Predigt am 06.11.2011
Predigt über Röm 9,6-13
6 Es ist aber nicht so, dass das Wort Gottes hinfällig geworden wäre! Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind auch Israel. 7 Bloss weil sie Nachkommen Abrahams sind, sind sie noch längst nicht alle seine Kinder, sondern: In Isaak werden sie deine Nachkommen genannt werden. 8 Das bedeutet: Nicht die leiblichen Kinder sind Gottes Kinder, sondern die Kinder der Verheissung werden als Nachkommen anerkannt. 9 Denn das Wort Zur besagten Zeit werde ich kommen, und Sara wird einen Sohn haben ist ein Wort der Verheissung. 10 Aber nicht nur hier war es so, sondern auch bei Rebekka, die nur von einem Mann, unserem Vater Isaak, Kinder empfing. 11 Die waren nämlich noch nicht geboren und hatten noch nichts Gutes oder Böses getan, da wurde ihr - damit gültig bliebe, was Gott in freier Wahl, 12 nicht aufgrund ihrer Taten, sondern aufgrund der Berufung bestimmt hatte - gesagt: Der Ältere wird dem Jüngeren dienen, 13 wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst.
Wann hat es jemals ein wahres Israel, eine wahre Kirche gegeben, wenn diejenigen, die wie Paulus alles hergeben würden und tauschen wollten, mit denen, die sich dem Anschein nach dem Christusglauben verschliessen – wenn also der eine oder andere von uns Gewohnheitschristen oder Dienstleister wie der, der vor Ihnen steht: wenn die fehlen oder sich verfehlen und auf einmal nur noch Zugelaufene, die Laufkundschaft und andere Aussenseiter dazugehörten? Es macht keinen Unterschied, keiner ist besser dran, im Grunde genommen, und ob es auch ohne menschliche Unterstützungen ginge oder Krücken, an denen wir Kirchenchristen gehen oder uns festklammern so wie ich an diesem Pult, von wo aus Gottes Wort verkündet werden soll – dieses Wort Gottes ist nicht hinfällig geworden. Die Möglichkeit, dass es auf guten Boden fällt und gute Frucht bringt, die hat Gott ja Wirklichkeit werden lassen, zwar nicht immer und überall und hier und jetzt vielleicht auch nicht, doch im Prinzip schon. Die von Gott ausgehende Liebe ist unterwegs und in Arbeit, und dann und wann kommt es eben doch vor, dass Menschen auf diese Treue mit der entsprechenden Gegentreue antworten und wie durch ein Wunder (das es dann auch tatsächlich ist) zu der Erkenntnis gelangen, dass sie, die sie eigentlich von Gott getrennt sind…sich von ihm getrennt haben, Gott nicht haben und auch nicht selber Gott sind oder so ähnlich: diesen Typus Menschen und also auch uns…Sie und mich…kann nichts von der Liebe Gottes trennen. Wie in einem Ehevertrag hat Gott Ja gesagt zu den Menschen, die dieses Ja nicht rückgängig machen, doch vergessen oder nicht zur Kenntnis nehmen können, das schon. Die einen machens, die anderen nicht, beide tragen Verantwortung für ihr Tun und Lassen, doch wer sind in Tat und Wahrheit wirklich diejenigen, die die Freiheit der Wahl hätten…hierzu und überhaupt…oder ist schon alles im Voraus bestimmt und festgelegt, wer glauben kann?
