Ostersonntag
Predigt am Ostersonntag 2007 - Text: Joh 20, 11-18
Liebe Gemeinde,
Eine Frau am Grab begegnet uns in dieser Geschichte.
Frauen auf dem Friedhof, die das Grab oder die Gräber ihrer Angehörigen pflegen, das ist für uns ein alltägliches, gewohntes Bild.
Auf einem Friedhof treffen wir Menschen an, die nachdenklich sind, traurig, die vielleicht weinen. Hier treffen wir Menschen, die am Grab Zwiesprache halten mit dem lieben oder gar dem liebsten Menschen, der ihnen genommen wurde.
Viele trauernde Menschen gehen zum Grab, weil hier das Vergangene stärker lebendig wird als anderswo. Sie denken zurück, aber sie suchen auch neuen Mut für das Leben, das weitergehen muss.
So war das auch vor 2000 Jahren. Maria aus Magdala stand am Grab Jesu. Sie wollte ihm nahesein, denn sie hatte ihn geliebt. Aber jetzt empfand sie nur noch Trauer und Schmerz. Denn Jesus war gestorben. Und das Grab war der einzige Ort, der ihr geblieben war.
Dass sich Maria, eine Jüngerin Jesu, an seinem Grab aufhält - das kommt uns nicht besonders ungewöhnlich vor. Aber es gab doch einiges, was sie von diesem Gang zum Grab hätte abhalten können.
Zum Beispiel ihre Angst vor den römischen Soldaten, die das Grab bewachen sollten. Römer gingen mit den Angehörigen von Gekreuzigten nicht sehr nachsichtig um.
Oder ihre Angst, von den jüdischen Schriftgelehrten gesehen zu werden, die Jesus den Römern übergeben hatten? Nicht auszudenken!
Aber für Maria zählt das alles nicht. Sie war Jesus schon gefolgt bis unter das Kreuz. Wie konnte sie sich jetzt davon abhalten lassen, sein Grab zu besuchen!
Jesus hatte für sie das Leben bedeutet. Wer war sie schon gewesen - eine Frau mit großer Angst vor dem Leben, eine, die allein stand, ohne Familie, mit bösen Geistern - wie die Leute gesagt hatten. Und Jesus hatte sie davon befreit. Maria war bei ihm geblieben. Sie war ihm gefolgt bis nach Jerusalem, bis zum bitteren Ende am Kreuz.
Und nun, am dritten Tag nach diesem furchtbaren Geschehen, musste sie einfach noch einmal dahin gehen, wo er war. Sie wollte allein sein, allein mit Jesus, allein mit ihrem Schmerz um ihn.
Und dann, wie sie in der Dunkelheit zum Grab kommt, da merkt Maria, dass der Grabstein - dieser riesige Fels - nicht mehr da ist. Das Grab ist offen.
Sofort denkt sie an Grabräuber und erschrickt. Sie will sich umdrehen, weglaufen und Hilfe holen.
Aber sie sieht noch einmal hin, in das leere Grab, fassungslos. Und da sieht sie zwei Engel. Die sprechen sie an, warum sie weine.
Warum? Weil Jesus nicht mehr da ist, nicht einmal sein toter Leib, nichts von ihm, gar nichts - was ihr den Schmerz ein wenig leichter macht.
Aber er kann doch nicht verschwunden sein - so denkt sie dann wieder. Er muss doch zu finden sein.
Sie dreht sich um - da steht jemand hinter ihr, ein Mann, möglicherweise der Gärtner. Er spricht sie an wie vorher die beiden Engel: "Frau, was weinst du?" Vielleicht kann er ihr helfen, denkt sie sich. Sie fragt ihn nach dem Leichnam Jesu. Ob er es war, der ihn weggenommen hat? Und wo er ihn hingelegt hat.
