werden Sie fragen, das passt dann ja nicht zur uneingeschränkten Souveränität des Schöpfers.
Genau darum: wenn Gott sich selbst genug wäre, hätte er da die Erde, den Himmel, Meere, Pflanzen, Tiere und
zum Schluss uns Menschen gemacht? Prinzipiell hätte er es nicht nötig, und hat es doch getan und sich damit
aus freier Entscheidung selbst beschränkt. Nirgends kommt dies besser zum Vorschein als in der Geburt Jesu,
wie er in geheimnisvoller Weise selbst greifbare Gestalt angenommen hat (der Geist, der dabei mit beteiligt war,
ist - dies nebenbei bemerkt - die dritte Form des einen Gottes). Solch verblüffende und unverdiente Solidarität
und Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen: dieser Bund gilt gerade den Schwachen unter den Menschen,
wie sie beim Danklied der Maria beispielhaft anklingen - und das alles mit dem Ziel, sie zu stärken, sie
selbstfähig zu machen und zu ertüchtigen, um eben genau diese Umstände, also irdische
Abhängigkeitsverhältnisse, zu beseitigen. Wer sich also Gott gegenüber abhängig und verpflichtet weiss, der
gewinnt Freiheit, sich aus der Umklammerung und den Strukturen zu lösen, die verhindern, mit den persönlichen
Fähigkeiten etwas zur Verbesserung der Welt im Grossen und Kleinen beizusteuern, und der oder die bei dieser
Gelegenheit in die Lage versetzt werden, das eigene Potential auszuschöpfen.
Insofern ist das Magnificat auch eine Art frühes Kampflied der Frauenbewegung, quasi der Auftakt zu einer
zähen politischen Erfolgsgeschichte, die noch nicht abgeschlossen und einer der Schlüssel zur Minimierung der
globalen Krisen ist: wo Frauen in den nach westlichen Massstäben weniger entwickelten Ländern ihre Rolle als
reine Gebärmaschinen hinter sich gelassen haben und neben dem Wissen, wie ein Haushalt geführt wird, auch
lernen, Bücher und Bedienungsanleitungen zu lesen (in einigen Staaten ist der Bildungsstand, zusammengesetzt aus
Alphabetisierungsrate, Einschulungsquote und dem Besuch weiterführender Schulen, unter den - meist motivierteren - Frauen bereits höher
als der der Männer, z.B. in den katholisch…! geprägten Ländern: Belize, Brasilien, Costa Rica, der Dominikanischen Republik, Ecuador,
Kolumbien, Luxemburg, den Philippinen, Venezuela; daneben im südlichen Afrika in Botswana, Lesotho, Namibia und Swasiland; auf
Mauritius und auf den Seychellen und in so grundverschiedenen Staaten wie den USA und der Mongolei/Quelle: Fischer Weltalmanach
2009) - da wird erheblicher Druck vom nicht erweiterbaren Ökosystem Erde genommen, weil die im Zuge des
Klimawandels ohnehin schrumpfende Ackerfläche nicht noch mehr Menschen ernähren müsste.
Gleichberechtigung und Gleichheit also, die letzten Endes unsere Machtphantasien herunterkochen und zu
verantwortungsvoller Haushalterschaft (engl. stewardship) anleiten und befähigen, damit jeder in einer Umwelt,
auf und in einem Land lebt, das zwar nicht zwingend von Milch und Honig fliesst, jedoch alle satt macht. Aus
gutem Grund wird daher gerade in den Gottesdiensten der kommenden Tage zu Kollekten für Brot für die Welt
aufgerufen - was, auch dies sei erwähnt, insofern ein geschickter Schachzug ist, da bei vielen Bürgern in unsrem
wohlhabenden Land das Mitleid mit Not leidenden Menschen und die Spendenbereitschaft höher sind und sich
bei dem einen oder anderen gerade angesichts so mancher Üppigkeit ein schlechtes Gewissen regt. Und so
findet dann immerhin und besser als gar nicht (wer will kann natürlich jederzeit auf das einschlägige Konto-No. 500 500 500,
Postbank Köln, BLZ 370 100 50 einzahlen) das seine Entsprechung, was im Magnificat zum Vorschein kommt: Gottes
Barmherzigkeit. Gott erklärt sich bereit, seinem Volk Israel treu und fest und hilfreich beizustehen und für
Gerechtigkeit zu sorgen, wenn er ernstgenommen und gebührend geehrt wird - was Maria in ihren Worten
beispielhaft tut. In diesem Sinne ist ihr Lobgesang die Hymne auf die Zuwendung des Allmächtigen zu den
Unterdrückten, den Benachteiligten und letztlich, weil hier nichts weniger als die Freude über die verheissene
Geburt des Retters zum Ausdruck kommt, dann auch zu den in Schuld verstrickten und deshalb verlorenen
Menschen schlechthin. Dies mitgedacht mag jeder auf Gottes Erbarmen reagieren, wie er denkt, dass es dem
Einen wohlgefällt: mit Liedern und/oder Taten der Dankbarkeit. Amen.

Jost Harzer