Karfreitag
Predigt an Karfreitag 21.3.2008
Text: Jes. 52, 13- 15 und 53, 1-11a (später)
Liebe Gemeinde,
Heute am Karfreitag erinnern wir uns daran, dass Gott seinen Sohn für uns sterben ließ, weil er uns liebt. Die Karfreitagsgeschichte ist die größte Geschichte der Liebe Gottes.
Und dennoch löst eben diese Geschichte von der Kreuzigung Jesu bei vielen Menschen mehr Widerspruch als Vertrauen aus.
Wir haben Fragen, die sich nicht so leicht erledigen lassen. Wie kann Gott seinen Sohn ans Kreuz schlagen lassen? Wie kann ein Gott, der uns liebt, so etwas tun?
Früher durften solche Fragen nicht einmal gestellt werden.
Dabei ist es nichts Neues, dass die Geschichte von der Kreuzigung Jesu Widerspruch erregt: „dem einen ist sie eine Torheit, dem anderen eine Gotteskraft,“ sagt schon der Apostel Paulus.
Am Karfreitag versuchen wir, uns dem Geheimnis des Kreuzes zu öffnen, ihm näherzukommen. Und trotzdem sind die Fragen da, wir fangen immer neu an zu fragen: Wie kann das sein, dass Gott seinen Sohn opferte? Er hat seinen Sohn einfach im Stich gelassen, sagte ein Mädchen auf unserer Konfirmandenfreizeit.
Ja - und wie kann das sein, dass einer hier für andere sterben musste?
Und wie kann das sein, dass Gott seinen Plan uns zu erlösen vollendet hat, dass aber die Welt so schlimm, so unerlöst aussieht, wie vor 2000 Jahren auch? Das ist auch die Frage der Juden an uns Christen.
Liebe Gemeinde!
Das Wort vom Kreuz ist also auf jeden Fall nicht leicht zu verstehen. Man braucht dafür sicher Zeit. Ich denke, wenn wir mit dem Wort vom Kreuz etwas anfangen können, dann ist das eine Erkenntnis, für die wir einen Weg zurücklegen mussten.
Und am Ende dieses Weges gelingt es Menschen manchmal auch, ihr eigenes Leiden mit den Augen Gottes zu sehen.
Manchmal sehen Menschen dann das Leiden Jesu Christi nicht als Anfrage an Gott, sondern als ein Zeichen dafür, dass Gott mitleidet und den Leidenden nahe ist.
Für Außenstehende sind solche Erfahrungen schwer nachvollziehbar, kaum zu glauben.
Kaum zu glauben ist auch die Erfahrung, die ein Unbekannter erlebt oder aufgezeichnet hat. Jahrhundertelang hat dieser Text überlebt und Menschen gestärkt, ausgerechnet dieses Lied vom leidenden Gottesknecht, das wir im Jesajabuch im 52. und 53. Kapitel finden, unserem heutigen Predigttext:
Textlesung. Jes 52, 13-53, 12
Liebe Gemeinde! Nicht die Frage, wer mit diesem Gottesknecht gemeint ist, entscheidet über den Wert dieses alttestamentlichen Textes für uns Christen, sondern was er mit uns macht. Und ich denke, wir können spüren, dass uns solch ein Text einnimmt für erniedrigte und geschlagene Menschen, ganz gleich ob Juden oder Christen, ob damals oder heute. Vielleicht haben Sie sich beim Hören an den Gekreuzigten Christus erinnert gefühlt, ihn gegenwärtig gesehen in allen Entrechteten, Armseligen in dieser Welt.
Merkwürdig anonym bleibt dieser Knecht Gottes in unserem Predigttext, anonym genug, um uns den Leidenden schlechthin vor Augen zu führen: der Kranke, der Benachteiligte und Verachtete. Sein Leid wird provozierend realistisch beschrieben. Er ist in so einem schlimmen körperlichen Zustand, dass Menschen sich vor ihm ekeln, wegschauen. Das heißt: ein Mensch, der sich schon lange nicht mehr wehren und schreien kann, einer, den das Leiden stumm gemacht hat, wird übersehen, und das wäre noch das Beste, was ihm passieren könnte.
