Der Turmbau zu Babel und anderswo
Liebe Gemeinde!
Vier Kinder, so im Alter von 9 oder 10 Jahren, treffen sich in der Schulpause. Sie machen einen sehr glücklichen und erleichterten Eindruck. Wahrscheinlich ist gerade Mathe vorbei. Oder Religion. Auf jeden Fall führen sie ein äußert interessantes Gespräch.
Der eine meint: „Meine Mutter hat eine Supervilla“
Daraufhin antwortet ein Mädchen: „Ph, na und, mein Papi hat einen feuerroten Ferrari.“
Und der dritte in der Runde meint ganz cool: „Meine Mutter hat den besten Golflehrer, den es gibt.“
Die Vierte, das ist die Kleinste in der Runde, löffelt nur still ihren Joghurt und das ganze Getue um sie herum scheint sie nicht zu interessieren. Schließlich, als alle Blicke an ihr haften bleiben, und als die anderen drei es nicht mehr erwarten können, sie auszulachen, weil sie bestimmt nicht so etwas Großes, Bombastisches vorweisen kann, da antwortet sie ganz locker: „Und meine Mami hat mich lieb.“
Liebe Gemeinde, vielleicht erinnern Sie sich, diese Szene schon einmal im Fernsehen gesehen zu haben. Es ist aus einem Werbespot für Almighurt. Einmal davon abgesehen, dass die Macher des Werbespots den Eindruck erwecken wollen, dass Mamis Liebe sich darin zeigt, dass sie ihrer Tochter einen Almighurt mit in die Schule gibt, gefällt mir eine andere Botschaft, die in diesem Werbespot zum Ausdruck kommt: Größe kann Liebe nicht ersetzen. Und wenn Größe um ihrer selbst willen demonstriert wird, dann kann kein Segen darauf liegen.
Und schon sind wir bei unserem Predigttext, den wir eben in der Lesung schon gehört haben: Dem Turmbau zu Babel.
Der Turm, den die Babylonier gebaut haben, ist nie fertig geworden. Denn er war das Symbol menschlicher Überheblichkeit. Ähnlich wie die Türme einer kleinen Stadt namens San Gimignano, ein Städtchen in der Toskana. Diese Stadt ist schon im Mittelalter zu einem Anziehungspunkt besonderer Art geworden. Sie ist es bis heute geblieben, und zwar genau wegen dieser hohen Türme. Gebaut wurden sie von den verschiedenen alten Geschlechtern, die die Stadt beherrschten und die sich untereinander Konkurrenz machen wollten. Und in Bezug auf die Konkurrenz hatten sie eine einfache Spielregel: Wer von uns den höchsten Turm baut, der ist der Größte. Und – das Spiel hat funktioniert. Im Laufe weniger Jahre ist eine beeindruckende Silhouette entstanden. Turm steht neben Turm. Einer höher als der andere und besichtigungsfähig bis heute. Beeindruckend. Beeindruckend nicht nur wegen der Höhe, sondern weil deutlich wird, wie viel Energien die Menschen aufzuwenden in der Lage sind, wenn es darum geht, der oder die Größte zu sein.
Der allerhöchste der Türme in San Gimignano heißt Teufelsturm. Der Name kommt daher, sagte eine alte Legende, weil sein Erbauer ein Leben lang bestritten hat, mit dem obersten Stockwerk dieses Turmes irgendetwas zu tun zu haben: „Das hat kein anderer erbaut als der Teufel persönlich“, war seine Erklärung. Das mag wie eine billige Ausrede klingen für menschliches Konkurrenzdenken und Größenwahn. Im Nachhinein wollte wohl keiner mehr dazu stehen.
Dabei war die Wahrheit ganz einfach: Den obersten Stock hat keiner gebraucht. Hier wurde gar nicht gewohnt. Dieses Stockwerk war nur dafür da, andere zu überbieten und selbst der Größte zu sein. Und das soll der Teufel gebaut haben. Das baut möglicherweise immer der Teufel. Nicht nur in San Gimignano. Nicht nur in Babel. Und darum liegt kein Segen darauf.
