Abschiede und Neuanfang
Abschiede und Neuanfang Text: Markus 13, 31-37
Predigt am 25.11.2007
Liebe Gemeinde,
viele von Ihnen haben im letzten Jahr einen Angehörigen verloren. Für manche ist mit diesem Tod eines nahen Menschen auch eine gemeinsame Welt zusammengebrochen. Man kann ja wirklich das Gefühl haben: die Welt geht unter, wenn der Mensch, mit dem man so viele Jahre durch Höhen und Tiefen gegangen ist, stirbt.
Und was bleibt? Natürlich sind da Bilder vom Verstorbenen, Bilder von gemeinsamen Unternehmungen in der letzten Zeit. Auch Bilder aus früheren Jahren.
Da wird vieles wieder wach. Nicht nur schöne Erinnerungen. Dunkle Zeiten hat es ja auch gegeben, wenn wir ehrlich sind.
Aber was bleibt sind nicht nur Bilder, das sind auch Gespräche. Bestimmte Redewendungen und Worte, die er oder sie immer gern gebraucht hat. Ja, solche Worte bleiben im Ohr. Da ist es fast, als ob wir die Stimme des geliebten Menschen noch einmal hören. Der, der so gesprochen hat, wird da wieder ein Stück lebendig.
„Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus, meine Worte aber werden nicht vergehen.“
Das klingt auch so, als breche da eine Welt zusammen, und doch bleiben Worte – oder vielleicht mehr als Worte? Kann das, was Jesus sagt, in unserer Situation weiterhelfen?
Er sagt in Mk 13, 31-37: 31 Himmel und Erde werden vergehen;
meine Worte aber werden nicht vergehen.
32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand,
auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht,
sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet!
Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ
sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden
seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:
35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht,
wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder
zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!
Viermal hören wir diesen Ruf zum Wachbleiben. Mich erinnert das an Jesu flehentliche Bitte an seine engsten Freunde im Garten Gethsemane: „Bleibet hier und wachet mit mir, wachet und betet, „sagte er da. (Mk 14, 38). Jesus hatte Angst vor dem Sterben, Angst vor dem Tod. Wie wichtig sind da Menschen an der Seite, die wach bleiben, die einem nahe bleiben, die für einen beten!
Viele von Ihnen, liebe Gemeinde, sind im letzten Jahr wach geblieben an der Seite der Menschen, an die wir heute denken, für die wir beten. Sie waren wie die Türhüter, von denen Jesus spricht. Wo Ihre Angehörigen über die Schwelle vom Leben zum Tod gingen, blieben Sie als Türhüter ihnen nahe, soweit das ging, ja nach inneren Kräften und äußeren Möglichkeiten.
Wir stehen mitten drin in der Situation, die Jesus hier beschreibt. Um uns herum findet das ganz normale Leben statt. Viele von Ihnen aber haben erlebt, dass Menschen sterben, dass Himmel und Erde vergehen. Viele haben auch erlebt, dass unser Leben weitergeht. Nicht so, wie vorher, aber es muss ja weitergehen. Es hat sich etwas verändert. Wir haben uns verändert. Was ist anders geworden?
Wenn ein Mensch nicht mehr da ist, verändert das meine Situation, mein Lebensgefühl. Ich muss mich neu aufs Leben einstellen. Muss manches selbst in die Hand nehmen, was vorher die oder der andere gemacht hat. Beziehungen verändern sich. Manche brechen endgültig ab und neue entstehen.
Jesus sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“. Er spricht von einer großen Veränderung, aber auch von etwas, das nicht vergeht. Jesus spricht von bleibenden Werten: seine Worte, die Worte Jesu, werden nicht vergehen.
Ich glaube, liebe Gemeinde, das ist noch mehr, als wenn wir Worte unserer Angehörigen noch in den Ohren haben, die in unserer Erinnerung lebendig bleiben. Wenn Jesus sagt, dass seine Worte nicht vergehen, wird für mich klar: Seine Botschaft erledigt sich nicht, komme, was da wolle!
Denn Jesus ist ja nicht ein für allemal gegangen. Nein, im Gegenteil: er kommt!
Das war auch die feste Überzeugung aller frühen christlichen Gemeinden. Sie erwarteten seine Ankunft sehr bald. Noch zu ihren Lebzeiten rechneten sie mit dem Tag des Herrn. Er würde kommen und die Schöpfung vollenden. Seit der Zeit der frühen Gemeinden sind allerdings mehr als 2000 Jahre vergangen.
Rechnen wir heute noch mit der Vollendung der Schöpfung?
Wer denkt daran? Wer redet darüber?
Immer weniger Menschen rechnen überhaupt mit Gott, geschweige denn mit seinem Kommen. Natürlich gibt es auch andere – denken wir z.B. an Jehovas Zeugen oder andere christliche Sekten. Sie malen sich den Tag des Herrn als furchtbares Gericht aus und machen damit sich selbst und anderen Angst.
Aber Jesus sagt: Keine Angst! Auch wenn euch eine Welt zusammenbricht. Was ich euch gesagt habe, zerbricht nicht, sondern gilt: Gott kommt, um euch und seine ganze Schöpfung zu vollenden.
Unsere Taufe nimmt diese Vollendung ein Stück weit vorweg. Seit wir getauft wurden, gehören wir zu Gott und wir dürfen uns Kinder Gottes nennen. Alle getauften Christen gehören schon zu dieser vollendeten Schöpfung, sie gehören zur neuen Welt Gottes, die kommt.