Denn die Menschen, die diesen gequälten Gottesknecht sehen, fühlen sich von seinem Dasein, seinem Aussehen, seinem Leiden angegriffen. Sie werden aggressiv, sie martern ihn, heißt es im Text. Und sie fühlen sich dabei im Recht, weil sie denken, Gott hat ihn gestraft, für seine Schuld natürlich.
Liebe Gemeinde! Bis heute hält sich doch auch bei uns, im letzten Winkel unseres Herzens, diese Erklärung des Leidens. Er ist selber schuld. So sagen wir uns bei einem Heruntergekommenen, bei Obdachlosen, bei Alkoholkranken. Und so sagen wir es vielleicht auch immer noch über Aidskranke. Mit diesem Gedanken entlassen wir uns aus der gesellschaftlichen Verantwortung und weisen das Leid eines Menschen von uns.
Schwieriger wird es in der Begegnung mit Menschen, die an etwas leiden, was uns selber treffen könnte.
Jeder Kranke erinnert mich daran, dass diese Krankheit auch in meiner Familie vorkommen und mich treffen könnte.
Jede Frau, die ihren Mann verloren hat, führt mir unwillkürlich vor Augen, dass das auch meine Zukunft sein kann.
Eltern, die ihr Kind verlieren, lassen mich mit Schrecken daran denken, dass das im Prinzip allen Eltern passieren kann.
Und für Menschen, die verunglücken gilt das erst Recht. Ihr Leiden macht uns Angst, es nimmt uns die Illusion vom sicheren Leben.
Leid macht einsam. Es löst nicht nur Mitleid aus, sondern auch Abwehr und Aggression.
Der Leidende, den der Prophet hier beschreibt, ist der Benachteiligte und Kranke, aber auch der, der von anderen geschlagen und misshandelt wird, Opfer menschlicher Willkür und Macht.
Da ist es doch kaum zu glauben, dass so einem die Fülle des Lebens zugesagt ist.
Und unser Predigttext geht noch weiter: er sieht in den Qualen dieses Menschen ein stellvertretendes Leiden für andere. Einer, der leidet, tritt für die Übeltäter ein. Der Leidende trägt ihre Strafe. Das ist doch nicht zu glauben! Das ist ja noch schlimmer, es war nicht mal das eigene Leid, sein Unglück, das er zu tragen hat, sondern er litt für andere.
Soll das nun ein Trost sein, dass es Menschen gibt, die für andere leiden?
Natürlich, eine Mutter möchte ihrem Kind die Schmerzen nach dem Sturz auf der Treppe gern abnehmen, aber sonst –
all, die Menschen, die unfreiwillig und unschuldig leiden,
die Kriegsflüchtlinge,
die Kinder, die auf der Straße leben müssen,
die Kinder im Irak.
Die Kinder, die hungern in vielen Ländern dieser Welt.
Oder bei uns:
die Frau, die ihren Mann jahrelang pflegte und nun keinen mehr hat, der sich jetzt, wo sie selber krank ist, um sie kümmert.
Menschen, die an dem, was sie erleben mussten, seelisch zugrunde gehen,
Menschen, die nichts dafür können und Menschen, die ihre Situation nur zum Teil mitverschuldet haben.
Menschen, die ein außergewöhnliches Leid zu tragen haben
und Menschen, die am normalen Leiden, wie Krankheit im Alter, schwer tragen.
Vielfaches Leid, das wir nicht ermessen und nicht vergleichen können.
Und sie alle leiden nicht ihr Leiden? Sie alle sind gestraft für andere? Der Dichter unseres Predigttextes, dieses Liedes im Jesajabuch, er rüttelt an uns, an unserer Sicherheit und Gewissheit.
Das "Ja" des Gottesknechtes ist keine Zustimmung zum Leiden, sondern zur Stellvertretung.
Jeder, der in seinem Leben leidet, fragt sich : "Warum? Warum gerade ich, warum gerade wir, warum unsere Familie?
