Ertedank
Text und Predigt: 30.09.2007
Text:
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand,
und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn 's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."
So ging es viele Jahre, bis lobesam
der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende, 's war Herbsteszeit,
wieder lachten die Birnen weit und breit,
da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir 'ne Birne mit ins Grab!"
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus
trugen von Ribbeck sie hinaus;
alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
sangen "Jesus, meine Zuversicht!"
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"
So klagten die Kinder. Es war nicht recht;
ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht.
Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
und voll Misstrauen gegen den eigenen Sohn,
Der wusste genau, was damals er tat,
als um eine Birn ins Grab er bat;
und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
ein Birnbaumsprössling spross' heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
und in der goldenen Herbsteszeit
leuchtet 's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung übern Kirchhof her.
So flüstert 's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert 's: "Lütt Dirn,
kumm man röwer, ick gew di 'ne Birn!"
So spendet Segen noch immer die Hand
des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Ansprache:
Liebe Gemeinde!
Ich stelle mir dabei einen stattlichen Birnbaum vor, den der alte Herr von Ribbeck in seinem Garten hat. Er trägt gut. Die Früchte sind gesund, die Ernte wird wieder gut.
Herr von Ribbeck hat allen Grund stolz, froh und dankbar zu sein. Wenn die Ernte gut ausfällt, braucht er sich keine Sorgen zu machen, wie er seine Familie und sich satt bekommt.
Die viele Arbeit hat sich gelohnt. Denn natürlich wird er seinen Birnbaum gehegt und gepflegt haben. Die gute Ernte ist das Ergebnis von dem richtigen Maß an Arbeit und Ruhen: Boden bearbeiten, säen und pflanzen und in Ruhe wachsen und reifen zu lassen; Boden lockern, Unkraut jäten, gießen, düngen und Sonne und Regen zur rechten Zeit.
Eine gute Ernte ist das Ergebnis menschlicher Arbeit und göttlichen Wirkens. Wer von Ihnen selbst einen Garten oder sogar einmal etwas Landwirtschaft hatte, hat das ja Jahr für Jahr erleben und beobachten können.
Wichtig ist aber nicht nur die Ernte selbst, sondern auch was mit ihr geschieht. Der alte Herr von Ribbeck kann stolz, froh und dankbar für seine guten Früchte sein. Er hat genug, um dem Winter sorglos entgegenzublicken.
Er hat sogar mehr als genug und teilt. Freigiebig verteilt er Birnen an die Kinder. Die Gabe kommt von Herzen.
So geteilt wird die Ernte erst richtig zum Segen. Der Überfluss des einen gleicht den Mangel der anderen aus. Und es kommt noch etwas anderes rüber, denn der alte Herr verschenkt nicht nur leckere Früchte, sondern auch Aufmerksamkeit, Zuwendung, Freundlichkeit, menschliche Wärme - also auch Nahrung für die Seele.
Ganz anders ist dann der junge Herr von Ribbeck, der Erbe des herrlichen Birnbaums. Der baut erst einmal einen Zaun um das Gelände. Da kommt keiner mehr ran. Warum nur? Hat er etwa schlechte Erfahrungen damit gemacht, dass einem niemand Großzügigkeit und Freundlichkeit dankt, dass er nur ausgenutzt wird?
Hat er Angst, selber zu kurz zu kommen, dass das Verschenken Überhand nimmt und für ihn zu wenig übrig bleibt?
Was auch immer ihn dazu bewogen haben mag, die Folgen sind unübersehbar: er lebt im Überfluss, wo andere Mangel leiden. Lieber nimmt er in Kauf, dass ihm Früchte vergammeln, als dass er auch nur eine verschenkt.
Enttäuschung und Kälte machen sich breit. Die Kinder mögen sich noch einen Sport daraus gemacht haben, wem es wohl gelingt, über den Zaun zu klettern und dem geizigen Mann Birnen zu stibitzen, ohne erwischt zu werden.
Davon steht zwar nichts im Gedicht, doch möglich wär 's immerhin und manche würden stillschweigend zustimmen: "Das geschieht dem alten Geizkragen recht!"
Wohin aber diese im Kleinen praktizierte Haltung führt, wenn sie im großen Stil um sich greift, können wir leider tagtäglich erleben. Der Überfluss der einen zieht Mangel, Not und soziale Spannungen bei den anderen nach sich.
Zum Glück, ja Gott sei Dank, endet das Gedicht nicht beim geizigen Erben.
Clever und listig hat der alte Herr von Ribbeck dafür gesorgt, dass der Segen weitergeht, dass für alle auch nach seinem Tod genug da ist. Ein neuer Birnbaum wächst auf seinem Grab, ohne Zaun, frei zugänglich für alle.
Im Handeln des alten Herrn von Ribbeck spiegelt sich etwas von Gottes Handeln, von Gottes Umgang mit seinen Gaben und seinen geliebten Menschen wider:
Gott lässt genug für alle wachsen, niemand müsste Not leiden.
Sein Segen reicht weiter als menschliche Besitzstandswahrung und Gier.
Seine Gaben sind reichlich, sein Segen vermehrt sich erst richtig durch Teilen und Weitergeben.
Wir feiern Erntedank - Gott sei Dank! Gott gibt so reichlich, dass wir teilen, weitergeben und miteinander feiern können. Amen.
