Ostern 2009

Liebe Gemeinde,

ich lese einen Vers unseres Predigttextes. So heißt es im 1. Korintherbrief Kapitel 15, Vers 20:
Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. (1. Kor 5,20)

Liebe Gemeinde!

"Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden." Das ist der traditionelle Ostergruß der Christen in der Osternacht.
Immer neu wiederholt, kann dieser Gruß dem Glauben Gewissheit geben.
Der Einzelne fühlt sich in einer Gemeinschaft von Glaubenden gehalten und getragen. Dazu kommt das Erlebnis, wenn die Sonne aufgeht früh am Ostermorgen, das Gefühl, dass jetzt etwas Neues beginnt, dass Hoffnung da ist nach der langen Nacht.

Wer von Ihnen, liebe Gemeinde, vielleicht einmal die Nacht vom Karsamstag auf den Ostersonntag durchwacht hat oder auch nur einen Teil der Nacht,
der oder die weiß, welche Freude das Erlebnis des Ostermorgens bedeuten kann.
"Christus ist auferstanden". In einem solchen Moment fällt es gar nicht so schwer, das zu glauben und sich so recht auf das Osterfest zu freuen.
Christus ist auferstanden, als der Erste unter denen, die entschlafen sind. Auch die, die ihm folgen, werden also auferstehen. Christus ist ihnen vorangegangen.
Und so geht es an Ostern nicht nur um die Auferstehung Christi, sondern auch um die Auferstehung der Gläubigen, um unsere Auferstehung, liebe Gemeinde - Ihre und meine.

Ich habe schon von vielen Christen gehört, dass sie genau mit diesem Thema, mit der Auferstehung der Toten, ihre Probleme haben. Und Umfragen unter den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes ergeben immer wieder, dass die Mehrheit nicht mehr an eine Auferstehung glaubt.

Was hat es also auf sich mit dem Glauben an die Auferstehung? Um diese Frage soll es heute gehen.

Ein Blick in die Texte der Bibel zeigt, dass der Glaube an Auferstehung auch in der Bibel nicht so selbstverständlich ist.
Im Alten Testament können wir nachlesen, dass die Menschen der damaligen Zeit nicht an eine Auferstehung des Einzelnen nach dem Tod glaubten.
Die Israeliten hofften auf Gottes Gnade im Diesseits. In diesem Leben hofften sie, ihre Lebensmöglichkeiten entfalten zu können. Mehr, als dass man alt und lebenssatt sterben durfte, so wie z.B. Abraham, mehr erwarteten sie nicht. Die Israeliten waren einzig darauf bedacht, dass ihre Nachkommen, dass ihr Volk weiterleben konnte, natürlich im Diesseits.

In den neutestamentlichen Gemeinden dagegen war der Glaube an die Auferstehung überall verbreitet. Wie kam es dazu?
Der Auferstehungsglaube hat sich im Verlauf er Geschichte Israels relativ spät entwickelt.
Hinter diesem Glauben stand die Frage: "Was ist mit all den Menschen, die nicht alt, nicht lebenssatt, sondern jung und verfrüht sterben müssen?"
Besonders in Kriegszeiten drängte sich diese Frage auf, vor allem in der Zeit, als das Volk Israel jahrhundertelang unter fremder Herrschaft leben musste und sich in Befreiungskämpfen immer wieder gegen diese auflehnte.

Da sich in den heiligen Schriften - und das waren damals die fünf Bücher Mose – da sich dort auf diese Frage keine Antwort fand, übernahmen die Israeliten die Antwort der persischen Religion, ihren Auferstehungsglauben.
Das lag nahe, weil das Volk Israel lange unter persischer Oberhoheit stand, und weil es persische Könige waren, die den verschleppten Israeliten im fünften Jahrhundert vor Christus die Rückkehr in die Heimat und den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels ermöglichten. In dieser Zeit begann man in Israel, an eine Auferstehung der Toten zu glauben.

Doch auch 400 Jahre später, zur Zeit Jesu, war dieser Glaube noch nicht unumstritten. Die religiöse Gruppe der Sadduzäer z.B. glaubte nicht an eine Auferstehung der Toten. Sie sagten, davon stehe nichts bei Mose und den Propheten und man könne es sich auch nicht vorstellen, denn wie solle es da aussehen nach der Auferstehung, wenn eine Frau z.B. nacheinander mit mehreren Männern verheiratet war.
Die frommere Gruppe der Pharisäer dagegen glaubte an die Auferstehung, und Jesus teilte in dieser Frage ihren Standpunkt. Auch er glaubte an die Auferstehung der Toten.

Der Auferstehungsglaube war also einige Jahrhunderte vor Christi Geburt im Volk Israel entstanden. Und er hatte zunächst einmal nichts damit zu tun, dass Menschen nach einem erfüllten Leben auch noch eine Fortsetzung dieses Lebens wünschten, sondern damit, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass es keine Hoffnung geben sollte für die, die um die Entfaltung und Erfüllung ihres Lebens gebracht worden sind.

Der biblische Auferstehungsglaube hat also nichts mit egoistischem Wunschdenken zu tun, sondern mit dem Glauben an Gottes Gerechtigkeit, an Gottes Allmacht und Liebe. Denn die Ungerechtigkeit, dass Menschen wie z.B. Stalin oder Franco alt und lebenssatt starben, während zahllose ihrer Opfer früh und grausam sterben mussten, schreit in der Tat zum Himmel.

Weil Gott gerecht ist, gibt er denen, die im Leben zu kurz gekommen sind, neues Leben nach dem Tod.
Weil Gott allmächtig ist, scheitert er nicht an der Grenze des Todes. Weil Gott die Menschen liebt, darum lässt er sie nicht verlorengehen.

