Predigt am 07.02. 2010
Röm 1,1-7
verkündigen, das er durch seine Propheten in heiligen Schriften schon seit langem verheissen hat,
das Evangelium von seinem Sohn, der nach dem Fleisch aus dem Samen Davids stammt, nach dem
Geist der Heiligkeit aber eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht, seit der Auferstehung von den
Toten; das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn, durch den wir Gnade und Apostelamt
empfangen haben, Glaubensgehorsam zu erwirken und seinen Namen zu verbreiten unter allen
Völkern, zu denen auch ihr als in Jesus Christus Berufene gehört, an alle in Rom, die von Gott
geliebt und zu Heiligen berufen sind: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und
dem Herrn Jesus Christus. (Röm 1,1-7)
Das Ende der Briefeinleitung, die Schlussbemerkung haben Sie sicherlich schon oft und von dieser
Stelle gehört, durch dieses Mikrophon - nicht bloss, weil Paulus diese Formel mehrfach in seinen
Briefen verwendet, sondern weil die Kirche daraus den sogenannten Kanzelgruss gemacht hat. Es mag
ja angehen, wenn die Schreiben von Paulus, diese Predigten in Briefform für frühchristliche
Gemeinden im Mittelmeerraum - dass diese tatsächlich vor versammelter Mannschaft laut vorgelesen
wurden. Dann bekommt die Anrede Sinn und ist nicht nur eine Floskel. Problematisch droht die
Angelegenheit jedoch dann zu werden, wenn im deutschen Standardgottesdienst jede Predigt
routinemässig mit diesen Worten eröffnet wird und gleich hintendran die Anrede folgt: «Liebe
Gemeinde». Erfahrene Christen wissen, dass nun der rund zwanzigminütige Kirchenschlaf beginnt.
Anschliessend gibt es wieder was zu singen.
Einmal abgesehen davon, dass es keine liebe Gemeinde gibt: es gibt freundliche, nette, höfliche
Christenmenschen, die manchmal richtig lieb sein können und hin und wieder sogar engelhaft gut und
am Sonntagmorgen sowieso, meistens aufgeräumt und bisweilen auf den letzten Drücker. Da wird
sich Mühe gegeben, sich zusammen gerissen - und abgesehen von niedergeschlagenen, an sich und
der Welt verzweifelnden Personen: wer will von Paulus frontal mit der Ansage von Gottes Gnade
konfrontiert werden, die in voller Wucht trifft und der Friede Gottes ebenso? Das hiesse ja, und dann
erst kann diese Schocktherapie wirken, wie sich solch ein Mensch als bedürftig erkennt, seine
Begrenztheit wahrnimmt und annimmt, einsieht, wie er scheitert an sich, an der Welt, an den kleinen
und grossen Aufgaben und Ansprüchen, von wem immer sie kommen mögen - dass er eben nicht alles
kann. Wer von uns gesteht sich dann und denn wirklich ein, den Zuspruch Gottes nötig zu haben,
nicht nur, wenn er sich alleine nicht mehr zu helfen weiss und noch nie wusste? Oder im Wissen ist,
wie er es in jeder Sekunde seines Lebens mit dem lebendigen Gott zu tun hat, mit dem, von dem er das
Leben geschenkt und anvertraut bekommt, seinem Schöpfer und dann doch, als Geschöpf(!), in Tagoder
Nachtträumen über oder neben dem Ursprung aller Dinge zu stehen meint?
