Predigt am 10.04.2009

Karfreitag

"Es ist vollbracht." - Sagt Jesus

Lesung des Predigttextes: Joh 19, 16-30


Liebe Gemeinde!

„Es ist vollbracht.“ - Sagt Jesus.

Aber es sieht doch ganz und gar nicht danach aus. Jesus hängt am Kreuz!

Das ist kein Zeichen von Überlegenheit. Für die Römer sowieso nicht.

Sie konnten sehr tolerant sein, gerade in religiösen Fragen, aber nicht, wenn ihre Macht infrage stand, wenn jemand – so wie Jesus - zum Sicherheitsrisiko wurde. Ein falscher Messias stiftet nur Unruhe.



Da gab es kein Zögern. Da galt die Devise: Im Keim ersticken!

Und zwar auf die schmachvollste Weise, die man damals kannte: die Kreuzigung.

Ein Schandmal sollte das Kreuz sein – und so wurde es auch verstanden.

Mit Gekreuzigten wollte niemand, dem sein Leben lieb war, etwas zu tun gehabt haben.

Der Evangelist Johannes hat das in seiner Passionsgeschichte sogar mit etwas Ironie in Szene gesetzt: Wie beflissen doch die Gegner Jesu an der Kreuzaufschrift herummäkeln, dass Pilatus bloß keinen Volksaufstand vermuten möge. „Wir haben keinen König als den Kaiser“ Dieser Jesus, das ist nur ein krasser Einzelfall, weiter nichts.“ Nun ja, die Inschrift änderte Pilatus nicht mehr.

Das Kreuz war ein Schandmal – so sahen das alle. Und auch den Jüngern Jesu und den ersten Christen machte das Geschehen schwer zu schaffen. Wie furchtbar, dass Jesus am Kreuz gestorben war! Eine Katastrophe!

Das Kreuz als positives Erkennungszeichen – so wie wir es kennen - oder gar als ein gern getragener, kostbarer Schmuck: - diese Vorstellung wäre damals unmöglich gewesen.

Es dauerte fünfhundert Jahre, bis Künstler zum ersten Mal Jesus am Kreuz darstellten – und es dauerte noch einmal doppelt so lang, bis der berühmte Matthias Grünewald den geschundenen Körper Christi in schonungslosem Realismus gemalt hat.


„Es ist vollbracht.“ Mit diesen Worten und in dieser Überzeugung lässt der Evangelist Johannes Jesus sterben. Nicht – wie im Markus- und Matthäusevangelium – mit einem Klagepsalm auf den Lippen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Worte stehen im Johannesevangelium nicht als die letzten Worte Jesu.

Hier steht: „Es ist vollbracht!“

Liebe Gemeinde!

Manches ist anders im Johannesevangelium, dem jüngsten unserer vier Evangelien. Die Kreuzigung Jesu erscheint noch knapper und nüchterner als sonst. Aber mehr war damals auch nicht nötig. Schließlich kannte alle Welt diese makaberen römischen Schauspiele aus eigener Anschauung. Die Brutalität und die Demütigung, die einer solchen Hinrichtung innewohnt, standen jedem vor Augen.

Genau darin liegt der wunde Punkt bei vielen Christen der ersten Stunde:

„Wie kann es sein, dass Jesus so enden musste? Dieser Gerechte, der so selbstbewusst und überzeugend von Gott als von seinem Vater sprach, warum war er am Ende nicht der Sieger? Er war doch ihre ganze Hoffnung!

Hier setzt die Botschaft des Johannes an: Schluss mit dem Jammern und dem Verdrängen von Tatsachen, und seien sie noch so bitter!

Entweder der Tod Jesu hat einen Sinn, oder wir können seine Worte und Taten samt den Wundern vergessen.

Jesus hat doch nie von einer „dunklen Seite Gottes“ gesprochen, die niemand durchschaut? Er hat seinen Tod nicht als Geheimnis dargestellt.

Und er hat auch nicht seine Mission am Ende für gescheitert erklärt. Das haben nur seine Feinde getan. Jesus sagt: „Es ist vollbracht“.



Durch seine Schilderung tritt der Evangelist Johannes den Zweifeln und der Sprachlosigkeit, die die Menschen unter dem Kreuz Christi befallen, vehement entgegen. Denen, die in Jesus den König gesehen haben, der mit Macht das Reich Gottes herbeiführt, denen zeigt er, wer ihr Erlöser ist:

es ist der, der ganz bewusst in den Tod geht,

der sein Leben für andere hingibt,

der, der durch Liebe wirkt,

und dessen Reich gerade in der Ohnmacht, in der Niedrigkeit beginnt.