Jesus Christus war einer von denen, die in jungen Jahren eines gewaltsamen Todes sterben mussten.
Und seine Nachfolger waren nicht nur der Ansicht, dass er eines Tages auferstehen würde. Nein, sie glaubten und erzählten einander, dies sei schon geschehen: "Christus ist auferstanden."

Liebe Gemeinde, ich lese nun aus dem 1. Korintherbrief, Kap 15, die Verse 1-12:

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe, es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Das Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, und dass er begraben worden ist, und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift, und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.
Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Und seine Gnade an mir ist, nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle, nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene, so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.
Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?

Soweit unser Predigttext.
Paulus erzählt der Gemeinde in Korinth von seinen Erlebnissen und den Erfahrungen der "Brüder". Er zählt eine Menge von Zeugen auf, um so den Glauben der Gemeinde zu stärken und der Meinung, es gebe keine Auferstehung, entgegenzutreten.
Ganz leicht hat sich also auch diese Gemeinde des Paulus mit dem Glauben nicht getan. Auch für sie war es nicht ohne weiteres vorstellbar, wie ein Mensch, der gestorben ist, wieder auferstehen kann.
Schon immer war die Auferstehung mit dem Verstand nicht nachzuvollziehen, so wie etwa eine Rechenaufgabe, die immer wieder nachgerechnet werden kann.
Schon immer war die Auferstehung eine Frage des Glaubens und nicht eine Frage wissenschaftlicher Beweisbarkeit.
Die Jünger Jesu, die Frauen am leeren Grab und die vielen anderen Zeugen, von denen Paulus erzählt, sie haben Erfahrungen gemacht, denen zufolge sie an die Auferstehung glaubten.

Welche Erlebnisse, welche Erfahrungen würden wir Menschen heute brauchen, wenn die Osterbotschaft bei uns ankommen und Glauben finden soll?

Unser Glaube an Gott beruht ja immer auf Erfahrungen:

Ich denke z.B. an eine Frau, deren Leben nur noch aus Stress bestand. Sie hatte ständig Angst, nicht alles zu schaffen. Dann wurde sie durch einen Unfall für einige Tage herausgerissen aus ihrem gewohnten Leben und sie erlebte, wie auf einmal viele Menschen ihr hilfreich zur Seite standen, sich um sie kümmerten, ihr Arbeit abnahmen und eine Zeit der Ruhe ermöglichten. Und sie hatte seit langer Zeit einmal wieder das Gefühl, dass Gott sie nicht allein lässt.



Ich denke an das Baby, das beim Anfahren auf dem Hof aus dem schon rollenden Auto gefallen ist, - die Eltern brachten es sofort ins Krankenhaus und sie konnten es kaum fassen, dass dem Kind überhaupt nichts passiert war - Gott sei dank!

Ich denke an den Mann, der seit 20 Jahren Witwer ist und im vergangenen Jahr wieder eine Frau kennengelernt hat. Das ist für ihn wie ein Wunder.

Viele Menschen erzählen mir von Erfahrungen, wenn wir über den Glauben sprechen. Wir machen Erfahrungen mit Gott. Und diese Erfahrungen helfen uns - gegen allen Zweifel und gegen allen Unglauben, der uns umgibt - immer wieder neu zu glauben und daran festzuhalten, dass Gott unser Leben begleitet, dass wir auf ihn vertrauen und mit ihm rechnen können. Dabei helfen uns auch die Erfahrungen anderer Menschen, die wir kennen und denen wir vertrauen. Und auch in einer größeren Gemeinschaft von Menschen - so wie z.B. hier in der Kirche - können wir uns gegenseitig bestärken in unserem Glauben an einen Gott, der gerecht, allmächtig und gütig ist.

Und diese Erfahrungen, sie sind die Voraussetzung dafür, dass die Botschaft von Ostern bei uns ankommen kann.
Von Gott, der uns im Kleinen Erfahrungen von neuem Leben schenkt, von ihm können wir auch erwarten, dass er unser Leben nicht verloren gehen lässt, auch dann, wenn wir sterben müssen. Und das bedeutet Auferstehung.

Das kann man nicht beweisen oder logisch erklären. Natürlich machen wir oft auch die Erfahrung, dass der Tod das Leben vernichtet. Das Unglück scheint oft so mächtig zu sein, dass wir alle Hofffnung aufgeben möchten.
- Denken wir an die vielen Menschen, die bei dem verheerenden Erdbeben in den italienischen Abruzzen umgekommen sind.
- Denken wir an die Opfer des Amoklaufs von Winnenden, Jugendliche, die ihr Leben noch vor sich hatten.
- Denken wir an die Menschen, die in der letzten Zeit gestorben sind, die wir gekannt haben, die unsere Freunde, vielleicht unsere Angehörigen waren.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für sie keine Zukunft gibt. Wenn Gott, der Macht hat über Leben und Tod,
wenn Gott uns Menschen liebt,
dann lässt er uns auch im Tod nicht verloren gehen.
Und das ist vielleicht auch manchmal ein Trost, wenn man um einen lieben Menschen weint.



Liebe Gemeinde, wir feiern Ostern!
Gott schenkt neues Leben! Er hat seinen Sohn Jesus Christus nicht im Tod gelassen.

Gott schenkt neues Leben, Leben in Güte und Gerechtigkeit, Leben mit Hoffnung für alle, für Gesunde und Kranke, für Junge und Alte, für Zuversichtliche und Verzweifelte. Hoffnung für dieses Leben und Hoffnung über den Tod hinaus. Die Grenzen unserer Vorstellungskraft sind nicht die Grenzen Gottes. "Christus ist auferstanden!

Wir können einander beglückwünschen zu dieser frohen Botschaft. Amen.