Leiden, damit ich selber oder gar andere wach werden, mutig werden, das ist keine Antwort, die ich einem Trauernden, einem Verzweifelten geben kann.
Und doch kann jemand im Glauben vielleicht für sich erkennen: Sinnlos war es nicht. Vielleicht war es wichtig, vielleicht auch für andere.
Der leidende Gottesknecht ist der Bote Gottes, der uns damit bekannt macht, dass alle Menschen in Schuld verwickelt sind, nicht nur jeder für sich, viele auch gegenseitig und miteinander.
Und mitten in dieses bedrückende Bild verkündet er den Gott, der uns erlöst, der uns befreit, der dem Leiden ein Ende setzt.
Dann ist also dieses Lied vom leidenden Gottesknecht, dann ist sein Leiden ein Protest gegen das Leiden. Und darin sind ihm alle Leidenden gleich:
Auf der anderen Seite, liebe Gemeinde, denke ich: Das Bild von dem Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, das scheint dem zu widersprechen.
Dieses Bild fordert doch geradezu, dass das Lamm demütig ergeben ist, still alles duldet und sich in sein Leid schickt. Aber diese Sicht wird dem Auftrag des leidenden Gottesknechtes nicht gerecht.
Es sind zwei Bilder in einem: das Lamm, das einwilligt, stellvertretend und unschuldig zu leiden und das Lamm das in seiner Unschuld zugleich Protest weckt gegen sinnloses Leiden und Sterben.
Und schließlich ist dem Gottesknecht die Befreiung verheißen. "Er wird das Licht schauen und die Fülle haben." Auch das trifft für leidende Menschen zu. Gott ist mit ihnen, auch jenseits dessen, was wir uns vorstellen können. Dieser Knecht leidet nicht nur stellvertretend, er hofft auch stellvertretend, für sich und andere.
Alles Gründe, warum wir Christinnen und Christen in dem leidenden Gottesknecht Israels leicht eine Verbindung zum Leiden und Sterben Jesu sehen, obwohl der Text davon zunächst einmal gar nicht spricht. Trotzdem führt er über den leidenden Mitmenschen hinaus zu dem Menschen, von dem wir glauben, dass er von Gott gesandt ist als unser Bruder, als der Bruder aller Leidenden. Wer anders konnte die Sinnlosigkeit, die unser Leiden so unerträglich macht, besser verkörpern als Jesus Christus, der auch gleichzeitig die Liebe Gottes verkörperte?
Das Leiden Jesu können wir ja überhaupt nur als stellvertretendes Leiden, als Leiden für uns begreifen. Und dieser Tod, diese Tatsache, dass Gott seinen Sohn sterben lässt, konnte nicht das letzte Wort gewesen sein, das konnten sich die Jünger Jesu im Nachhinein nicht vorstellen.
Auf Karfreitag folgt Ostern.
"Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war."
So wird das Kreuz, dieser Ort der Vernichtung von Leben, von Liebe im Nachhinein zum Zeichen, dass die Liebe Gottes siegt. Die Liebe ist nicht vernichtet worden, sie behält die Oberhand – auch wenn es nicht so aussieht.
Die Liebe ist stärker als der Tod.
Und mit ihr verwandelt sich das Leben.
„Leben in Fülle“ verspricht Jesus seinen Jüngern im Johannesevangelium. Und Jesus meint ein Leben, in dem auch das Leid einen Raum hat, nicht verdrängt, sondern zugelassen wird. Aber das Leid ist kein sinnloses, kein hoffnungsloses Leiden. Es ist Leiden mit anderen, auch für andere, Leiden, das weise und einfühlsam macht, Leiden, das uns Gott nahe bringt.
Über das Kreuz hinaus, durch das Leid hindurch, vom Karfreitag aus schauen wir schon zum Ostertag.
Ostern kommt, die Erlösung aus aller Not, die Überwindung des Todes, das Leben in Fülle, das uns Gott auf dieser Welt und in seiner Ewigkeit verheißt. Denn die Liebe ist stärker als der Tod. Amen.
Karin Meier