Heiligabend

Predigt am 24.12.2007 – „Gott wurde Mensch“ - Text Joh 1,1-4

Liebe Gemeinde!

Ein Kind wird geboren, zwei Menschen sind Eltern geworden, sie bekommen Besuch von Hirten, die in der Nähe waren. Die schauen sich das neugeborene Kindchen an. So beginnt die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium Kapitel 2.
Gott kommt im Kleinen - er braucht nichts Besonderes.

Maria und Josef haben kein Zimmer gefunden, sie sind einfache Leute und müssen mit einem Stall vorlieb nehmen. Und das Kind liegt in der Futterkrippe.
Nichts Besonderes also, ganz normale Armut. So beginnt das Leben Jesu nach dem Bericht des Lukas. Ganz schlicht und arm. Und doch geschieht hier, in dieser Nacht, etwas Großartiges.

Im Anfang war das Wort - so beginnt das Johannesevangelium -
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht
und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben.
Und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter
uns, und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Mit diesen Worten schildert der Schreiber des Johannesevangeliums die Geburt Jesu. Er erzählt nichts von der Geburt eines Kindes, sondern er sagt:
Das Wort Gottes ist Fleisch geworden. Gottes Wort wurde Wirklichkeit. Es wurde lebendig. Gott bleibt nicht mehr verborgen. Er wird sichtbar: Jetzt können die Menschen Gott erfahren, ihn verstehen.
Was man vorher von Gott sagen konnte, war wenig, war eine Ahnung, ein Schimmer. Aber nun ist es wahr geworden: Gott kam wirklich zu den Menschen, in ihr Leben, in ihre Welt.
Gott wurde mehr als ein Gedanke oder eine Idee. Er wurde Wirklichkeit in Jesus Christus, einem Menschen aus Fleisch und Blut.
Liebe Gemeinde, wir Menschen der industrialisierten Welt im Jahr 2007 sind kritisch. Wir glauben nicht an Märchen und Legenden. Es geht uns um das Sichtbare, um greifbare Dinge. Wir suchen nicht nach Gedanken und Ideen, wir suchen Dinge, die wirklich da sind.
Das ist unsere Lebenshaltung.
Wir glauben nicht an Liebe oder Freundschaft, wenn sie für uns nicht sichtbar wird - vielleicht in einem Geschenk, vielleicht in einer Umarmung oder im liebevollen Wort.
Uns reicht es nicht, wenn jemand sagt. Ich liebe dich - und uns dennoch nicht ernst nimmt.
Es reicht nicht aus, wenn jemand sagt: Du bist mir wichtig - aber kaum einmal etwas von sich hören lässt.
Und es genügt nicht, wenn jemand lächelt und freundlich ist - aber dann, wenn es Schwierigkeiten gibt, sich von mir abwendet und mich im Stich lässt.

Sicher lässt Liebe sich nicht beweisen, aber sie lässt sich sehen, hören und spüren. An Liebe können wir glauben, wenn wir Liebe erfahren.
Und auch an Gott können wir nur dann glauben, wenn wir ihn erfahren.
Darum ist er in die Welt gekommen. Gott ist sichtbar geworden, er (oder sie) hat Gestalt angenommen in einem Menschen, einem, der wie wir an Raum und Zeit gebunden ist, der zwischen Geburt und Tod sein Leben hat.

Und das Wesen Gottes ist Liebe - wenn wir das so kurz in einem Wort zusammenfassen möchten, in einem Wort, das viel gebraucht und oft missbraucht wird:
Gottes Wort, Gottes Wille, Gottes Wesen ist Liebe.
An Weihnachten wird diese Liebe sichtbar, in einem Kind.

Er wird geboren wie jedes Kind, er ist ein Mensch wie wir, er ist auch vergänglich, er ist sterblich - wie wir. Und doch ist er Jesus Christus, Gottes Sohn.

Gott, der Schöpfer, lässt sich auf unsere Bedingungen ein. Er geht als Mensch in diese unsichere und leidvolle Welt, er gerät in die Probleme und Spannungen im damaligen römischen Reich, er wird abhängig wie alle von Liebe und Nahrung und einem Platz zum Wohnen, er erlebt wie die anderen Freude und Leid. Warum hat Gott das getan?

Ich würde antworten: So und nicht anders konnte Gott uns sein Wort sagen.
Denn wir Menschen sind eben ort- und zeitgebunden. Uns hilft nur ein Gott, der zu uns kommt und hier, unter uns, lebt. Nur so können wir Gottes Denken und Wollen begreifen, wenn er Mensch wird wie wir und mit menschlichen Worten zu uns spricht.
Und Gott war bereit, das zu tun, weil er uns liebt.
Gott ist nicht einer, der bequem zuschaut, wie die Weltgeschichte verläuft, von einem fernen Himmel her. Er ist kein Gott, der bei Krieg und Unterdrückung, Hass und Gewalt nur zusieht.
Er schaut nicht zu, er kommt zu uns herab. Gott wurde Mensch.

In diesem Moment hält das Rad der Weltgeschichte an und Menschen fangen an zu hoffen. Gott ist auf der Erde erschienen. Und er blieb da, Gott blieb als Mensch bei den Menschen, auch als sein Leben schwer wird, als er leiden muss. Das Kind in der Krippe wurde groß, Jesus ging der Gefahr und dem Leiden nicht aus dem Weg. Und viele, die ihn kennen lernten, hatten den Eindruck, dass er in ganz besonderer Weise von Gott gesandt war.

