Christsein heißt unterwegs sein

Predigt am 09.03.2008

Text: Hebräer 13,12-14:

12. Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
13. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Gemeinde!

Ich möchte Ihnen zu Beginn zwei kleine Geschichten erzählen:
Die Kolleginnen wollen kurz vor Feierabend anstoßen, eine hatte Geburtstag. Selbst die Chefin ist dabei. Eine lehnt ab. „Was, du trinkst nicht mit? Was ist denn mit dir los?“ „In der Zeit vor Ostern verzichte ich auf Alkohol“, sagt sie. Die anderen gucken komisch. „Mach doch mal ne Ausnahme, weil Geburtstag ist,“ redet man ihr zu. Als sie aber dabei bleibt, wenden sie sich ab.
„Die war schon immer so komisch“, heißt es, „Kann sich einfach nicht amüsieren“. Und die Kollegin packt ihre Sachen und geht.

Seit Jahren treffen sich die vier Freunde jeden Donnerstagabend in der Kneipe: Doppelkopf spielen, Bier trinken, über Kollegen lästern, Fußballspiele kommentieren, von der Familie erzählen. Die kleinen Freuden und Sorgen des Lebens austauschen.
"Kennt ihr den?" Vielleicht hat Christian heute ein bisschen mehr getrunken als sonst. Auf einmal fängt er an, Judenwitze zu erzählen.
Frank sieht ihn erstaunt an, dann grinst er. Michael lacht. Thomas sieht vor sich hin und schweigt. Nach einer Weile sagt er: "Christian, es reicht." - "Was denn, man wird doch unter Freunden mal einen Witz machen dürfen!", verteidigt sich Christian. "Nein", sagt Thomas, "darüber macht man keine Witze." - "Ach, was", sagt einer der anderen, "du verstehst eben keinen Spaß." Thomas steht auf und geht. Als er am nächsten Donnerstag in die Kneipe kommt, ist sein Platz belegt. Die anderen drehen ihm den Rücken zu.

So lasst uns nun ... hinausgehen aus dem Lager“, sagt unser Predigttext, hinausgehen und Grenzen überschreiten. So wie Jesus es getan hat. So ein Verhalten hat Konsequenzen. Denn außerhalb des Lagers gehört man eben nicht mehr dazu.

Draußen weht ein rauer Wind. Da haben wir keinen Anteil mehr an der Wärme gemeinsamer Erinnerungen, an dem Füreinanderdasein, an dem gegenseitigen Sich-den-Rücken-Stärken. Im Lager, in der Clique, im Freundeskreis, da fühlen wir uns stark, aber draußen, außerhalb unserer Gruppe, draußen sind wir allein auf uns gestellt.

Hinausgehen aus dem Lager, Grenzen überschreiten, Sicherheiten aufgeben. So hat Jesus gelebt, bis hin zur letzten Konsequenz.

Jesus kennt keine Grenzen, kein "draußen und drinnen", wenn es um Menschen geht. Die Grenze zwischen "heilig" und "unheilig", zwischen "zu Gott gehörig" und "gottlos", zwischen "rein" und "unrein", diese Grenzen lässt Jesus nicht gelten.
Er verlässt das Lager der Frommen, so wird uns in allen Evangelien erzählt. Jesus isst mit Sündern. Er ekelt sich nicht vor Aussätzigen. Er sieht sie an, er berührt und heilt sie. Er schenkt Fremden Aufmerksamkeit.
Es gibt keinen Raum, keinen Menschen, der von Gottes Gnade ausgeschlossen ist. Das ist Jesu Überzeugung. Die heilige Ordnung, die Gesetze und Gebote Gottes, sie sind für den Menschen geschaffen und nicht umgekehrt. Jesus zeigt das mit seinem Leben.

Und mit dieser Haltung ist Jesus eigentlich immer "außen vor". Und er konnte das ertragen. Er hatte die Kraft und das Vertrauen, ohne die Sicherheiten der Gemeinschaft zu leben.
Und er trägt die Konsequenzen. Seine Familie stößt er vor den Kopf. Er verzichtet auf Wohlstand und Bequemlichkeit. Er riskiert den Ausschluss aus der Gemeinschaft seiner Verwandtschaft. Er stellt sich gegen die, die das Sagen haben im Land. Und am Ende ist er auch ausgeschlossen aus der Gemeinschaft seines Volkes: Er stirbt am Kreuz auf Golgatha.
Am Ende hat er für seine Überzeugung sein Leben eingesetzt.

Seine Freunde wollten ihn noch davon abhalten, nach Jerusalem zu ziehen. Sie sahen die Gefahr. Jesus sah sie auch. Aber er war von einer inneren Gewissheit getragen, die größer war als alle „äußerlichen Sicherheiten. Er wusste, was er tun sollte und musste. Er verließ sich ganz auf Gott im Leben und im Sterben.
Draußen vor dem Tor der Stadt Jerusalem wird er gekreuzigt. Da draußen stirbt der Mensch, der sich allein an Gott gehalten hat und nichts anderes an seine Stelle setzte. Und er stirbt auch für uns.

