Predigt am 04.12.2011

Predigttext: Jak 5, 7-8

Liebe Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus, bis der Herr kommt. Seht, wie der Bauer voller Geduld auf die kostbare Frucht der Erde wartet. Er weiß, dass sie zum Wachsen den Herbstregen und den Frühjahrsregen braucht.
Auch ihr müsst geduldig ausharren! Fasst Mut, denn der Tag, an dem der Herr kommt, ist nahe.

Liebe Gemeinde,

Geduldig sein und warten, - alles kommt zu seiner Zeit!
Loslassen, was uns beschäftigt, - die vielen Gedanken und Sorgen, - einmal gelassen vor sich hinschauen, - nachsinnen – sich Zeit lassen.
Dazu fordert uns dieses Wort aus dem Jakobusbrief heute auf.
So wie der Bauer. Er ist beschäftigt gewesen, hat angestrengt gearbeitet, das Feld vorbereitet. Nun kann er ausruhen und warten. Er weiß, dass jetzt etwas von selbst geschieht. Auf eine Zeit der Arbeit folgt eine Zeit, in der keine besonderen Anstrengungen nötig sind. Die Dinge gedeihen von selbst. Nicht immer müssen wir dafür sorgen, dass es weitergeht.

Geduldig sein und warten. Der Advent ist eine Zeit, in der wir darüber nachdenken sollen. Erinnern wir uns daran, was geduldig warten bedeutet und wann wir das schon getan haben!
Geduldig warten, das müssen wir zum Beispiel, wenn wir krank sind. Vielleicht herausgerissen aus der anstrengenden Arbeit in Haus und Familie, vielleicht herausgerissen aus dem Beruf, abgeschnitten von den Menschen, mit denen wir sonst immer zusammen sind. Da können wir nicht viel tun. Schmerzlich wird uns klar, dass wir nichts beschleunigen können. Wir müssen uns auf andere verlassen, auf Ärzte oder Ärztinnen und die Medizin, wir müssen uns auf die verlassen, die uns daheim oder in der Firma vertreten. Wir müssen einfach warten.
Wir haben Zeit zum Nachdenken.
Eine Zeit des Wartens gibt es auch für Eltern. Irgendwann haben sie nicht mehr viel Einfluss auf ihre Kinder. Irgendwann treffen die Jugendlichen ihre eigenen Entscheidungen. Was die Eltern ihnen mitgegeben haben geht nicht verloren - all diese Erfahrungen und Erlebnisse, all die Ansichten über die Welt und das Leben - aber die Kinder entscheiden jetzt selbst, wie sie dazu stehen und was sie damit machen. Die Eltern müssen jetzt lernen, geduldig zu warten, wie der Weg ihrer Kinder aussehen wird.

Liebe Gemeinde! Wir suchen es uns gewöhnlich nicht selbst aus, wann wir warten wollen. Oft sind wir dazu gezwungen und es ist uns zunächst einmal gar nicht recht.Wer hat denn schon Zeit zu warten?!Stellen wir uns vor, wir stehen in der Schlange an einer Kasse im Supermarkt. Vielleicht haben wir es eilig, aber von denen, die vor uns stehen, würde doch kaum jemand sagen: „Gehen Sie vor, ich habe Zeit zu warten.“ Und man würde sich das auch gar nicht zu fragen wagen.

Ja, es ist wohl heute so: Selbst wenn jemand diese Zeit zum Warten hätte, wenn keine Aufgaben und Termine drängen - würde er oder sie es dann zugeben?
Zeit zu warten hat keiner. Nur die Kranken haben sie oder die, die nicht mehr aus dem Haus können.
Aber Warten, das kann heilsam sein. In einer Zeit des Wartens merken wir: Es sind nicht nur die Dinge wichtig, die wir durch unsere Arbeit und unsere Mühe erreichen, sondern auch die, auf die wir nur warten können, bis sie uns geschenkt werden. So wie z.B. gegenseitiges Verstehen oder Freundschaft.

In einer Zeit des Wartens können wir lernen, uns selbst Ruhe zu gönnen.
Wir können lernen, Geduld mit uns selber zu haben, wenn wir müde werden, wenn uns etwas zu schwer und zuviel wird. Wir brauchen nichts zu tun. Wir haben das Recht, zu ruhen - weil wir ja warten müssen. Gerade in dieser Zeit schöpfen wir neue Kraft. Warten ist heilsam.