Gott kam zu uns Menschen in seinem Sohn Jesus Christus. Und er ist noch unter uns, auch heute.
Darum, liebe Gemeinde, können wir sicher sein, dass all die Kleinigkeiten des Lebens, die uns beschäftigen, Gott nicht egal sind: die Geldsorgen,- der Ärger in der Familie, - der Streit im Betrieb.
Gott ist in die Welt gekommen, um uns, um unser Glück und unsere Sorgen ganz ernst zu nehmen. Er ist Mensch geworden, damit wir Halt und Hoffnung finden.

Und darum können wir auch sicher sein, liebe Gemeinde, dass all das Wunderbare, aber auch all das Schlimme, das in dieser Welt geschieht, mit Gott zu tun hat.
Denken wir den Tsunami an Weihnachten 2004, denken wir an Not und Hunger in den sogenannten „Entwicklungsländern“, denken wir an die Aids-Epidemie, denken wir an die Kriege und Bürgerkriege im Irak, in Afghanistan, im Sudan, die auch dieses Jahr noch kein Ende gefunden haben. Es ist Gottes Welt , in der das geschieht, die guten Dinge und auch die furchtbaren Katastrophen.
Aber Gott hat seine Welt nicht verlassen, trotz allem. Er schaut nicht aus der Ferne zu, nein, er ist da, und das heißt, dass es immer Hoffnung gibt:

Diese Zeichen der Hoffnung, wir kennen sie ja:
- die Solidarität von Menschen angesichts eines großen Unglücks, der Zusammenhalt wächst, Menschen entdecken sich plötzlich als Brüder und Schwestern und stehen füreinander ein
- die Hilfsbereitschaft so vieler Menschen, die durch Spenden helfen, den Hunger und die Not zu lindern
- die Arbeit vieler Menschen, die sich – in den unterschiedlichsten Organisationen und Formen – einsetzen für eine menschlichere und gerechtere Welt
Gott hat seine Welt nicht verlassen. Er schaut auch nicht einfach zu. Gott hilft auf seine Weise.

Und das gilt auch für unsere persönlichen Unglücke und Leiden, für unsere Not und unsere Trauer. Gott ist da. Er hat uns nicht verlassen.
Es gibt immer Hoffnung,
Zeichen der Liebe,
Schritte zum Frieden
und Worte, die trösten,
es gibt immer Hoffnung, weil Gott in dieser Welt gegenwärtig ist. Weil Gott unter den Menschen wohnt, auch heute. Und weil er uns hier begegnen will.

Liebe Gemeinde!
Vielleicht merken einige von uns das bisher noch kaum, weil wir zu geschäftig durch unser Leben eilen, von einem Ereignis zum anderen.
Vielleicht merken manche es nicht, weil sie vor allem Zerstreuung suchen, weil sie Angst vor der Ruhe haben, vor dem Nachdenken.
Vielleicht spüren andere es nicht, weil sie gar nicht mehr genau hinschauen, was geschieht, nicht mehr hinhören, was ihnen gesagt wird, weil sie resigniert haben in all den bitteren Erfahrungen ihres Lebens.

Es gibt viele Gründe, warum es schwer sein kann, Gott zu spüren, Gott zu begegnen in dieser Welt.
Aber manchmal, vielleicht ganz unerwartet, manchmal stellt es sich ein, das Gefühl, etwas Besonderes zu erleben, etwas Heiliges, etwas, das mit Gott zu tun hat.
Wenn ein Wort uns anspricht und wir noch lange darüber nachdenken müssen. Wenn wir plötzlich glücklich sind und gar nicht so recht wissen warum. Wenn wir Menschen begegnen, die uns lieben, so wie wir sind. Oder wenn wir merken, wie eine ganz schwere und traurige Zeit unseres Lebens zuende geht, wie es wieder hell wird in uns.

Und dann ist es nicht mehr schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo, geheimnisvoll verborgen in dem Gang der Ereignisse, in den Worten und hinter dem Tun der Menschen - Gott uns begegnet, ja dass er uns begleitet auf unserem ganzen Lebensweg.

Und ich denke an das Mädchen Katharina, das ihren Lehrer fragte, ob sie sich Gott nicht irgendwie vorstellen dürfe. Und er sagte, das dürfe sie ruhig versuchen.
Sie überlegt lange und hat es dann schließlich:
Wenn Gott Füße hätte wie wir, - so denkt sie bei sich - dann würde er bestimmt barfuß gehen, damit er das Gras und den Sand an den Füßen spürt.
Und wenn er eine Stimme hätte, wie wir, - - dann würde er lachen und weinen.
Manchmal hätte er wohl eine Stimme wie der Busfahrer im Schulbus, der immer sagt: Mädchen, halt dich fest, jetzt kommt eine Kurve.
Und manchmal hätte er eine Stimme wie der Markus, wenn er nach einem Streit zu ihr sagt: Kati, bist du mir wieder gut?
Und manchmal hätte Gott auch eine Stimme wie Katharinas Mutter, wenn sie am Abend bei ihr am Bett steht und sagt: Jetzt schlaf gut, mein Liebes.

Ja, Gott ist Mensch geworden, damit wir ihm glauben können, damit wir ihm vertrauen können, damit wir ihn uns vorstellen können. Gott wurde Mensch, weil wir Menschen sind und ein menschliches Gegenüber brauchen. Gott wurde Mensch, denn seine Liebe muss für uns sichtbar und greifbar werden.
Und das wurde sie an Weihnachten vor 2000 Jahren, mit der Geburt Jesu Christi. Und das wird sie seitdem immer wieder, auch heute. Amen.

Karin Meier