Predigt 31.12.2007

Predigt am 31.12.2007 - Galaterbrief 4, 4-5

Liebe Gemeinde!

Auf dem Bild, neben dem Text, sehen Sie drei Menschen. Einen Mann, eine Frau etwa gleichen Alters und einen jungen Erwachsenen. Eine Familie?
Wenn ja, dann blicken die Eltern erhobenen Hauptes in die Kamera. Etwas Selbstzufriedenes, Stolzes liegt in ihren Blicken, so, als wollten sie sagen: „Sehr her, wir haben es geschafft, wir können mit Recht zufrieden sein.“ Ihre Hände lasten dabei schwer auf dem Sohn. Als wäre er ihr Besitz. So wird er dem Betrachter vorgeführt.

Der junge Mann selbst nimmt keinerlei Kontakt zu den Eltern auf. Im Gegenteil: er schaut konzentriert und angespannt in seinen Laptop.

Fast sieht es aus, als würde er die Hände nur zu gerne abschütteln. Aber sie halten ihn fest, drücken ihn auf seinen Platz. Noch scheint er seinen Eltern zu gehören. Noch darf er nicht erwachsen sein.

Die Rollen in dieser Familie sind klar verteilt: Da ist die Mutter. Sie lächelt und man sieht ihr an, dass sie viel gearbeitet hat. Dann ist da der Vater. Selbstbewusst blickt er. Er ist einer, der weiß, was zu geschehen hat, der seine festen Maßstäbe hat. Die Frau und der Sohn müssen sich fügen, wie sie sich wohl immer gefügt haben. Dafür werden sie belohnt: Der seidene Schal, der blinkende Armreif, der teure Laptop.
Es ist ein schweres Erbe, welches in den Händen der Eltern zum Ausdruck kommt und mit dem Laptop vergoldet wird. Sicher wird der junge Mann irgendwann Geld haben und sich Wünsche erfüllen können, vielleicht sogar reich sein. Seine Eltern werden ihm alles vererben. Aber wird er wissen, wie das wirkliche Leben ist? Wie der Frühling riecht, wie die Liebe sich anfühlt? Wird er überhaupt echte Wünsche haben können nach dieser gehorsamen Jugend?

An Weihnachten sehen wir überall die Darstellung einer anderen Familie: Maria, Josef und ein Baby an einem eher ungewöhnlichen Ort: in einem Stall. Es ist die sogenannte „Heilige Familie“.
Nimmt man einmal alles weg, was an Legenden und Schmuck zu dieser Familie hinzugefügt wurde, dann ist in dieser Familie viel mehr echtes Leben zu finden:
Ein Vater, der vielleicht gar nicht der Vater ist, eine sehr junge Mutter und ärmliche Verhältnisse in politisch unsicheren Zeiten.

Wenn der Sohn Jesus so alt sein wird wie der Jüngling auf dem Bild, wird er seine Familie bereits verlassen haben, wird mit Männern und Frauen umherziehen und von einer anderen und besseren Welt predigen. Er wird die Menschen lieben, denen er begegnet, und er liebt das Leben, die Liebe und sogar den Wein. In einem seiner ersten Wunder verwandelt Jesus ja Wasser in Wein, als wäre er Bacchus, der griechische Gott des Weines. Jesus wird mit seiner Mutter erwachsen sprechen und sich sogar klar von ihr abgrenzen. Jesus wird Menschen wieder mit sich ins Reine bringen, wird Menschen gesund machen – ohne großes Erbe und ohne Gut und Geld.

„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“, so heißt es im Galaterbrief 4, 4-5:
Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.“

Wann ist für uns die Zeit erfüllt? Wann schütteln wir lästig gewordene Erbschaften ab und beginnen zu leben?

Selbstbestimmt, frei, glücklich und geliebt von Gott, dem Vater im Himmel?
Gott will Liebe und Freiheit für alle Menschen. Dazu hat uns Christus befreit.
Und weil wir Gottes geliebte Kinder sind, darum sind wir frei davon, uns Liebe und Anerkennung verdienen zu müssen. Liebe und Freiheit gibt es nur geschenkt – und nur Liebe und Freiheit machen ein Leben glücklich.
Auf dem Bild von der Familie ist niemand glücklich. Niemand liebt oder ist frei. Für diese Familie ist die Zeit erfüllt. Es wird Zeit, dass Gott seinen Sohn sendet in diese Familie. Es ist Zeit für Weihnachten, das Fest der Liebe und der Befreiung.
Und bei uns?

Karin Meier