Übertragen auf unsere Verhältnisse kann das auch z.B. die Reise auf eine karibische Insel sein, auch wenn das Urlaubsgeld eigentlich nur für einen Kurzurlaub in Deutschland reicht. Aber wie macht sich das auf Ansichtskarten und im Gespräch beim Friseur? Zum Glück kann man auch für den Urlaub Kredit aufnehmen.
Und die neidischen Blicke der Nachbarn entschädigen für die belastenden Ratenrückzahlungen. Egal, Hauptsache, der andere ärgert sich.
Das kann auch das neue Auto sein. Eigentlich wollte man es eine Nummer kleiner. Bei den Energiepreisen! Egal. Die neidischen Blicke der Leute entschädigen für die Kosten: Zeig mir dein Auto und ich sag dir, wer du bist.
Das kann auch das eigene Kind sein: „Ja, meine Tochter kann aber schon fließend lesen“, schwärmt die eine. Ein anderer erzählt: „Mein Sohn studiert ja jetzt Medizin.“ Kommt es darauf an?
Ein weiterer Aspekt: wenn ich zugeben muss, dass der andere besser ist als ich – das fällt vielen schwer. Obwohl genau das wirkliche Größe ausmacht.
Da verschanzt man sich auch gerne in seinem Teufelstürmchen. Wenn ich zugebe, dass der oder die andere besser ist, dann muss ich von meinem Turm heruntersteigen, um wieder Bodenkontakt und Bescheidenheit zu finden.
Ja, wenn man mit dem Blick auf andere all seine Energie und viel Geld daran setzt, der oder die Größte, Schönste, Beeindruckendste oder Coolste zu sein, was kann dabei anderes herauskommen als ein Teufelsturm?
Der Turm zu Babel. Menschen begannen ein Bauwerk, das bis zum Himmel, ja in den Himmel reichen sollte.
Letztlich ging es gar nicht darum, ein sinnvolles und brauchbares Gebäude zu errichten, sondern nur ein Denkmal der eigenen Größe. Unüberbietbar. Teuflisch.
Das Unternehmen ist misslungen. Der Bau blieb unvollendet und die Menschen zerstreuten sich in alle Winde. Auf einmal verstanden sie einander nicht mehr. Mit unterschiedlichen Geschichten aus verschiedenen Zeiten wird also deutlich: Denkmäler der eigenen Größe haben selten eine Zukunft. Sie fallen ziemlich regelmäßig in sich zusammen. Oder werden abgerissen. Wie die Statuen von Hitler, Lenin, Stalin und Saddam Hussein. Weil sie alle versuchen, etwas an Gottes Stelle zu setzen, was nicht göttlich ist: Ihr eigenes Ich.
Was in den Himmel wächst und für nichts anderes da ist, als andere klein zu machen, das ist hochgradig gefährlich. Im ersten Gebot heißt es: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Niemand anbeten oder anhimmeln außer Gott, auch nicht sich selber, das gebietet uns Gott. Ein heilsames Gebot. So können Menschen in Frieden zusammenleben.
Liebe Gemeinde,
Sie und ich sollten aufpassen und es nicht zulassen, dass Kinder lernen: „Ich bin mehr wert als du, weil meine Mutti eine Villa und Papi einen Ferrari hat.“ Erinnern Sie sich noch an die Antwort des kleinen Mädchens vom Anfang? Sie hat sich nicht verrückt machen lassen und gemeint: „Und meine Mami hat mich lieb.“ Ich denke, die Kleine weiß, worauf es ankommt. Nicht auf den richtigen Joghurt, nicht auf Reichtum und Macht, sondern auf Menschen, denen ich wichtig bin, die mir wichtig sind. Es kommt darauf an, dass wir Menschen kennen, von denen wir sagen können, dass sie uns und wir sie lieb haben. Das ist mehr wert, als der schönste und höchste Turm, auch wenn er bis in den Himmel reicht. Größe kann Liebe nicht ersetzen.
Kanzelsegen: Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Amen.