Dieser am Kreuz sterbende Gerechte,

er ist der wahre König der Juden, er ist der Erlöser.



„Es ist vollbracht.“ sagt Jesus im Angesicht des Todes.

Ein kraftvolles Wort, selbstbewusst und stark.

Dann neigt er das Haupt – zum Zeichen, dass er bereit ist zu sterben.

So sieht einer aus, der seinen Weg souverän zu Ende geht. Auf diese Szene lenkt der Evangelist die ganze Aufmerksamkeit seiner Gemeinde. Und damit stellt sich seinen Zuhörern sofort die Frage:

Wie kommt denn Jesus in seinem Elend dazu, so selbstbewusst zu reden? Was ermöglicht ihm diese innere Stärke?

Und was, um alles in der Welt, ist denn vollbracht?

Wer so fragt, verfällt nicht in lähmende Resignation, wer so fragt, hebt den trauernden Blick und kann Schritt für Schritt wieder festen Boden unter den Füßen gewinnen. Und Johannes weist den Weg. Er beschönigt das Sterben Jesu nicht, er verklärt nicht seinen Tod – wie es ja manche später getan haben. Er verirrt sich nicht in fromme Fantasien, als habe hier ein göttliches Wesen einmal eine menschliche Gestalt angenommen. Johannes lässt keine Spekulationen gelten. Sein sicherer Halt ist die Bibel, die Hebräische Bibel seiner Zeit. Und eine andere Bibel hatte ja auch die christliche Gemeinde nicht.

„... damit die Schrift erfüllt würde.“ Diese Worte finden wir oft bei ihm. Und die frohe Botschaft bei Johannes lautet: Was Jesus vollbracht hat, das haben wir alles schwarz auf weiß. Unser Bild vom Retter, den Gott uns senden würde, war einfach falsch gewesen. Wir hätten es besser wissen können.

In der Bibel steht es ja:

Von allen großen Gerechten wird da berichtet, dass sie angefeindet wurden, am schärfsten oft von den eigenen Leuten. Viele mussten für ihre Botschaft sterben. Ihre Leidensgeschichten sind geradezu ein Merkmal für ihre Nähe zu Gott.

Die Stellen, auf die Johannes dann verweist – diese Bibelzitate waren der Rettungsanker für die frühen Christengemeinden. Was wäre uns geblieben, hätten nicht Menschen wie Johannes im Leiden Jesu Christi die ungebrochene Menschenliebe Gottes erkannt. Und hätte der Evangelist nicht in Jesu Tod den Beginn eines noch größeren Geschehens gesehen:

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Dieses Gleichnis vom Weizenkorn findet sich nicht von ungefähr nur im Johannesevangelium.



„Es ist vollbracht“.

Liebe Gemeinde, diesen Satz darf man nicht missverstehen. Als ob alles erledigt und nichts mehr zu erwarten wäre. Der Auftrag Jesu war es, in Wort und Tat auf dieser Erde Zeichen zu setzen, wie sehr Gott die Menschen liebt. Und dass er ihnen so nahe sein will, wie ein Mensch dem anderen nahe sein kann. Ein schwerer Auftrag. Denn wie es zu Beginn des Johannesevangeliums bereits heißt: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Damit war zu rechnen.

Doch – dem Tod zum Trotz – der Anfang ist gemacht: Das Weizenkorn liegt in der Erde, die Saat kann aufgehen. Auch dafür sorgt Jesus noch vom Kreuz herab.

Johannes verdanken wir die Szene in der Passionsgeschichte, in der sich Jesus seiner Mutter und einem Jünger zuwendet und die beiden aneinander verweist: „siehe, das ist dein Sohn“, „siehe, das ist deine Mutter“. Inmitten des kalten und grausamen Geschehens der Kreuzigung ein unerwartet warmherziger Moment.

In Jesusfilmen wird es hier oft besonders kitschig. Der Evangelist Johannes würde sich im Grab umdrehen! Die Passion Jesu als rührselige Geschichte? – Das wäre das Letzte, was seine Gemeinde bräuchte. Aufrichten und stärken will er sie, damit sie die Trauer überwinden, damit sie ihre Zukunft sehen – das Licht, das in der Finsternis erschien, und das sie jetzt nur noch zu ergreifen brauchen. Was Maria und den Jünger verband, als sie Golgatha verließen, war nicht die Totenklage. Sie hatten, Gott sei Dank, zu tun: Es galt, das Erbe anzutreten, das Jesus seinen Anhängern schon zu Lebzeiten vermacht hatte: sein Gebot, „dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ Das macht die christliche Gemeinde stark, dadurch kann sie überleben: weil sie sich bewusst ist: sie hat einen Auftrag, sie hat eine Mission. Oder besser gesagt: sie ist Teil der Mission, die mit Jesus begonnen hat.