In unserem Predigttext heißt es: "Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor." (V 12)
Und weiter:
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Die zukünftige Stadt ist das Ziel. Ein Bild für die unzerstörbare Gemeinschaft der Menschen untereinander und mit Gott. In der Bibel wird dieses Bild weiter ausgeführt: Da ist die Rede von der heiligen Stadt, vom neuen Jerusalem. Dort wird kein Leid sein, kein Geschrei, kein Schmerz.
Gott wohnt als Nachbar nebenan. Ganz nah ist er bei den Menschen und wischt ihnen die Tränen vom Gesicht. (Offb 21)
Das ist das Ziel, von dem uns erzählt wird.
Ist es auch unser Ziel? Und wie kommen wir dahin?

Liebe Gemeinde, die Nachfolge Jesu ist nicht leicht.:
"So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen." heißt es ja. Das Lager verlassen. Sicherheiten aufgeben. Das ist schwer. Fast zu schwer.

Aber vielleicht machen wir es uns manchmal auch zu leicht. Vielleicht wagen wir tatsächlich zu wenig.
Wir könnten doch mutiger sein. Wir haben ja weniger zu verlieren als wir meinen, sagt der Predigttext. Denn unsere Sicherheiten, unsere liebgewordenen Privilegien sind ja ohnehin nicht von Dauer. "Wir haben hier keine bleibende Stadt ."

Worauf setzen wir eigentlich, liebe Gemeinde? Auf Geld? Auf Gesundheit? Auf die Familie? Ich will das nicht schlecht reden.
All das spielt eine große Rolle - auch in meinem Leben. Und doch weiß ich, wie zerbrechlich das ist:

Am Ende wird dies nicht mehr wichtig sein.
Gesundheit bleibt nicht für immer. Krankheit gehört zum Leben dazu. Kinder bleiben nicht immer in der Familie. Sie gehen irgendwann aus dem Haus. Viele Ehen zerbrechen. Es kann auch sein, dass einer der Partner stirbt.
Wir wissen es alle: Familie, Gesundheit, Geld - es ist gut, wenn das nicht das Einzige ist, was uns hält. Denn "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."

Auch die zukünftige Stadt "haben" wir nicht.
Deshalb suchen wir diese Stadt, in der wir schon heute ein Bürgerrecht haben. Das Bürgerrecht in einer zukünftigen Stadt, die wir noch nicht beziehen können: Was bringt das?

Es bringt eine neue Lebensperspektive: Wir fühlen uns aufgehoben in etwas, das größer ist als wir selbst. Da wartet etwas auf uns und leuchtet in unser Leben hinein.
Das macht uns unabhängig und geistesgegenwärtig. Das verhilft uns zu einem klaren Blick auf unser Leben. Das Bürgerrecht in der kommenden Stadt stellt unsere Gegenwart mit ihren vermeintlichen Sicherheiten in Frage. Es gilt, Letztes und Vorletztes zu unterscheiden. Wichtiges und Unwichtiges.

Ich will lernen, von der zukünftigen Stadt her die Gegenwart zu sehen. Paulus hat für diese Lebenseinstellung einen Ausdruck geprägt, der Ihnen vielleicht bekannt vorkommt:
"Haben, als hätte man nicht" (1. Kor 7).

Ja, es ist gut, wenn Menschen sich in ihrer Familie geborgen fühlen. Was für ein Glück, wenn man sich geistig und körperlich fit fühlt und Anstrengungen anerkannt werden.
Wie zufrieden kann materieller Wohlstand machen, der es erlaubt, sich selbst und anderen Gutes zu tun. Und doch gilt unter der Perspektive der zukünftigen Stadt: Wir sollen haben, als hätten wir das alles nicht! Alles, was wir haben und erleben und kaufen ist ja nur vorläufig - und deshalb eben nicht so wichtig.

Ganz konkret gesagt: Es hängt eben nicht alles davon ab, wie gut einer jemand in Sport ist und ob alle anderen ihn cool finden. Entscheidend ist nicht, wie viele Stufen jemand auf der Karriereleiter weiterkommt. Oder was eine an Besitz und Vermögen zusammengebracht hat. Nicht einmal die Gesundheit ist die Hauptsache. In der Perspektive der zukünftigen Stadt ist das alles nur vorläufig. Wer im Horizont der zukünftigen Stadt lebt, der wird weiterhin haben und kaufen, der wird sich seines Erfolges, seines Besitzes, seiner Gesundheit erfreuen. Der freut sich über gesellschaftliche Anerkennung und sportliches Geschick. Aber er oder sie weiß zugleich: Das ist nicht alles. Und: Es gibt Wichtigeres. Das Ziel ist die zukünftige Stadt. Nicht, dass wir sie schon hätten. Wir suchen sie. Aber wo?

Innerhalb des vertrauten Lagers ist diese Stadt nicht zu finden. Manchmal vergessen wir, liebe Gemeinde, dass wir als Christinnen und Christen auf der Durchreise sind. Wir werden unbeweglich. Das Reisegepäck lastet schwer auf uns. Wir sind beladen mit Erfahrungen und Errungenschaften. Das kann Ballast sein, der das Vorankommen schwer macht und uns vom Ziel ablenkt.

Ein Tourist machte Station in einem Kloster. Er wurde freundlich aufgenommen. Ein Mönch zeigte ihm das Kloster. Unter mehreren Mönchszellen konnte er eine als Schlafquartier wählen. Sie waren alle spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Stuhl. Der Tourist betrachtete die Zellen und fragte dann: "Und wo sind alle Ihre Möbel?" - "Wo sind denn Ihre?" erwiderte der Mönch. Verwirrt antwortete der Tourist: "Ich bin ja nur auf der Durchreise." Der Mönch lächelte: "Wir auch."
Amen.

Karin Meier