Predigt am 11.12.2011

Predigt über Röm 9,30-33

Die Suche nach Gerechtigkeit

30 Was folgt nun daraus? Die Völker, die der Gerechtigkeit nicht nachgejagt sind, sie haben Gerechtigkeit erlangt - eine Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. 31 Israel aber, das dem Gesetz nachjagte, das Gerechtigkeit verheisst, hat das Gesetz nicht erreicht. 32 Weshalb? Weil es nicht aus Glauben geschah, sondern im Vertrauen auf das eigene Tun. Sie stiessen sich am ‹Stein des Anstosses›, 33 wie geschrieben steht:
Siehe, ich setze in Zion einen Stein des Anstosses und einen Felsen des Ärgernisses;
wer auf ihn vertraut, wird nicht blossgestellt werden.

Predigt

Auch in diesem Abschnitt, in dem es um die Suche nach Gerechtigkeit geht – auch hier gilt, beim Bemühen des biblischen Volkes Israel die zeitlich-geschichtliche Distanz zu berücksichtigen bzw. diesen Vorbehalt im Blick zu behalten, wenn von der Situation des Juden Paulus eine wie auch immer geartete und darum äusserst wacklige Brücke ins 21. Jahrhundert geschlagen wird…so wie in dieser Predigt. Verallgemeinerungen nämlich können ja leicht im falschen Hals landen, so, dass einem die Spucke wegbleibt und Sprachlosigkeit übrigbleibt und – die Entzauberung des Menschen, dem, der jetzt vor Ihnen steht und der anderen wohl auch.

Zunächst hält Paulus ja fest (wie schon an anderer Stelle): das Gesetz ist nicht von vornherein schlecht, es zielt auf Gerechtigkeit. Darauf, dass Gottes Zusagen für gelingendes Leben sich erfüllen, wo also Gottes Entwurf einer Lebensordnung, in der alle Geschöpfe zu ihrem Recht kommen, Gestalt annimmt, und die Beziehung von Gott und Mensch und von diesen untereinander: wenn die Kluft brauchbar überbrückt ist durch Gottes Handeln und d.h. durch Christus und den Glauben an ihn, wo also die Römer und Sie und ich wieder oder erstmalig ins rechte Verhältnis zu Gott gerückt werden von Gott. Der Stein des Anstosses, der also ist Christus, unabhängig davon, ob das Zitat des Propheten Jesaja so gedeutet wird oder nicht, ob dieser Stein aus dem Weg geräumt wird oder nun den Lebensweg säumt, seiner Verwendung zugeführt: eben zur Grundlage des Glaubens, der sich ja wiederum der Treue Gottes verdankt. Dort läuft die Sache hinaus, die Sache Gottes mit den Menschen, der will, dass Zustände, wo Menschen dem Bild entsprechen, das Gott sich von ihnen…Ihnen und mir…gemacht hat, dass die herrschen bzw. hergestellt sind. Das Herrschen meint dabei gleichfalls die Königsherrschaft, das Reich Gottes, und diese Perspektive ist zu beachten und betrachten, obwohl es ja nichts zu betrachten und zu schauen gibt, vorerst, sondern nur zu glauben – eben: dass dann, am Ende der Tage, Gott alles in allem sein wird. Das bedeutet also Herrschen, und zum Herstellen einer nicht genau zu beschreibenden paradiesischen, nein himmlischen Ordnung: darum haben sich Menschen ja zu allen Zeiten bemüht und ertüchtigt gefehlt…äh…gefühlt, Anstrengungen unternommen, Friede auf Erden zu stiften und das Himmelreich dort zu errichten, wo doch nur zu beten wäre, und so so manches auf sich genommen und anderen sogar etwas weggenommen (Enteignungen, die es bei so manchen Revolutionen und Umstürzen gab, die den Bedürftigen zugute kommen sollten und am Ende meist in den Taschen derer gelandet sind, die umverteilen wollten, was durch über- und unnatürliches Wachstum an Arbeitskräften und Rohstoffen ausgebeutet wurde).