Wer als Christ eine Kreuzigungsgruppe betrachtet, stellt sich am besten im Geist neben die beiden Menschen unter dem Kreuz, die sich wie auf verlorenem Posten vorkommen, neben den Jünger und die Mutter Jesu. Dem Jünger hat Johannes keinen Namen gegeben – jeder kann seinen eigenen einsetzen. Und dann wird er nachvollziehen können, wie froh die Botschaft des Johannes macht.

Es ist ganz erstaunlich, wie ungebrochen Jesu Autorität selbst im Augenblick der tiefsten Erniedrigung ist, wie er, verspottet und verhasst, an der Liebe festhält, wie er mit denen fühlt, die um ihn trauern und wie er im Sterben Leben stiftet.



„Es ist vollbracht.“

Wenn Jesus sich da nur nicht täuscht! Ich denke an einen alten Jesusfilm, ein sehr kurzer Zeichentrickfilm, eine Satire. Da hängt Jesus am Kreuz: Er beobachtet Menschen, die vorübergehen: einen Geschäftsmann, der es sehr eilig hat; einen, den seine Illustrierte fesselt; einen, der sich den Fernseher direkt vor die Brust geschnallt hat; schließlich – gesenkten Hauptes und in Kontemplation versunken – einen Mönch. Keiner würdigt den Mann am Kreuz auch nur eines Blickes. Als dann noch die Tageszeitung direkt an Jesus vorbeiflattert, reicht es ihm: Er steigt vom Kreuz und geht davon.

Und diese Satire weist auf etwas Richtiges hin:

Wen interessieren schon Menschen am Kreuz? „Jeder hat doch sein Päckchen zu tragen,“ sagen viele.

„Karfreitag in den Gottesdienst?“ sagt die eine. „Nein. Elendsbilder verkrafte ich einfach nicht mehr. Ich muss mal die Seele baumeln lassen – das bin ich mir wert.“

Jeder bleibt für sich. Wie in dem Zeichentrick-Film. Am krassesten erscheint der Mönch. Womöglich meditiert er gerade über das Leiden Christi – und er geht schnurstracks an ihm vorbei. Er merkt es noch nicht einmal. Natürlich ist das die Karikatur eines Mönches. Er steht für alle, die vor lauter Frömmigkeit die Augen vor der Welt verschließen. Von Jesus können sie es nicht haben. Er verliert die Wirklichkeit nicht aus den Augen. „Siehe: dein Sohn! – Siehe: deine Mutter!“

Liebe Gemeinde, ich kenne keine Religion, in der die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen so miteinander verbunden sind, wie bei uns im Christentum.

Und bei Johannes wird es besonders deutlich. Bei ihm ist der schwere Gang Jesu ans Kreuz eine einzige Liebeserklärung an die Welt. Verständnis, Mitgefühl, Vergebung, Solidarität. Die hat Jesus zeit seines Lebens bewiesen. Er war für viele Menschen das Wort Gottes in Person, das Brot, nach dem sie gehungert hatten, das Licht am Ende des Tunnels, der gute Hirte, der Sicherheit gibt – und, und, und. Wir können das alles bei Johannes nachlesen..



„Es ist vollbracht.“

Liebe Gemeinde, wir Christinnen und Christen heute sind die Erben. Und die Welt ist noch die gleiche. Der Jünger seinerzeit nahm Maria zu sich. Die ersten Christengemeinden lebten die Liebe und Solidarität, die sie von Jesus gelernt hatten.

Und von ihren heutigen Nachfolgern – von den Kirchen und von allen, die sich als Christen bezeichnen - kann die Gesellschaft zu Recht erwarten, dass sie sich in allen Bereichen für Mitmenschlichkeit einsetzen, dafür, dass Menschen an Leib und Seele satt werden, dass ihr Leben eine Perspektive hat – und, und, und. .

Es ist vollbracht, hat Jesus gesagt.

Ja, er hat viel vollbracht, sein Leben lang und konsequent bis ans Ende. Jetzt sind wir dran. Amen.Karin Meier