Predigt am 05.09.2010

Erwachsen werden und Kind bleiben

14. Sonntag nach Trinitatis Text: Römer 8, 14-17

Liebe Gemeinde!

"Alle Kinder werden erwachsen, bis auf eines." So beginnt das Märchen von "Peter Pan". Sein "Schöpfer", der Autor James Matthew Barrie wurde vor 150 Jahren in Schottland geboren. In seiner Heimat werden ihm nach wie vor nationale Ehren zuteil. Nicht zuletzt wegen Peter Pan, der die Herzen von kleinen und großen Kindern bis heute erobert.

"Alle Kinder werden erwachsen, bis auf eines." Es ist, als spräche James Barrie von sich selbst. Er wuchs als eines von zehn Kindern auf. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Bruder David, der Lieblingssohn seiner Mutter. Fortan versuchte der kleine James für die Mutter die Rolle des ewig jungen David zu übernehmen, um ihn so für seine tieftraurige Mutter unsterblich zu machen.

Barrie selbst blieb später kinderlos. Eher hatte er mit seinen 152 cm Körpergröße und seiner schmächtigen Gestalt selbst eine kindliche Statur. Er galt als talentierter Schriftsteller. Der große Durchbruch blieb jedoch lange aus.

Kurz nachdem schließlich "Peter Pan" erstmals auf der Bühne eines Londoner Theaters seine Abenteuer auslebte, starben die beiden besten Freunde des Autors innerhalb weniger Monate an Krebs. Der "Peter Pan"-Autor wurde dann zum Erziehungsberechtigten ihrer Kinder, es waren fünf Jungen, bestellt. Jetzt war das Leben kein Spiel mehr. Der Ernst des Lebens löste die kindliche Unbefangenheit ab. Auch James Barrie musste lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Liebe Gemeinde! Ich erzähle Ihnen diese Geschichte von James Barrie, weil sie zeigt, dass ein Märchen immer einen wahren Kern hat, besonders wenn es autobiografische Züge trägt. Im Märchen "Peter Pan" wie im Leben seines Autors ist viel von der kindlichen Leichtigkeit die Rede, die sich ohne Zeitgefühl in einem grenzenlosen Freiheitsdrang ergießt.
Aber es ist auch die Rede von der schweren Bürde des erwachsen werdenden Menschen, der für sich und seine Welt Verantwortung trägt und der mit seiner Vergänglichkeit konfrontiert wird.

Aber gibt es nur das eine oder nur das andere? Nur das Kind oder nur den Erwachsenen? Im Predigttext aus dem Römerbrief will Paulus dazu ermutigen, erwachsen zu werden und Kind zu bleiben - mit Gottes Hilfe:

Predigttext: Römer 8,14-17
14 Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
15 Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Bemerkenswerte Worte. Voller Kraft und Gottvertrauen schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom. Er kennt sie nicht. Allerhöchstens auf der Durchreise nach Spanien glaubt Paulus, die römischen Christen kennen zu lernen. Aber Paulus hat gehört, dass die römische Gemeinde ihren Kinderschuhen entwachsen ist.
Sie hat sich gegenüber dem Judentum selbständig gemacht und muss sich nun zwischen Synagogen, römischen Tempeln und dem Staat profilieren.

Paulus weiß: Es ist mühsam, sich als Minderheit bemerkbar zu machen mit seinen Bedürfnissen und mit seinen Rechten. Es kostet Kraft und Geduld, immer wieder zu erklären, wer man als Christ ist, und was man glaubt. Aber darin liegt auch die Chance. Denn wer weiß, was er glaubt, und wer sagen kann, wofür er steht, ist klar in seinem Auftreten, der erhält Respekt und kann möglicherweise andere überzeugen.

Nein, Kinder sind die christlichen Römer schon lange nicht mehr. Oder doch?
Für Paulus schon. Christen bleiben immer Kinder - gleich welchen Alters sie sind. Kinder jenes Gottes, auf dessen Namen sie getauft sind. Daran erinnert Paulus mit seinen Zeilen. "Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!" Dieser Satz ist auch der Leitspruch für die erste Woche nach dem Epiphaniasfest, in der der Taufe Jesu gedacht wird.
Was Gott Jesus in der Taufe zusagt, dass gilt für jeden und jede: "Du bist mein lieber Sohn, du bist mein liebes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen!"

Wohl dem, der sich so geliebt weiß. Wohl dem Menschen, der weiß, wem er sein Leben verdankt. Wohl dem Menschen, der weiß, an wen er sich wenden darf, wenn es nottut: "Abba, lieber Vater!"
Paulus ist überzeugt: Wer so lebt, wer so betet, in dem wohnt der Heilige Geist: der Lebensatem, der die Beziehung zu Gott ein Leben lang lebendig hält.