Also: nicht nur die Israeliten allein waren bestrebt, den Himmel auf die Erde zu holen (wenn dies denn ihre Absicht gewesen sein sollte) – auch die meisten Gesellschaftsmodelle, die den neuen Menschen schaffen wollen – die haben alle nicht nur dieses Ziel verfehlt sondern sich und damit die ganze Angelegenheit als solche und Gott ebenfalls. Ob bewusst und mit Absicht oder weil in Sorge ums tägliche Zurechtkommen, im Hamsterrad so beschäftigt und mit sich selber ohnehin, und so am Rande des Abgrundes: die Gefahr, doch irgend Schmied des eigenen Glücks zu sein, also letztlich Gott oder so ähnlich: darum kommt wohl kaum einer herum, der sein Geschick und das seiner Mitmenschen selber in die Hände nimmt oder die göttlichen Gebote ernst und für das letzte Wort, und letztlich sich doch auf die eigenen Leistungen stützt und hineinschlittert in die Selbstgerechtigkeit und meint, so bei Gott Unterschlupf zu erlangen, der ja angeblich Befolgung verlangt und Befreiung verspricht. Mit dem christlichen Gott freilich hat das erst einmal wenig bis nichts zu tun, da liegt wohl eine Täuschung vor, und zwar in Form eines Umtausches, der keinen Handel duldet sondern sich dem Handeln Gottes verdankt, dem Gott, der Befreiung schenkt und Glaube verlangt, Glaube und Gehorsam im Sinne von Glaubensernst und Aufmerksamkeit, hinhören auf das was Gott sagt und zu sagen hat in dieser lauten Zeit, der nicht auf fromme Gefühle wartet sondern auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten (Bonhoeffer).

An Gott kommt ohnehin keiner vorbei, an dem Gott, der zukommt auf Sie und mich und an dem jeder zu Fall kommt, am Stein des Anstosses und sei er aus Holz und die Frage gestellt ist an einen jeden Menschen, an Sie und mich, wie wir dazu stehen und wie wir das Gericht und die Gerechtigkeit denken, was wir darüber denken und wie beide unter einen Hut passen der höher ist als unsre Vernunft – unabhängig davon, wie wir zum Christusglauben stehen und fallen, ob dies der gemeinte und einzige Stein des Anstosses von Bedeutung sei oder nicht: er ist es, denn wie anders als im Angesicht Christi, den ja nicht bloss die Juden verworfen haben, sondern auch die, die Weihnachtsmänner nein Mitarbeiter von Coca-Cola und das ebenso süsse Jesulein auch nur dulden – vielleicht auch wir –, wie also kann ich und vielleicht auch Sie dem eigenen Tun inklusive dem religiösen nicht vertrauen sondern misstrauen, aus gottgeschenkter Einsicht, es wäre dann doch und eigentlich weil un-eigentlich schon immer besser, die weisse Fahne zu hissen im Kampf und Krampf um Unsterblichkeit. Das Bekommen oder gar Haben eines gnädigen Gottes sein zu lassen. Kommt hinzu gar Ermüdung von den vielen Fehlern und Verfehlungen im Leben, den Mitmenschen, der Umwelt, Gott gegenüber, und bricht der Wunsch, irgend göttlich zu werden: löst der sich auf in Luft, verschwindet: wie wenn nicht im und durch den Glauben an den in sich treuen Gott, der kraft der Auferstehung Menschen so verändert, dass sie anfangen anders zu leben, weil sie nun und von Gott neu erkannt sind und haben: so wie bisher hat es nicht funktioniert. Gottes Menschwerdung und Gottes Opfer machen meine eigenen Opfer überflüssig. Keiner muss sich aufopfern um Gott zu gefallen oder einen Status zu erreichen, den Gipfel zu erklimmen, von wo aus er sein kleines eigenes Leben oder gar das ganzer Gesellschaften oder Staaten meint in den Griff zu bekommen oder zu beherrschen. Ohne dass es nun unwichtig würde, wie ich lebe, im Gegenteil, wenn ich innerhalb der göttlichen Lebensordnungen lebe und frei bin, dem Gesetz nachzujagen, freilich ausser Konkurrenz in diesem Rennen, weil es unsinnig ist, jetzt, wo alles vollbracht, noch einen Stein auf den Stein des Anstosses drauflegen zu wollen sondern aus Dankbarkeit mithelfe, dass die Strassen gerade werden, nicht die Autobahnen oder Aufmarschplätze für irgendwelches Führungspersonal, sondern ein Stück weit dem Reich Gottes entgegen ohne selber genau zu wissen wohin die Reise geht und deshalb nicht abweichen, vielmehr hinhören, was Gott zu sagen hat: «Es ist nicht mehr nötig, das, was du, Mensch, dir eingebildet oder vorgemacht hast». Nicht ich muss auf Gott zugehen, sondern Gott ist schon längst auf mich zugegangen. Er hat sich meiner angenommen, in meinem Elend mich gefunden und mich umgedreht. Er hat mich zu sich gewendet, so wie er sich mir zugewendet hat.