Liebe Brüder und Schwestern, seid geduldig!“ so sagt uns der Jakobusbrief. - Ja, wo nehmen wir eigentlich die Geduld her, wenn wir warten müssen? Auch wenn wir ja vielleicht wissen, dass es auch gut sein kann, warten zu müssen – dann sind wir doch meistens trotzdem überhaupt nicht erfreut, wenn wir auf gute Dinge lange warten müssen. Wir sind ungeduldig. Wir werden vielleicht ärgerlich, können uns mit diesem Warten nicht anfreunden. Wie finden wir Geduld?

Nehmen wir uns als Beispiel ein Kind, das auf Weihnachten wartet. Das ist ja schon eine lange Zeit, der ganze Advent, vier lange Wochen. Einem kleinen Kind erscheint das ewig. Der Adventskalender macht es leichter, dann kommt ja auch noch Nikolaus,
vielleicht eine Weihnachtsfeier, das weihnachtliche Basteln und Plätzchenbacken. Eine langweilige und öde Zeit ist der Advent nun wahrlich nicht.
Aber gerade, wenn man sich so sehr auf etwas freut – wie eben die Kinder auf Weihnachten – dann fällt das Warten ganz besonders schwer. Und es sind ja nicht nur die Geschenke, worauf gewartet wird, es ist die Freude über den Weihnachtsbaum, das gemeinsame Feiern, die Familie kommt zusammen, die Eltern haben endlich wieder einmal Zeit.

Kinder erwarten das Fest aber letztlich doch mit Geduld. Wenige machen gleich alle Türen am Adventkalender auf oder debattieren mit den Eltern, ob man die Geschenke nicht schon jetzt gleich bekommen kann. Nein, sie warten geduldig weil sie fest darauf vertrauen, dass das Gute kommt. Sie vertrauen den Eltern, sie erinnern sich an all die Jahre zuvor. Weihnachten kommt mit Sicherheit. Daran gibt es keinen Zweifel.

Und schließlich erlebt das Kind: das Warten hat sich gelohnt – es hat nicht umsonst gewartet – und durch das lange Warten geht auch nichts verloren. Ja, eigentlich wird die Vorfreude dadurch noch größer und das Fest noch schöner.

Wer geduldig warten will, muss Vertrauen haben, er muss Vertrauen haben, dass sich das Warten lohnt. Wir können geduldig warten, ohne Unruhe und Ärger, wenn wir darauf vertrauen, dass das, was wir erwarten, wirklich kommt und dass es das Warten wert ist.
Besondere Geschenke, auf die wir hoffen, sie sind es wert, dass wir eine Zeitlang darauf warten. Anderes, worauf wir hoffen, Freundschaft, Vergebung, Gottvertrauen – auch sie sind es wert, dass wir darauf warten.

„..haltet geduldig aus“, so geht es weiter in unserem Predigttext, „bis der Herr kommt“

Nachdem wir überlegt haben, was geduldiges Warten bedeutet und wie das möglich ist, lassen Sie uns nun betrachten, worauf wir hier geduldig warten sollen.
Sehnsüchtig haben die ersten Christen auf das Wiederkommen des Herrn Jesu gewartet. Sie hatten es erlebt: Als sie mit Jesus zusammen gewesen waren, war Gott mitten unter ihnen. Gottes Reich war angebrochen. Dann aber hatte Jesus sie verlassen. "Ich gehe zum Vater", hatte er gesagt. Wie sollte ohne ihn Gottes Reich unter ihnen sein? Sie hatten nur einen Gedanken: „Er muss wiederkommen. Sehr sehr bald. Erst dann wird alles gut. Erst dann können wir uns wieder freuen.“ Und solchen Menschen, Menschen aus einer der frühen christlichen Gemeinden, die in ungeduldiger Erwartung lebten, ihnen schreibt Jakobus diese Worte in seinem Brief:

„Haltet geduldig aus, bis der Herr kommt“
Ja, das Wiederkommen des Herrn, das stellten sich die Christen damals herrlich vor:
Wie ein großes Fest z.B., das nie aufhört. Aber darauf geduldig warten? Wo sollten sie die Geduld hernehmen? Sie konnten es ja kaum erwarten, lieber heute als morgen sollte der Tag des Herrn erscheinen.