Maria sieht durch ihn hindurch, sie schaut wie ein Mensch, der alles verloren hat, der keine Hoffnung mehr hat und keinen Blick mehr für irgendjemanden. Sie erkennt Jesus nicht. Und er ist ja nicht mehr der, der er war. Er ist nicht mehr der Freund, der geliebte Mensch. Er ist verwandelt. Sie erkennt Jesus nicht. Er kann sich nur selbst zu erkennen geben.
Und er sagt: "Maria". So hat nur Jesus ihren Namen ausgesprochen. Jetzt weiß sie, wen sie vor sich hat. Und sie antwortet: "Rabbuni", mein Meister - so wie sie ihn immer genannt hat. Jetzt haben sie sich beide erkannt.
Die Geschichte hätte hier zuende sein können, - liebe Gemeinde.
Maria ist überglücklich. Sie kann es nicht fassen, dass er wirklich vor ihr steht. Und jetzt will sie ihn anfassen, sie will spüren, dass das wirklich wahr ist – und ob es nicht alles, was geschehen ist, nur ein Traum gewesen ist. Aber so kommt es nicht. So unvermittelt, wie die Vertrautheit zwischen ihnen aufkam, bricht sie auch wieder ab.
"Rühr mich nicht an", sagt Jesus.
Er, den sie so gut gekannt hat - er ist nicht mehr derselbe. Da ist eine Grenze, die sie nicht gesehen hat.
"Rühr mich nicht an", halt mich nicht fest. Er verlangt viel von ihr. Maria darf Jesus nicht für sich behalten. Warum nicht? Sie braucht ihn doch, alle brauchen ihn. Er ist doch der Meister, der, an den sie glauben. Nur er weiß doch den Weg.
Aber Jesus ist nicht mehr der Meister. Er erklärt: "Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." Er ist nicht mehr der Meister, er ist der Bruder und wir die Geschwister.
Neben Jesus, dem Sohn Gottes, stehen jetzt wir als die Söhne und Töchter Gottes. Am Ostermorgen wird Gott unser Vater.
Und Jesus sagt: zu Maria: "Gehe zu meinen Brüdern. Erzähle du ihnen, was ich dir gesagt habe." Und so kehrt Maria um. Sie hat verstanden. Sie geht hin und gibt es weiter: "Ich habe den Herrn gesehen und das hat er zu mir gesagt."
So war das also. Maria von Magdala hat Jesus gesehen.
Jubelnd ist sie wohl nicht zurückgegangen, eher still, ziemlich ruhig. Und so ist es auch, als Jesus den anderen erscheint. Eher ruhig, zurückhaltend nehmen die Jünger es auf. Sie verstehen: es hat sich etwas verändert. Es wird nicht wieder, wie es war.
Jesus lebt, aber er gehört nicht mehr zu uns, nicht mehr in diese Welt. Er geht zum Vater. Und dorthin müssen sie ihn gehenlassen.
Der Ostertag war kein leichter Tag für die Freunde Jesu. Die Auferstehung macht den Tod nicht ungeschehen. Der Schmerz ist noch da. Jesus wird ihnen fehlen. So wie sie ihn kannten und liebten, wird er nie mehr bei ihnen sein. Aber sie wissen: Er ist nicht tot. Gott hat ihn nicht verlassen. Nein, er lebt, und geht ihnen voraus zum Vater.
Maria hat es verstanden.
Ihr war gewesen, als könne sie so nicht weiterleben - aber jetzt kann sie es. Sie geht vom Grab weg zurück in das Leben. Jetzt weiß sie: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Trauer und Schmerz bleiben nicht für immer. Es gibt Hoffnung für sie und für alle Menschen, denn Jesus ist durch den Tod ins Leben gegangen.
Liebe Gemeinde, wir feiern Ostern. Ein fröhliches Fest. Und trotzdem steht in der Mitte dieses Festes das Grab, ein Symbol des Todes.