Ob Israel wie bei Paulus oder die Kirche, beide irgendwie mit Glaubensernst bei der Sache – die freilich nicht in ihrer sondern Gottes Verfügung steht –, die die Lücke sehen, wenn und weil selbst und gerade vorbildlichste Frömmigkeit ahnt, dass die sichtbare Kirche sich nicht mit der unsichtbaren Kirche deckt und allein Gott weiss, wer dazugehört. Zusätzlich kommt es hier und da zu Verwechslungen, der Kirche, der Synagoge, dem biblischen Volk Israel…wo die Zugehörigkeit zu einer dieser Gemeinschaften schon als Sieg gehalten wird, der die Welt überwunden hat und – doch mitten in der Welt stattfindet und damit das Ausschlusskriterium erfüllt, dass es eben noch nicht das ist, was Gott in Aussicht gestellt und zugesagt hat fürs grosse Finale, für den grossen Himmel. Also bleibt es sich letztlich gleich, ob ein Mensch zu den Kindern der Verheissung gerechnet wird oder nicht? Ja weil nein, und nein weil ja. Einmal gilt das, was Paulus weiter oben festgestellt hat: Gott ist wahrhaftig und jeder Mensch ein Lügner; und alle Menschen haben die Herrlichkeit Gottes verspielt und – so überrascht es nicht, dass Gott keinen gebrauchen kann. Trotzdem wendet sich Gott diesen Menschen zu, und an erster Stelle gilt dieses Versprechen den Angehörigen des biblischen Volkes Israel. Und hier fangen die Schwierigkeiten an: den Überblick zu bekommen, wer von diesen Israeliten denn nun dazugezählt wird oder nicht. Sind es die Nachkommen von Abraham, die zahllos sind wie der Sand am Meer, oder lediglich, ohne Privilegien, diejenigen, die der Verheissung Vertrauen geschenkt haben, z.B. dass die hochbetagte Sarah in einem Jahr einen Sohn bekommt, den Sohn Isaak, was übersetzt heisst (hebr.: יצחק, wahrscheinlich aus Izchak-El) Gott möge lächeln, darüber, wenn biologische Massstäbe auch an seine Möglichkeiten angelegt werden, so wie es uns wohl erst einmal naheliegt, wie könnte es auch anders sein, schliesslich rechnen Menschen nur mit dem und überhaupt, wenn sie die Statistik auf ihrer Seite wähnen und mit Wahrscheinlichkeiten jonglieren. Wo wenn nicht auch im Glauben, und damit zur Bestätigung dieses Risikos, werden Sicherheiten erwünscht, und darum ist das, was Sarah tut, mit einem Schmunzeln und Kopfschütteln, nicht lächerlich, sondern todernst – meint es Gott mit dem Leben. Immerhin: sie lässt sich auf das Versprechen Gottes ein und dies ohne Absicherung durch unmittelbar zugängliche Lebenserfahrungen. Im Gegenteil: entgegen dem erwartbaren Gang der Dinge, da, wo die relative Häufigkeit gegen Null geht.
Ein weiterer Hinweis, nach welchen Kriterien sich die Zugehörigkeit zum wahren Israel bemisst: erbrachte Leistungen und leibliche Abstammungen oder beide zusammen – die zählen nicht. In diesem Punkt können keine Pluspunkte gesammelt werden, worauf es ankommt, ist der Glaube bzw. die von Gott gewirkte Überwindung der Unfähigkeit, glauben und erkennen zu können, um was es geht, um Leben und Tod, darum und dabei alles zu vergessen, von dem angenommen wird, es hätte mit Frömmigkeit im besten Sinne zu tun, das übliche Benehmen eines Christenmenschen fallenzulassen – so es da etwas zum Loslassen geben sollte –, und sogar die Hoffnung auf die Hoffnung aufzugeben und gar nichts mehr zu machen ausser zu glauben. Und da sind wir beim eigentlichen Problem (bei vielleicht unerlaubter Eins-zu-eins-Setzung der Problematik, die der Jude Paulus im Römerbrief mit seinen jüdischen Schwestern und Brüdern nach dem Fleische führt): dass wir im Geiste Gottes und so, weil dieser Geist vom Christus ausgeht und uns mit ihm verbindet: so sind auch wir Christenmenschen zwar irgend in den Bund Gottes mit den Menschen Israels eingeschlossen, im Nachgang freilich, so dass die Beobachtungen, die Israel, die Kirche zu allen Zeiten so oder ähnlich gemacht haben: dass manche glauben und die anderen eben nicht, und an diesem Umstand, wie oben versucht darzustellen: dass hierzu die Mitwirkung des Menschen zwar nötig ist, in dem Sinne, das Herz, und das heisst: den Verstand nicht zu verstocken oder auszuschalten, sondern wach und nüchtern festzustellen: Gottes Zusage steht fest und gilt doch nicht für alle, insofern sie faktische Auswirkungen hat auf das Leben, also dieses Leben, das wir führen und haben…geschenkt bekommen haben…wie dies verändert wird, zumindest die Hoffnung besteht, dass der Geist Veränderungen bewirkt, die andeuten, als Hinweis, wie es denn dann sein könnte, wenn alles von Gott vollendet und alles erlöst ist, vom ganzen Drumherum und auch wirren Predigten wie dieser.
