Liebe Gemeinde!

Das Beten bringt mich ins Gleichgewicht

die „betenden Hände“ von Albrecht Dürer (1471-1528) – warum nur ist dieses Bild so beliebt? Warum hängt es in vielen Wohnzimmern oder Küchen? Manchmal im Altenheim oder im Krankenhaus? Was macht aus diesem doch unscheinbaren Bild für viele Menschen ein so wichtiges Bild?

Ich möchte Ihnen heute von einem kleinen Wunder erzählen, liebe Gemeinde,
das jeden Tag wieder geschieht. Überall auf der Welt, auch hier bei uns. Das Wunder beginnt mit „Betenden Händen“. Ein ganz alltägliches Wunder ist das. Das Wunder des Betens ist nämlich: es bringt mich ins Gleichgewicht. Wer zum Übermut neigt, wird durch ein Gebet wieder ein wenig auf den Boden geholt. Wer am Verzweifeln ist, wird durch ein Gebet ein wenig daran gehindert. Beten will mich ins Gleichgewicht bringen, darum ist es so wertvoll – und so dringend nötig für alle Menschen, die ja ein Leben lang immer wieder und zu allen Zeiten nach dem richtigen Platz im Leben und in der Welt suchen müssen.

Wer bin ich?, fragen sich Menschen. Aber weder der Übermut noch der Hochmut noch die Verzweiflung mit dem Kopf im Sand sind der rechte Ort eines Menschen.
Mein rechter Ort ist: Ich bin von Gott geliebt.
Ich darf mit ihm reden, wie mit einem Freund.

Jesus hat viel gebetet. Jesus war Jude, und Juden beten viel. Nicht nur an Festtagen beten sie, sondern auch ganz regelmäßig an den Werktagen des Lebens morgens, bei Tisch und abends. Juden beten ganz selten freie, selbst gemachte Gebete, sondern eher beten sie Morgen- und Abendgebete aus ihrem weltberühmten Gebetbuch, den 150 Psalmen des Alten Testaments, der hebräischen Bibel. Diese Gebete beten wir Christinnen und Christen zu Beginn jedes Gottesdienstes. Es war auch Martin Luthers großer Wunsch, dass wir morgens, mittags und abends beten – und dabei empfahl er uns, ein Zeichen des Kreuzes auf unserem Körper zu machen: „Des Morgens, wenn du aufstehst“, schreibt Luther, „kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes“. Das Kreuzzeichen ist also nicht etwas „Katholisches“, sondern etwas sehr Hilfreiches und erinnert uns an Jesus. Jesus betete also nicht so gerne frei und mit eigenen Worten, und bei Matthäus im 6. Kapitel, mitten in der Bergpredigt, erklärt er auch, warum:

 

Text aus Matthäus 6, 5-13

»Betet nicht wie die Heuchler! Sie beten gern in den Synagogen und an den Straßenecken, um gesehen zu werden. Ich sage euch: Diese Leute haben sich ihren Lohn schon selber ausbezahlt! 6 Wenn du beten willst, geh in dein Zimmer, schließ die Tür hinter dir zu, und bete zu deinem Vater. Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.

Ohne dieses Gebet, liebe Gemeinde, und ohne das Beten überhaupt, fehlte uns das Gleichgewicht. Wir müssten entweder allmählich am menschlichen Hochmut zerbrechen oder in der Verzweiflung untergehen.
Wir hätten keinen rechten Ort in der Welt, keinen Boden mehr unter den Füßen.
Jesus gibt uns mit diesem Gebet Boden unter die Füße und den rechten Ort in der Welt: Wir sind Kinder, die Vater sagen dürfen. Wir haben einen Gott, der auf uns achtet, der uns liebt. Und an ihn können wir uns jederzeit mit Dank und Bitten wenden.

Liebe Gemeinde, ich glaube, fast alle Menschen beten. Nicht alle beten in einer Kirche und längst nicht alle beten zu Gott – aber alle Menschen beten, irgendwie. Es gibt keinen Menschen, der nicht auch einmal etwas Größeres im Sinn hätte als immer nur sich selber, keinen, der sich diesem Größeren nicht auch zuwendet. Manchmal beten Menschen einander an, so sagt man ja, wenn zwei sich lieben. Manche beten den Erfolg an, die Gesundheit, ihre ewige Jugend oder den Fußballclub, der unbedingt Meister werden soll. Neuerdings werden für viele Menschen die Börsenkurse zu modernen Götterbildern. Etliche beten aber auch das Bild an, das sie von sich selber haben und tun alles, um sich und anderen zu gefallen.

Was es auch sei und wer es auch sei, in irgendeiner Weise wenden sich Menschen an irgendeine Instanz, die ihnen Halt geben soll, von der sie viel erhoffen, die ihnen sozusagen heilig ist. Menschen sind frei, Gott anzubeten oder etwas anderes. Und sie machen ihre Erfahrungen damit.

Was letztlich zählt, ist nicht die Art des Betens, wie oder wo, mit welchen Worten und in welcher Haltung es geschieht. Was zählt und was hilft ist die Art der Antwort. Ist der Ruhm, der angebetet wird, aufmerksam auf mich und antwortet mir? Ist der Erfolg, den Menschen anbeten, empfindsam und barmherzig? Antwortet die Gesundheit oder die ewige Jugend oder das Spiegelbild? Nein, das tun sie alle nicht. Denn die, die da angebetet werden, haben keine Macht, sie vergehen schnell und geben mir im Leben keinen Halt. Sie sind kein wirkliches Gegenüber, sondern doch nur ein Teil von mir. Und sich selber anzubeten, das kann einen nicht durchs Leben tragen.

Gott aber kann ich gegenübertreten wie ich bin, ihm muss und kann ich nichts vormachen. Er kennt meine Ängste, meine Freude, meine Sehnsucht. Und Gott kann auch ehrlich sein zu mir. Dann kann das große und ganz alltägliche Wunder wieder geschehen: Das Gebet bringt mich ins Gleichgewicht. Wer seine Hände zusammenlegt und Gott bitten kann, wird manche Sorge nicht mehr so bedrückend empfinden. Wer Gott loben und ihm danken kann, hindert sich selber etwas am Übermut. Und wer keine Zeit oder keine Freude hat an eigenen Worten und an selbst gemachten Gebeten, soll sich deswegen nicht sorgen. Man greife ganz einfach zu den Worten, die Jesus uns gelehrt hat: Vater unser im Himmel.

Liebe Gemeinde, ich glaube daran, dass Menschen Gott brauchen und also das Gebet brauchen, möglichst regelmäßig, um es nicht zu verlernen und um die Verbindung mit Gott lebendig zu halten. Das Gebet – der Dank und die Bitte, auch die Klage, das Loben, lehrt uns immer wieder neu, wo wir Halt finden im Leben, wie wir mit den Segnungen Gottes richtig umgehen und wie wir die Lasten und Beschwernisse des Lebens tragen können. Wir sind nicht allein, wir sind ein würdiges Gegenüber zu Gott, geschaffen als sein Ebenbild. Darum können wir ihn Vater oder Mutter nennen, darum können wir zu ihm reden, wie zu einem Freund oder einer Freundin. Amen.

Karin Meier