In manchen Kirchen gibt es schöne, alte Taufbecken, sicher haben Sie solche auch schon gesehen. Und viele dieser alten Taufbecken sind achteckig. Warum wohl? Ich habe gelesen, dass diese Bauweise auf eine Vorstellung zurückgeht, die mit der Schöpfungsgeschichte zu tun hat:
Die Welt wurde von Gott in 7 Tagen geschaffen, so heißt es im Schöpfungsbericht der Bibel. Achteckige Taufbecken weisen darauf hin, dass in der Taufe bereits der achte Schöpfungstag angebrochen ist, an dem Gott den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird.
Liebe Gemeinde,
wir wissen nicht, wann Gott kommt, um seine Schöpfung endgültig zu vollenden. Jesus macht uns nur darauf aufmerksam, dass er kommt und dass wir mit ihm rechnen sollen.
Also: keine Angst! Wir können sicher sein: Gott hält uns die Tür zu seinem Reich offen. Das gilt für unser Leben und für unser Sterben. Er wird kommen und alles neu machen. Er führt das zuende, was schon mit unserer Taufe begonnen hat: Gott schafft uns neu, ohne Fehler und Schwächen, ohne Trauer und Leid, ohne körperliche und seelische Schmerzen. Denn in seiner neuen Welt wird es keine Tränen, kein Leid und keinen Schmerz mehr geben.
Liebe Gemeinde! Wir sind auf dem Weg zu diesem Ziel. Und darum sollen und können wir die Zeit nutzen, die uns geschenkt ist. Die Zeit nach dem Tod eines Angehörigen ist auch geschenkte Zeit, neue Zeit.
„Was soll ich denn jetzt tun?“ So fragt sich sicher mancher trauernde Angehörige. Ich habe viel Zeit, aber keinen Mut. Ich habe Möglichkeiten, aber keine Kraft. Es stimmt, liebe Gemeinde, am Anfang ist es sehr schwer, in dem Leben, das uns bleibt, einen Sinn zu sehen. „Was soll ich überhaupt noch auf der Welt?“, so hat schon mancher zu mir gesagt. „Wäre es nicht besser, ich wäre auch tot?“.
„Aber Gott hat Ihnen nicht umsonst noch diese Zeit geschenkt.“ So sage ich manchmal oder ich denke es. Denn mit jedem und jeder von uns hat Gott etwas vor. Aber was?
„Tu, was dir vor die Hände kommt, denn Gott ist mit dir (1. Sam. 10.7)“, sagt der Prophet Samuel zu Saul, den er zum ersten König über Israel salbt. Und das ist einfach ein guter Rat für diese Situation. Meist ist es ja naheliegend und offensichtlich, was gerade dran ist, was meine Aufgabe ist.
Ich werde um Hilfe gebeten und denke mir: Eigentlich könnte ich das machen. Oder jemand ist krank, um den ich mich kümmern sollte. Oder eine Freundin fragt mich, ob ich mit ihr eine Reise machen will, sie würde sich freuen.
Manchmal braucht es auch mehr Zeit und viele Gespräche, um herauszufinden, was meine Aufgabe sein kann.
Neues ist dabei immer möglich. Ich kann mich auf anderes und andere besinnen. Auf Menschen, die mich brauchen könnten, für die ich bisher nie genug Freiraum hatte. Aber vielleicht bin ich auch selbst der Mensch, auf den ich jetzt mehr schauen muss als vorher. Vielleicht muss ich jetzt viel mehr auf meinen Körper und meine Seele achten.
Nach dem Tod eines geliebten Menschen beginnt eine neue Zeit. Eine Zeit, in der ich bewusster leben möchte. Ich will gut unterscheiden zwischen dem, was mir wichtig vorkommt, aber unwichtig ist, und dem, worauf es im Leben wirklich ankommt. Vielleicht kann ich in meinem Bereich rechtzeitig manches in Ordnung bringen, bevor es zu spät ist: Nicht nur aufräumen, wegwerfen und ein Testament machen.
Besonders wichtig ist, dass ich mir Zeit nehme für Gespräche, die mir schwer fallen, weil sie das Thema Sterben und Tod eben nicht aussparen. Und dass ich Gelegenheiten nutze, wach zu sein für die vielen kleinen Abschiede des täglichen Lebens. Das könnte helfen, den letzten großen Abschied besser zu bestehen.
Eine Gelegenheit ist auch die Musik. Es gibt einen Kanon, der heißt: „Himmel und Erde müssen vergehn`, aber die Musica bleibet bestehn´.“ Gute Musik kann uns helfen, wach zu bleiben. Und sie kann helfen angesichts des Todes. Musik hilft auch, mit der Trauer zu leben. Durch Musik wird auf wunderbare Weise das Evangelium verkündet, Musik kann den Glauben stärken. Auch darum wird in einem christlichen Gottesdienst immer viel gesungen.
Wenn Jesus sagt: Meine Worte werden nicht vergehen, dann meint er auch: Gott schenkt neues Leben, allen denen, die dem Tod begegnen.
Die Bruchstücke unseres Lebens nimmt er, wie sie sind, und schafft uns daraus ein völlig neues Leben. Wir müssen das nicht verstehen, aber wir können es voller Hoffnung annehmen.
Wo unser Leben zuende geht, da beginnt unser neues Leben in Gottes Nähe. Da wird es kein Leid und keine Tränen mehr geben, keine Angst und keinen Schmerz. Es ist ein guter Ort, an dem wir sein werden – eine andere Dimension, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Aber sie ist doch genauso wirklich wie die Welt, in der wir heute leben. Und dort sind unsere Verstorbenen gut aufgehoben. Amen.Karin Meier, Pfrn.