Wie also damit umgehen, dass es gottesfürchtige Menschen, weil es Israel, weil es als letzte Abschattung auch die Kirche gibt, und kein Vaterschaftstest uns glaubhaft oder nur so versichern könnte: wir…Sie und ich…sind Gottes Kinder. Warum? Ich weiss es nicht. Nachkomme Isaaks ist keiner, getaufter Christ vielleicht, wie er im Buche steht, in den Büchern des Einwohnermeldeamtes, doch gläubige Menschen? Wer hätte sich denn auf Verdacht und ohne Sicherheit und ohne Kalkül und Hintergedanken Gott mit allem was er ist und hat – nämlich nichts, also sehr viel, seiner ganzen Person –, wer hätte sich je Gott ganz ausgeliefert, wer je dem Geist das Kommando überlassen und auf hoffnungslose Hoffnung hin geglaubt und aushalten können, dass das Ganze auch schief gehen kann, er oder sie auf einmal nicht der erwählte sondern der verworfene Mensch ist, untüchtig, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – erst für ein Linsengericht und dann den Segen, den er sich selber zu erteilen ermächtigt? Um des kurzfristigen Vorteils wegen oder weil es nicht ausgehalten wird, von Gott verlassen zu sein, und was gäbe es Schlimmeres, vor allem nach allem, was sich so sagen lässt, nämlich dass einen doch nichts trennen kann von der Liebe Gottes. Gott jedoch kann schon. Ob er muss und darf ist eine andere Frage, die zu stellen oder gar zu beantworten Menschen allerdings keine Berechtigung, keine Verfügung haben und ihnen nichts bleibt als sich dem freien Willen Gottes zu fügen, so wie Gott es halt verfügt.
Es ist nun einmal so, und weiterhelfen oder weiterdenken als bis hierhin kann ich sowieso und fürs erste auch nicht, und ob es uns passt spielt ohnehin keine Rolle: jedenfalls kenne ich Gott nicht so gut und wüsste, was er als nächstes macht…oder überhaupt, was er mit Ihnen und den Menschen vorhat, und ob es jemanden gibt, der das sagen könnt', lässt sich mit Unfug und Unrecht anzweifeln. Nichts dran zu rütteln jedoch an seiner Treue und an seinem Wort, denn es ist ja nicht so, dass Gottes Wort hinfällig geworden wäre oder einfach nur so dahingesagt, sondern Fleisch angenommen hat, uns vom Kreuz her schweigend anredet mit allem was dazugehört inklusive Versöhnung, Befreiung, Erneuerung und der Hoffnung auf endgültige Erlösung. Wenn Gott dann alles in allem sein wird, dann wird sich (dieser Verdacht möge erlaubt sein) auch die Frage erübrigen, ob der Zustand des Heils denn allen Menschen zugut kommt: den Lebenden und den Toten, den Jakobs und den Esaus, dem biblischen Volk Israel, dem wahren Israel, der Kirche Gottes, der Amts- und Landeskirche, den gläubigen, halb- und ungläubigen Menschen die jemals auf dieser Erde gelebt, gehofft, geglaubt, geliebt haben oder nichts davon, sondern die einfach nur da waren weil Gott es so wollte. Dieses Rätsel lässt sich so wenig lösen wie alle göttlichen Entscheidungen, und wenn ein Mensch damit leben kann, so wird wohl selbst dies – Gottes Wille sein. Amen.
Jost Harzer
verwendete Literatur: Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005; Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005; Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010; Benjamin Schliesser Was ist Glaube?, Zürich 2011; Krister Stendahl Das Vermächtnis des Paulus, Zürich 2001