Paulus behauptet das nicht von sich, selbst wenn manche Gelehrten ihn für ein Grossmaul halten - und
wenn das stimmen sollte, so zeigt dies doch nur, dass er ebenfalls ein Mensch aus Fleisch und Blut ist,
mit Stärken und Abstürzen, Erhabenheit und Schwäche wie jeder von uns. Also…Paulus nennt sich
Knecht des Christus Jesus, Diener dessen, der seinem Leben nach langer Zeit und faktisch die Wende
gebracht hat und ihn selber auf die rechte Spur. In dieser geordneten Bahn kann er den Mund voll
nehmen, wenn er denn nur von seiner Aufgabe nicht abweicht, von der Linie, die die Propheten in
heiligen Schriften gelegt haben und er dann, und nur dann, Gott im Rücken hat und hinter sich weiss
und zu wissen - glaubt. Der Eine nämlich hat ihn eingesetzt, und so setzt denn auch der Römerbrief
mit dieser Feststellung ein, die nicht etwa die Autorität des Paulus unterstreicht, sondern die Gottes. Zu
dessen Ehre geschieht, was Paulus schreibt und verkündet und alles, was wir hier treiben. -
Fragwürdig mag es sein und ist es, wie Paulus selber rätselhaft daherkommt, jene Figur, die bis vor
kurzem noch für die Gegenseite gestritten hat - das macht ihn irgendwie verdächtig. Denken wir. Gott
denkt jedoch nicht (denken wir). Er macht. Lässt machen. Gott hat seine Leute. Voll- und Halbprofis
und Ergänzungsspieler stehen bei ihm unter Vertrag, die genauso Laien sind wie alle anderen
Menschen auch. Glaubensgehorsam zu erwirken - nun ja: Sie kennen sicherlich den unangenehmen
Beigeschmack, der Bekehrungsversuche auszeichnet und disqualifiziert. Um Mission handelt es sich
hier insofern, als Paulus und nach ihm Tausende versucht haben, Menschen, die Gott (und ihnen
wiederum) wichtig waren und sind, in Rom und anderswo, dass sie diesen andern erzählt haben, was
sie bewegt. Dass sie sie beteiligt haben an der Kraft, von der sie leben und für die Weisheit der Bibel
und die Wahrheit ihrer Botschaft eingetreten sind. Gnade und Frieden fliessen aus der Quelle, von der
sie trinken und die sie nimmermehr dürsten lässt, und dieser Ursprung hat einen Namen, Jesus
Christus, was nicht oft genug betont werden kann, nicht allein deswegen, weil Menschen zeit ihres
Lebens trinken müssen und immer wieder aufs neue auf diese Quelle angewiesen sind. Deshalb der
Hinweis auf die lange angekündigte Kernaussage der heiligen Schriften, das eine Wort Gottes, die
frohe und gute Nachricht, mit der Gott die Welt erfreut und erschüttert, weil jetzt! nichts mehr so ist,
wie es war.
Wenn nur dies immer wieder zur Sprache kommt, und nur dies, vielleicht wird dann der Christus
Jesus so gnädig sein, auch die Unvollkommenheit menschlicher Rede hinzunehmen, wie er ja so vieles
hinnehmen musste und nicht nur unter Pontius Pilatus gelitten hat, sondern immer wieder unter dem
Kleinglauben seiner Anhängerschaft und also auch unserem zu leiden hat. Und denken wir nicht - also
denken wir -, dass es für uns Menschen ein Leichtes wäre, dieses Wort Gottes zu vernehmen.
Anstrengung und Mühe und Aufmerksamkeit und Furcht und Staunen sind erforderlich, hier und da
und nicht so, wie es uns in den Kram passt, einen Happen aufzuschnappen. Und auch sonntags
zwischen zehn und elf ist es nicht immer gesagt und gewährleistet, dass Gottes versprochene Garantie,
das wofür er bürgt und mit seinem Namen einsteht - dass immer das Wesentliche zur Sprache kommt
und sich Glaubensgehorsam einstellt - denn wo es nichts zu hören gibt, von Gott und seinem Wort,
auch wenn es für Menschen, Könner und Amateure, ohnehin unaussprechlich und eine Unmöglichkeit
ist, dies überhaupt in den Mund zu nehmen, weil Gott nicht verfügbar, und der Geist sowieso weht, wo
er will - so ist es doch und nur dieser Geist, der bekehren kann, selbst wenn es bloss für einen
Moment ist und wir dann erkennen, wie im Vorgang des Redens und Hörens von Gott der Glaube
entsteht. Entstehen kann. Es zumindest nicht ausgeschlossen ist. Dann wähnen wir, dass wahr ist und
es sich um die Wahrheit handelt, in der Menschen sind, wenn sie in Beziehung zu Gott treten und
darin leben - doch nicht so, als ginge dies in unserem Besitz über und wäre von Dauer: die Gnade und
der Friede Gottes sei mit euch - der shalom lässt sich schwierig bis gar nicht bevorraten. Kommt er
doch und uns zugut - in solchen Augenblicken tritt Gott in unser Leben, wird unsere Welt von der
Welt Gottes in Kenntnis gesetzt - so, wie das Erscheinen Jesu in einem gewissen Abschnitt der
Weltgeschichte vor rund 2000 Jahren eben die uns bekannte Welt geschnitten hat, und zwar in
Palästina, und damit erfüllt wurde, was die Propheten angekündigt haben und der Retter aus dem
Stammbaum des Königs David in Israel aufgetreten ist. Da nun hat Jesus die Welt Gottes der Erde
maximal angenähert, ohne dass die vorfindliche Welt aufgehört hätte zu existieren - und so verhält es
sich heute noch. Freilich: einen Schatten, die Skizze, eine Ahnung der besseren Welt, den hat Gott
mächtig in Szene gesetzt, nicht als Spektakel, sondern als Gegenentwurf zu dem, was wir kennen und
mit unseren Sinnen gar nicht anders kennen können, sondern nur im Glauben zu erfassen vermögen.
