Heiligabend 2009
Wenn Engel Menschen werden
Text: Luk 2, 10-14 u. Ps. 91:
Liebe Gemeinde!
Engel sind seit einigen Jahren wieder in Mode gekommen. Wir können uns die Zeiten schon kaum noch vorstellen, als sie sich nicht verkaufen ließen. Mittlerweile haben viele von uns schon eine richtige Kollektion. Barocke Engelchen, welche aus Holz mit Goldüberzug, Engel aus Terrakotta oder Putten aus weißem Porzellan, Raffael-Engel, die Dosen zieren, Schutzengelchen aus Holz mit Text und wildem Haar. Schöne, anmutige Engel, gute Geister. Haben die Menschen wieder mehr Sehnsucht nach Engeln auf Erden, nach hilfreichen Beschützern?
Oder wirken die Verkaufsstrategien? Ach, auch guten Geistern gegenüber werden wir misstrauisch.
Im Psalm 91 heißt es:
Im Psalm 91 heißt es:
Gott wird dich mit seinen Fittichen decken und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild.
Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Engel können eine Nacht hell machen.
Engel begleiten auf Wegen durch dunkle Schluchten.
Engel sind Briefträger Gottes für gute Nachrichten.
Engel reden durch Träume und bringen Menschen auf einen neuen Weg.
Engel schickt Gott als seine Vorboten.
Engel können auch Angst machen, daher sagen sie oft als erstes:
"Fürchtet euch nicht“ oder „fürchte dich nicht.“
Und niemand hat Bedenken, sich einen Engel in den Wohnzimmerschrank zu stellen. Die sind ja so schön handlich. Oder handhabbar? Keine Scheu vom Schutzengel zu sprechen. Wenn ich mich umhöre, was Menschen über Engel denken, heißt es oft:
"Ja, da habe ich wohl einen Schutzengel gehabt,
- bei meinem Motorradunfall damals“. bei meiner Wanderung, als ich mich so verirrt hatte, dass ich da wieder herausgefunden habe. Ja, da habe ich wohl einen Schutzengel gehabt
- dass ich noch in dem Monat zum Arzt gegangen bin und es war früh genug für die Behandlung.
Schutzengel? Ja, davon sprechen viele.
Aber an Engel glauben?
„Nein, das nun doch nicht.“ Ist da zumeist die Antwort.
Aber warum dann überhaupt Engel, warum nicht gleich die Erklärung "Glück gehabt".
Glück braucht eine Adresse, einem Schutzengel dankbar zu sein, das ist schöner, als nur auf das Schicksal zu verweisen, das heute Gutes, morgen Böses bringen kann. Die Vorstellung von einem Schutzengel schafft Vertrauen. „Wenn der Engel mich einmal beschützt hat, dann brauche ich mir auch in Zukunft keine Sorgen zu machen.“ Und ein Schutzengel ist ja auch etwas Persönliches. Er ist nur für mich allein da. Ein tröstlicher Gedanke. Aber darüber hinausgehen, wirklich an die Macht der Engel glauben, an eine Kraft, die Himmel und Erde verbindet. Das kann es doch eigentlich nicht geben.
Vielleicht verkaufen sich die niedlichen Engel deswegen so gut, weil sie Engel in abgeschwächter Form sind. Und vielleicht erfüllt beim Anblick solcher Engel den einen oder anderen doch die Sehnsucht:
„Schön, wenn es so etwas gäbe, ein unsichtbarer Begleiter, der auf mich aufpasst, der mehr sieht und hört als ich selbst.“
Ja, liebe Gemeinde, wir könnten sie wirklich gut gebrauchen, die Engel - nicht nur da, wo wir nicht mehr weiterwissen.