Christen bleiben immer Kinder. Aber ob sie sich eines Tages auch selbständig machen und mit dem Geist Gottes leben lernen? Paulus sagt: "Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, Gottes Erben und Miterben Christi!"
Ein Leben aus Gottes Geist ist nicht auf sich selbst gerichtet. Es steht in Beziehung zu Gott, der mich sein Kind nennt.
Ein Leben aus Gottes Geist bleibt jedoch nicht in einem kindlichen Stadium, in dem ich die Verantwortung für mein Leben ausschließlich in die Hände der Eltern lege oder schicksalsergeben die Dinge auf mich zukommen lasse. Als Kind und Erbe Gottes bin ich selbst zur Verantwortung gerufen. Dazu schenkt mir Gott seinen Geist. Und der Geist Gottes bewegt mich, dass ich von Gott erzähle wie von einem liebenden Vater oder einer liebenden Mutter.
Gottes Geist schenkt mir auch die Freiheit, mit meinem Feind Frieden zu schließen. Und Gottes Geist nimmt mir die Furcht vor der Vergänglichkeit meines Lebens, weil ich es in Gottes Händen sehe. Dann wird es unwichtig, wie viel oder wenig ich besitze, wie jung oder wie alt ich bin.

Eine Lebensgestaltung, die vom Heiligen Geist geleitet ist, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: "Spiritualität". Dieser Begriff leitet sich vom Spiritus Sanctus, dem Heiligen Geist, ab.
Wo der Heilige Geist das Fühlen, Denken und Handeln eines Menschen bestimmt, ist sein Leben spirituell. Wessen Leben der Heilige Geist durchdringt, der kann Gott in der Schönheit der Natur, im Gelingen des eigenen Lebens und im Glück der anderen Menschen wahrnehmen. Der entdeckt Gott aber auch im Novembergrau, in einem Gegner und im Gesicht eines sterbenden Menschen.

Mit Hilfe des Heiligen Geistes kann ich die Welt um mich herum mit den Augen Jesu wahrnehmen, und das meint: barmherziger und wacher. Und dann kann ich nicht anders als in Jesu Namen zu handeln. Das kostet manchmal Mut und Kraft, Geduld und viel Liebe. Damit mir dabei nicht der Atem ausgeht oder gar der Antrieb abhanden kommt, ist es nötig, dass ich mich vergewissere, dass ich in allem, was ich tue und lasse ein Kind Gottes bin und bleibe.

Raum, Zeit und Gelegenheit dazu gibt es genug. Am Sonntag z.B. kann ich mich ganz auf Gott besinnen.
Ich darf hören, dass mein Leben tiefere Dimensionen beinhaltet als das oberflächliche Streben nach Ruhm, Erfolg und Geld. Der Sonntag, bei uns Christen der erste Tag der Woche, der Sonntag ist ein Geschenk, das wir schätzen und bewahren sollten für diese und die nächste Generation der Kinder Gottes - allen gegenläufigen Interessen aus Wirtschaft und Politik zum Trotz.

Auch mitten in der Woche kann ich meine Spiritualität leben und mir die kleinen Auszeiten schaffen, die mein Glaube braucht. Zehn Minuten während des Einkaufsbummels in der Stille einer Kirche verweilen. Eine Tasse Tee am Nachmittag und ein gutes Wort aus der Bibel oder einem anderen guten Buch. Und das Abendgebet, egal, wie kurz oder lang. Dafür hat jeder Zeit. Und das tut jedem gut. Auch schon den Kindern, für die ein Nachtgebet etwas ganz Schönes und Tröstliches sein kann.

Also halten wir fest: Wir Christinnen und Christen bleiben immer Kinder. Gottes Kinder. Und das bedeutet,
dass wir uns Gott anvertrauen und so gelassen und zuversichtlich, ja auch mit einer kindlichen Leichtigkeit unsere Wege gehen können, und dass wir Verantwortung übernehmen für unser Handeln und seine Folgen.
Wer sich bei Gott geborgen fühlt, kann getrost losziehen, das Leben zu meistern - allerdings nicht in "Peter Pans" ewiger Märchenwelt "Nimmerland" mit Feen und Elfenstaub. Gottes Geist führt uns aus unseren Träumen heraus mitten hinein ins wirkliche Leben in dieser spannenden und schönen, von Gott geschaffenen Welt.

Liebe Gemeinde! Gottes Geist erfülle uns alle, Sie und mich, dass wir dieses Leben gestalten - mit Lust und Freude und der ganzen Freiheit, die Gott seinen Kindern schenkt. Amen.

Karin Meier