Da, wo Jesus, der Sohn Gottes, unsere vorfindliche Welt schneidet, da gibt es allerdings keine
Schnittmenge, die uns Menschen dann auch göttlich werden liesse. Nein, hier klafft ein Loch, wobei
diese offene Stelle durch und nach seiner Aufstehung von den Toten eine Wunde ist, die mehr
verwundert als überwunden wird. Quasi ein wunder Punkt (das können Sie klein oder gross und in
einem Wort schreiben). Dass die Auferweckung Christi erstens: seine Gottessohnschaft hat offenbar
werden lassen, also die Offenbarung des Gottes ist, der nicht bloss die Römer liebt, sondern alle
Menschen, die zu Heiligen berufen sind - und wir gehören dazu, auch wenn wir nicht O.K. sind und
nicht würdig, als Gottes Kinder angenommen zu werden am Ende der Tage. Zweitens: die
Auferstehung Christi selber schafft den Glauben daran, nicht weil wir Menschen in unserem Hirn dies
rekonstruieren können und überlegen, wies denn gewesen sein mag, damals. Damit kommen wir nicht
weiter, sondern entfernen uns von Gott - mit dem und dessen Möglichkeiten gerechnet werden muss,
stets aufs neue und immer wieder und immer wieder von vorn - sind wir von der Gnade und dem
Frieden Gottes abhängig. Bis wir auch dort ankommen, wo Christus schon jetzt ist. Der
Erkenntnisgewinn ist also der, dass wir, je länger und intensiver nicht wir uns mit dem Wort Gottes
auseinandersetzen, sondern Gott uns diesem Wort aussetzt: dass wir einsehen, wie wir Menschen
immer weniger von Gott wissen, mit einer Ausnahme: wenn wir Gott wirklich vertrauen, heisst das,
dass wir ihn in Jesus Christus erkennen (Calvin).
Wie sollte es auch anders sein? Wären Gnade und Friede sonst nötig und der, der sie uns besorgt:
Jesus Christus? Das will das Wort Gottes uns doch sagen: ihr Menschen seid das Problem und nicht
gut, die Welt nicht und was ihr damit anstellt, wie wir mit unsren Mitmenschen und der Umwelt
umgehen, den eigenen Vorteil suchen und Bequemlichkeit. Sein, Gottes Wille wird dabei verfehlt -
diese kühne Behauptung sei gewagt, ausnahmsweise. Wenn sie nämlich nicht zutrifft, dann ist es ein
weiterer Baustein in dem Gedankengebäude, das Menschen sich von Gott machen und das im Nu
zusammenfällt wie ein Kartenhaus und als Ruine dasteht wie der Turm von Babel…ist wirres
Geschwätz - das wenig bis nichts mit dem Evangelium zu tun hat. Mögen wir uns Mühe geben, es zu
verstehen, zu lesen und zu hören, das, was Paulus nicht zwischen zwei Buchdeckel gepresst kannte,
sondern als Offenbarung, als Evangelium des lebendigen Gottes, der sich seinen Geschöpfen
offenbart hat in Gestalt des Versöhners, des Christus Jesus, von dem Gnade und Apostelamt zugeteilt
wurden und mitgeteilt, worin der Wille Gottes besteht und worauf er zielt. Diese Mitteilung, erst später
in Sprache gegossen und mündlich und schriftlich überliefert - sie lässt sich nicht fixieren, diese
Mitteilung. Sie rechnet, dies dann jedoch fest, mit Teilnahme, lässt einen nicht kalt, hofft auf
Verständnis und Verständigung, ruft und beruft zur Mitarbeit, wo jeder Christ und jede Christin kraft
des Christseins zum Apostel wird, zum Sendboten, zum messenger, der die message, die
Heilsbotschaft Gottes lebt und weiterträgt. Nicht weil er oder sie nun im Besitz der Wahrheit sind,
sondern weil deren Leben von der Wahrheit erschüttert ist, der Wahrheit, die in Christus ist, dem