Kommt uns denn Gott immer so nahe? Brauchen wir nicht einen Boten, einen Erklärer, jemanden, der uns die Augen und Ohren dafür öffnet, was möglich ist in unserer Welt, über unseren Horizont hinaus, jenseits des Menschenmöglichen. Und wenn es so vage ist, was wir manchmal spüren, an Kraft zwischen Himmel und Erde und wenn wir diese Kraft nicht direkt Gott nennen wollen, heißt sie dann nicht "Engel", die Kraft Gottes, die wir kaum ausdrücken können?
Und Engel Gottes kommen in der Bibel immer dann, wenn Gott ganz sicher gehen möchte, dass Menschen ihn verstehen. So verwundert es nicht, dass unsere Weihnachtsgeschichte voller Engel ist.
Ein Engel ist es, der dem Joseph im Traum erscheint. Ein Engel ist es, der mit Maria spricht und ihr die Geburt Jesu ankündigt. Engel sind es, die den Hirten erscheinen, mitten bei der Arbeit. In ihrem Alltag.
Ungeheuer fremd wirken diese Engel, großartig und heilig und strahlend hell.
Und welch beeindruckende Worte die Engel sagen: "Euch ist heute der Heiland geboren - Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden ... "
Sie kommen, verkünden ihre Botschaft und entschwinden wieder. Sie machen sich nicht alltäglich. Sie geleiten die Hirten nicht zur Krippe. Sie sagen, was zu sagen ist, und entziehen sich wieder. Und dann?
Wo sind sie geblieben – die Engel?
Wo sind die Engel in unserer Welt heute?
Wo Engel fehlen, wissen wir sofort.
Da, wo wir Weihnachten "wie immer" feiern und schon vorher wissen, was herauskommt, enttäuschte Gesichter bei den Geschenken, Gespräche ohne wirkliches Interesse aneinander, Pflichtbesuche, Sticheleien, Streit.
Engel fehlen, wo wir überhaupt jede Erwartung aufgegeben haben und Weihnachten feiern, weil es eben sein muss – wegen der Eltern, wegen der Kinder.
Engel fehlen, wo wir gar nicht mehr glauben können, dass Gott uns an Weihnachten auch dieses Jahr beschenken will, mit seiner Nähe, mit seiner Gegenwart.
Engel fehlen wohl auch, wo Friedenssicherung so schwer ist wie in Afghanistan und dem Irak oder bei den Hirtenfeldern von Israel und Palästina heute.
Engel fehlen, wo wir uns ins Unabänderliche schicken, angesichts der Not und des Unrechts dieser Welt.
Also haben uns die Engel verlassen, unwiderruflich?
Die Weihnachtsgeschichte, die wir vorhin gehört haben, erzählt eine unglaubliche Verwandlung. Es wird nämlich erzählt, wie Menschen zu Engeln werden und dennoch auf dem Boden dieser Erde bleiben. Diese Engel fliegen nicht, flüchten nicht in leere Räume, sondern bleiben der Erde. Sie bleiben den Menschen treu. Sie gehen, sie sehen und reden.
"Da sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die uns der Herr kundgetan hat."
Aus Menschen werden Engel. Aus Hirten werden Boten.
Aus Leuten, die sich selbst für unveränderlich hielten - aus Menschen, die auf dem Feld arbeiten mussten, draußen, abseits, mit ihren eigenen rauhen Sitten, aus Menschen, die ein armes und hartes Leben lebten, ohne Hoffnung auf Veränderung - aus diesen Hirten werden Menschen, die sich auf den Weg machen, die Boten einer guten Nachricht sind.