Bei wem diese Wende stattgefunden hat oder wo sie auch künftig noch stattfindet – bei dem ist nichts so wie früher, auch wenn es manchmal noch so scheint, es ist jedoch nicht mehr das, was einem gut scheint und wenn das dann und wann durchscheint – dann ermöglicht ein gottgeschenkter Röntgenblick, den keiner sehen kann: dann ist jene Analyse möglich, die ja sonst unterbliebe bzw. nicht mit der Radikalität erfolgte, die alles durchdringt. Die den Menschen erschüttert und die Fassade abfällt, das Kartenhaus in sich zusammenstürzt, zerschellt am Stein des Anstosses, der in sich ruht und Unruhe hervorruft, der aus dem Konzept bringt mich und Sie auch, weil die alte Bewegung vom Menschen zu Gott hin umgedreht ist: von Gott zum Menschen. Keiner muss erst Gott werden und Leistungen erbringen, um Unsterblichkeit zu erlangen oder über den Umweg hausgemachter-Pseudogöttlichkeit dann und nur so zum Menschen zu werden. Es besteht keine primäre Notwendigkeit, das Gesetz, wie es in der Torah steht: dieses Punkt für Punkt einzuhalten oder meinen einhalten zu können und Gott zu übertrumpfen, ihn auszubooten vom Narrenschiff. Dies Manöver: insofern ein halsbrecherisches Unterfangen, die Verkennung, woran wir sind, ob wir erwählt sind oder nicht: wir sind Menschen, sind das Problem, können menschliches Versagen reduzieren in und kraft der Hoffnung auf die Welt die kommt und den kommenden Christus und sollen das auch wo immer irgend hierzulande und auf Erden möglich, einerlei, wer wir sind und wie: gefangen in inneren und äusseren Sachzwängen, die tatsächlich solche bleiben wenn allein das selbstentworfene, selbstgestrickte, selbst zusammengezimmerte System, also ohne den Zimmermann, der am Holz hing der Bezugsrahmen bliebe und die Lösung, schon längst geschehen, schon längst verkündigt – aussen vor. Es fällt dann immer wieder auf einen selbst zurück: das System bleibt geschlossen. Und darin kann einer schmoren wie eine Weihnachtsgans, vor sich hindümpeln, Römertopf statt Römerbrief, das Dasein fristen, über sein Sosein sich beklagen und dann dazu neigen, sich zu verfluchen oder Gott oder beides zusammen, nein getrennt, denn: was kann Gott denn dafür, dass ein Mensch sich ihm verweigert. Der Unmensch, der sich einbildet und kümmert und stets neu erfindet oder meint, dies zu müssen, der sich einredet oder dem von aussen eingeredet wird, er müsse sich beweisen und sogar nach oben ausschwingen, auf eine Stufe mit Gott, um von dieser Zwischenstation aus zum Menschen zu werden, zu einem solchen, der dann meint: eigentlich ist Gott ja überflüssig, schliesslich habe ichs ja aus eigner Kraft soweit geschafft. Was wäre dem zuzurufen? Was muss ich mit selber zuflüstern? «Geschenkt…geschenkt. Vergiss deine Sehnsüchte und die nach Gott. Lasse dich von ihm finden und lasse Gott Gott sein. Und das ganze Trallala und Drumherum auch.» Amen.

Jost Harzer

verwendete Literatur:Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010