einem Wort Gottes, dem Ja, das er dem Nein von uns Menschen entgegensetzt und das uns gegeben
ist, damit es unser Leben erneuert (Calvin). Lebenslang und erst dann vollendet, wenn Gott alles in
allem sein wird und wir Menschen den Nachschub an Gnade und Friede Gottes nicht mehr nötig
haben. Allen sei dies mitgeteilt, die von Gott geliebt sind, die von seiner Liebe profitieren, die stärker
ist als der Tod, und somit jenen…Ihnen…die zu Heiligen berufen sind, zu seinen, Gottes Leuten, in
Rom, Biebrich oder sonstwo. Beten wir drum, dass Gott seinen Sauerteig knetet - jetzt!, wo und wie
wir Ruhe gefunden haben, die uns nicht ruhen lässt und nach draussen drängt. Von dort, wo auch wir
herkommen und uns irgendwie immer noch befinden: den Widersprüchen dieser vorfindlichen Welt,
aus der, wie gesagt, auch Jesus dem Fleisch nach herkommt und die mit der Gotteswelt nicht
übereinstimmt, ihr entgegengesetzt ist, mit all den ungelösten Problemen, der Ungerechtigkeit oder der
Frage, in welcher Gesellschaftsform wir leben wollen, wo sowohl der Sozialismus gescheitert und die
Marktwirtschaft entglitten sind…wo der Krise so recht nicht abgeholfen wird, weil es zu viele
Gewinner gibt und selbst der kleine Mann hierzulande in globaler Sicht davon leben kann und wo er
kann und könnte selber mitmacht und sich beschwert, wenn Ohnmacht wahrgenommen wird, etwas zu
ändern. Sicherheiten wirtschaftlicher oder militärischer Art sind wacklige Angelegenheiten, die
beunruhigen und Angst und Bange machen können - wie auch Menschen in ihrem Wesen aus
welchen Gründen auch immer unsicher, zerrissen sind, weil sie eigene Fehler und Unzulänglichkeiten
wahrnehmen, sie entweder ignorieren oder daran verzweifeln - und wenn es gut läuft…eine
Erschütterung ihrer inneren Sicherheit erfahren. Freilich: diese Auflistung, die keinen Anspruch auf
Vollständigkeit erhebt und die Sie nach persönlichen Belieben oder Missfallen ergänzen können - all
das ist nichts im Vergleich dazu, wie wir erst einmal in unserem Dasein, als Person mit ihrem
Benehmen, von Gott in Frage gestellt werden. Der für Bestürzung sorgt…ja sorgt, denn die in
Christus personifizierte Lösung für menschliche Miseren und alles, was damit in der Folge verbunden
ist - das ist wohl nötig nur im Doppelpack erhältlich. So ist diese Unruhe die Voraussetzung, um die
Gnade Gottes zu erkennen und trotz dieses seines Heilshandelns nicht ruhig zu werden, weil die
Gnade Gottes selber so unfassbar ist, dass wir Menschen aus dem Staunen nicht herauskommen.
Eingesetzt als Sohn Gottes hat Christus in einem Moment den Himmel auf die Erde gebracht, in seiner
Auferstehung von den Toten Vollmacht erlangt, die Lücke zwischen unsrer Welt und der Gottes zu
überbrücken. Die Kluft bleibt nach wie vor da, die Trennung an sich bleibt bestehen. Faktisch, auf der
Ebene der Realität, hat sich nichts geändert, da geht alles seinen Gang, und doch wird der Abstand
zwischen Gott, dem Schöpfer, der nicht die Wirklichkeit ist, und Geschöpf für einmal
überspannt…nicht aufgehoben. In dieser Spannung leben wir Christen, je nach Sichtweise in Ruhe
oder Unruhe. Dies Wirken und Arbeiten Gottes an und in uns hält uns am Leben. Gehen wir davon
aus, dass dies sein Wille ist: dass wir leben. Durch und in Christus. Amen.
Jost Harzer