Als alles vorbei war, als die Engel in den Himmel entschwunden waren, da hätten sie sagen können: „Am Himmel steht der große Wagen und der große Bär und dahinter das Dunkel. Der Himmel bewegt sich nicht, warum sollen wir uns bewegen? Wir haben nur geträumt, das war alles. „
Als alles vorbei war hätten sie sagen können: „Auf irgendwelche Illusionen, auf Erscheinungen, die wir uns einbilden in so einer einsamen Nacht, darauf fallen wir nicht herein. Lasst uns bleiben, wo wir sind. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“
Als alles vorbei war, hätten sie sagen können: „Es bleibt ja doch alles, wie es gewesen ist. Uns wird kein Retter geboren, es sei denn, wir retten uns selbst.“
Sie aber, die Hirten, entschließen sich zu gehen und zu sehen. Was bewegt und verwandelt sie? Sicher nicht die Lichter, der wunderbare Glanz, die himmlische Erscheinung, sondern das Wort:
"Euch ist heute der Retter geboren, welcher ist Christus, der Herr. Sie nehmen dieses Wort an, sie nehmen es sich zu Herzen. Und so geraten sie in Bewegung, mitten in der Nacht. Das Wort bringt sie auf die Beine, und sie gehen hin, um zu sehen, um zu erleben, was Gott getan hat.
Ja, und wer kann uns hindern, dass auch wir sagen: „Das Wort von dem Sohn Gottes an Weihnachten ist eindeutig, lasst uns also gehen, fort aus den Geschäften des Alltags, die uns nicht loslassen wollen.“ Wer sich das Wort zu Herzen nimmt, wird verwandelt, wie die Hirten. Wo Gottes Engel redet, da bleibt es nicht beim Alten.
Wer kann uns hindern, auf unser Gefühl zu hören und eine Freundin anzurufen, die sich so merkwürdig lange nicht gemeldet hat, und einfach ein wenig Zeit für sie zu haben.
Wer kann uns hindern, auf unsere Kinder zu hören, wenn sie zum wievielten Male fragen: Spielst du jetzt mit mir?
Wer kann uns hindern, auf uns selbst zu hören, wenn nichts so läuft wie geplant und festzustellen: Es ist gut so, dass ich nicht alles schaffe. Und endlich Weihnachten werden zu lassen.
Wer kann uns hindern, Versöhnung zu suchen, Trost zu geben, Freundlichkeit zu schenken, Verständnis zu haben, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft.
Wer kann uns hindern?
Niemand kann uns letztlich hindern. Wo Gott redet, bewegen sich Menschen. Die Hirten jedenfalls gehen und sehen:
Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen."
Das Wort Gottes wurde lebendig, nahm Gestalt an, wurde sichtbar, wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut, keine bloße Idee, keine Theorie, wie mans besser machen müsste. Gottes Wort wurde lebendig. Jesus, das Kind, der Bruder, der Sohn, ein Mensch, der so lebendig ist, dass ihn niemand aus der Welt schaffen kann.
Als sie nun das Kind gesehen hatten, hatten die Hirten ein für allemal ihr Ziel gefunden, beauftragt als Boten Gottes, als Engel, die keine Flügel nötig haben.
Was ist unser Ziel?
Das Ziel könnte sein, dass wir dieses Kind im Auge behalten. Also lasst uns gehen und sehen. Wir werden ihn bei den Menschen treffen, wohin er uns sendet. Es ist nicht nötig, in den Himmel zu schauen. Der hat sich nämlich längst bewegt.
Es ist auch nicht mehr nötig, lange nach innen zu schauen, ob wir Gott dort finden, ganz in uns, ganz still für uns.
Er ist schon da, in seinem Wort, sichtbar mitten unter uns.
Er ist da, in den Menschen um uns und neben uns in der Heiligen Nacht, die mit uns hören und sich nach Frieden, nach den Engeln, nach Gott selber sehnen.
Die Hirten haben das Kind gesehen, und sie haben nicht geschwiegen. So wie sie zu Gottes Boten, zu Engeln werden, so können auch wir es werden. Gehen wir los, werden wir zu Engeln in dieser Welt – für die Notleidenden, für die Einsamen, für die Kranken, für die Traurigen, für die, die in Sorge und Angst leben, für die, die im Streit leben, gehen wir los, werden wir zu Engeln und bringen unsere gute Botschaft zu den Menschen. Amen.Karin Meier