Wir wissen, dass die meisten Menschen nicht gern vom Tod reden. Im Gegenteil bestimmt das Bemühen, jung zu bleiben, gesund und aktiv, das Leben vieler Menschen. Hinter all diesem Bemühen steht die Sehnsucht nach einer Hoffnung gegen den Tod, nach einer Antwort auf die Frage:
Was ist nach dem Tod,
was bleibt uns jenseits dieses Lebens?
Gibt es da wirklich einen Gott, der für uns da ist?
Wie gerne würden wir auch einmal Jesus begegnen, wenn wir nach einem Besuch auf dem Friedhof bedrückt wieder den Heimweg antreten. Wie sehr wünschen wir uns manchmal ein Zeichen von Gott, wenn die Grenzen unseres Lebens spürbar werden.
Glaubenserfahrungen lassen sich - wie wir wissen - nicht so einfach machen. Darüber verfügen wir nicht.
Vielleicht gelingt es manchen, dass sie sich mit ihrer Sehnsucht und ihrem Zweifel auf die Geschichte von Ostern einlassen, dass sie den Weg der Frauen am Ostermorgen mitgehen oder den Weg der Jünger, denen Jesus erschien. Dann werden diese Geschichten zum Wort Gottes, das Glauben weckt und Hoffnung.
Vielleicht gelingt es anderen, sich vom Glauben anstecken zu lassen. Es gibt viele Menschen, die in beeindruckender Weise auf Gott vertrauen. Es ist gut, mit ihnen zu reden oder ihnen zuzuhören.
Und gelegentlich und ohne dass wir das machen können, gibt es – auch in unserem Leben - Erfahrungen, in denen wir selbst etwas spüren, das über diese Welt hinausgeht –
Glaubenserfahrungen, Erfahrungen mit Gott.
Sie sind oft schwer zu beschreiben und für andere nicht immer verständlich. Manche mögen von einem Engel reden, der ihnen erschienen ist, andere von einem Traum, andere von einer plötzlichen Gewissheit. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, wie Gott uns auch heute nahe kommen kann und uns die Gewissheit schenken kann, dass wir bei ihm geborgen sind.
Was ist nach dem Tod,
was bleibt uns jenseits dieses Lebens?
Gibt es da wirklich einen Gott, der für uns da ist?
Jesus antwortet seinen Jüngern auf diese Frage, indem er Maria zu ihnen schickt mit den Worten: "Ich gehe zum Vater, zu meinem und eurem Vater." Das ist ihre Osterbotschaft, und sie gilt auch für uns, liebe Gemeinde.
Jesus ist uns vorangegangen. Er hat damit für uns wirkliches Leben möglich gemacht, Leben als Kinder Gottes. Jesus hat uns zu seinen Brüdern und Schwestern gemacht.
Jesus ist uns vorangegangen. Auch wir werden eines Tages sterben müssen. Der Tod ist die Grenze unseres irdischen Lebens. Und er ist darum in den meisten Fällen ein Grund, traurig zu sein.
Aber Jesus ist nicht im Tod geblieben. Er lebt bei Gott. Und wir werden ihm folgen. Der Tod kann uns nicht trennen von der Liebe Gottes. Denn Gott ist unser Vater. Zu ihm gehören wir, im Leben und im Tod.
Liebe Gemeinde, lassen Sie uns darum gelassen und froh in unser Leben gehen - wie Maria aus Magdala. Sie hat den Schmerz des Abschieds hinter sich gelassen. Jesus, ihr Freund und Meister, wird ihr fehlen. Aber sie ist um eine wunderbare Erfahrung reicher:
Gott ist für sie da. Der Vater Jesu ist jetzt auch ihr Vater im Himmel.
Ihm kann sie ihr Leben anvertrauen.
Liebe Gemeinde, lassen Sie heute auch uns den Weg der Maria gehen. Durch das Dunkel hindurch, durch Trauer, Sorgen und Leid führt Gott auch uns ins Leben. Ich wünsche uns allen ein frohes Osterfest. Amen.
Karin Meier