Aber einige erinnerten sich auch daran, wie Jesus gesagt hatte: „Das Reich Gottes ist zu vergleichen mit einem Senfkorn. Ganz klein und unauffällig beginnt es zu wachsen. Wer darauf achtet, der kann es schon erkennen. Und wer Geduld hat, der sieht, wie es wächst und größer wird.“ Und wie sie daran dachten, fassten sie Vertrauen und sagten: „Gottes Zukunft hat schon angefangen. Wir sind nicht allein, er ist ja schon jetzt bei uns. Und darum wissen wir: sein Reich wird kommen, und es ist das lange Warten wert.“

Noch heute, liebe Gemeinde, leben wir in der Erwartung, dass Gottes Reich kommt. Wir glauben, dass es irgendwann einmal mit dieser Welt und diesem Leben zuende sein wird und dass es dann Gott ist, der uns alle in seiner Hand hält.
Aber gerade in dieser Welt, in der wir jetzt noch leben, in der wir unser Leben verbringen, ist Gott auch schon gegenwärtig:
Da, wo sich Menschen in Liebe begegnen, da, wo einer für den anderen da ist, da beginnt Gottes Reich unter uns zu wachsen. Wenn wir achtgeben, können wir sie erkennen: die kleinen Anfänge von Befreiung, die Zeichen der Hoffnung.
Und da können wir auch Vertrauen fassen: Gottes Reich kommt wirklich und es ist das lange Warten wert. Es kann auch noch eine Weile dauern. Aber es geht uns nichts verloren. Wir können geduldig darauf warten, ohne Unruhe, ohne Sorgen. Es kommt schon zu seiner, von Gott bestimmten Zeit.

Das wäre also die Botschaft dieses Sonntags: Seid geduldig und wartet auf Gottes Reich!
Auf den Tag, an dem die Welt sein wird, wie Gott sie will, an dem Gott und die Menschen nah beieinander wohnen.

Als Christen und Christinnen haben wir darum eine Distanz zu der Welt, in der wir leben und arbeiten. Die herrschenden Meinungen, denen müssen wir nicht zustimmen. Die Maßstäbe, an denen wir gemessen werden, in der Schule, in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz, wir müssen sie nicht für die richtigen halten. Und das Elend, unter dem wir leiden, die ungerechten Urteile, die böse Nachrede, der unfaire Streit - auch das wird kein Recht behalten.
Wir erhoffen und erwarten Gottes Zukunft: Eine gerechte und friedvolle Welt. Und sie beginnt da, wo diese Welt bereits ein Stück weit so wird, wie Gott sie will, und da, wo Menschen zueinander so sind, wie Gott es geboten hat.

Liebe Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus, bis der Herr kommt.Das ist uns heute gesagt, mitten in der Adventszeit. Für viele von uns ist es eine anstrengende Zeit. Eine Zeit, die eigentlich zu kurz ist für all das, was wir vorhaben, besorgen und bedenken wollen. Zum Warten kommen wir da vielleicht gar nicht. Ehe wir uns versehen, ist ja schon Weihnachten und bald darauf ist es schon wieder vorbei und es geht weiter, hinein ins Neue Jahr mit neuen Vorhaben, neuen Aufgaben, mit neuen Problemen und neuen Sorgen. Kann das alles sein?
Wie heilsam wäre es, wenn wir auch etwas von dem geduldigen Warten mit hineinnehmen könnten in diese Adventszeit. Wenn wir immer wieder einmal still werden könnten und nachdenken, vielleicht bei einer Kerze, ohne all die Dinge, die uns sonst ablenken:
Sind wir Menschen, die warten können, oder muss es bei uns ganz schnell gehen? Und was sind unsere Wünsche, auf deren Erfüllung wir bereit wären zu warten? Was sind die Wünsche an unsere Eltern, an unsere Kinder, an uns selbst, an Gott? Können wir darauf warten mit immer neuer Geduld? Weil wir wissen: es wird ja doch alles gut?
Das Vertrauen dazu wünsche ich uns. Amen.

Karin Meier