Predigt am 14.08.2011

Predigt über Röm 8,31-39

31 Was wollen wir dem noch hinzufügen? Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? 32 Er, der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will gegen die Erwählten Gottes Anklage erheben? Gott ist es, der Recht spricht. 34 Wer will da verurteilen? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja mehr noch, der auferweckt worden ist; er sitzt zur Rechten Gottes, er tritt für uns ein. 35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis, Not oder Verfolgung? Hunger oder Blösse? Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht:
Um deinetwillen sind wir dem Tod ausgesetzt den ganzen Tag,
zu den Schafen gerechnet, die man zur Schlachtbank führt.
37 Doch in all dem feiern wir den Sieg dank dem, der uns seine Liebe erwiesen hat. 38 Denn ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Definition

Es gibt kein Entrinnen vor der Liebe Gottes
und vor dem Gericht,
denn jüngst ist immer und
so gewiss und sicher
wie das Amen in der Kirche,
das Ja und Amen im Christus,
die gegebene, von Gott gegebene,
aufgegebene Grösse
um des Menschen willen hat Gott
den Sohn aufgegeben und den Menschen gegeben,
geschenkt, für umsonst und
also für uns – ist Gott,
damit wir uns schenken können,
die Ausweglosigkeit,
die Ohnmacht der Selbstbesessenheit gegenüber
und die Verantwortung
fürs eigene Handeln und vor dem Gericht Gottes
unter einen Hut zu bringen:
Schluss der Bemühungen
selber zu überbrücken diesen Zwiespalt oder
ihm zu fliehen.

Diese Tatsachen kann keiner und nichts umstossen,
sie sind nicht voneinander
zu trennen wie
auch Gottes Zuwendung zum Menschen
Bestand hat trotz allem Unfug
in und um uns herum.

Die Liebe, sie ist von einer Dauer,
die offene oder singende Münder hinterlässt,
lässt sich nicht rückgängig machen,
ist die Konstante und
die neue Wirklichkeit,
die in das Leben der Menschen hineinbricht,
den kalten Krieg gegen Gott beendet,
der Friedensschluss, das Verneigen vor Gott und
das Loblied aus dem Herzen, das,
damit ein solches anklingt,
einen Bruch dieses Organs voraussetzt,
der freilich nur durch die vorangehende
bzw. sich immer, jüngst! vollziehende
Heilung, Vergebung, Aufrichtung
durch den Richter möglich wurde,
möglich ist und sein wird bis ans Ende der Tage,
wo dem Menschen der Prozess gemacht wird,
weil der, der richtet,
plötzlich auch der Angeklagte,
der verworfene Mensch nun auf einmal
Christus ist
und die erwählten Menschen von dem,
der urteilt, darum, weil er für sie eintritt und einsteht,
den Fuss in der Tür behält und
nur darum im Grunde keiner nichts mehr zu befürchten
sondern schlicht zu danken hat.

 

Glauben wir das, und wenn ja, ja genau: es ist ja das grosse Ja, das den Glauben erst ermöglicht und Basis und Generalbass eines jeden Gottlobliedes. Es muss nicht so vollmundig sein wie bei Paulus oder so verworren wie hier; es reicht für den Anfang ja schon, dies alles zur Kenntnis zu nehmen, Gott zu vertrauen, d.h. ihn in Christus und seinem Geschick zu erkennen – die dann in Form einer Rückkopplungsschleife alle bisherigen Grössen im menschlichen Leben über den Haufen wirft und Loblieder und Lobgebete herausbrechen, wo vor Schimpf und Schande am besten der Mund zu halten wäre.

Was ist dem noch hinzuzufügen? Der Hinweis: alles Sich-Rühmen verbietet sich von selbst, nein, von Gott, ebenso wie das Brüsten mit dem Umstand, von Gott geliebt, erwählt und angenommen zu sein – eine ziemliche Gefahr darstellt, insofern, als das Zeugnis umkippen kann in einen Übermut, der dann wieder auf einen Menschen zurückfällt, wenn mit vollen Backen der Sieg Gottes herausposaunt wird bevor die letzte Posaune ertönt. Nicht etwa aufgrund eines freilich nicht vorhandenen Vorbehalts, sondern weil abgeschmacktes Triumphgeheul so ziemlich das letzte ist, was die Welt von der Christenheit erwartet. Das tut sie natürlich nicht, und zumindest heutzutage rennt, wer verbindlich von Gott redet, keine offenen Türen ein. Die Christusbotschaft, wenn sie denn recht verkündet werden sollte, was ja auch schon selten genug vorkommt und momentan wohl auch nicht – also die Gefahren liegen vielmehr darin, der Nachricht von Kreuz und Auferstehung, von Vergebung und Heiligung Gehör zu verschaffen in der Symphonie der Meinungen und religiösen Anschauungen, der Ideologien…auf dem Markt der Unmöglichkeiten…das, was Kirche sagt oder zu sagen hätte, wenn der Geist mit von der Partie ist und Eigentore verunmöglicht. Die Gefahr nämlich unsrer Landes- und Amtskirche besteht ja nicht aus Schwert oder Verfolgung, eher darin, dass wir uns selber in den Rücken fallen und Knüppel zwischen die Beine werfen ohne es zu wollen und auch niemandem auf die Füsse treten. Darum in Missachtung, kollektivem Achselzucken oder dem Wunsch des Publikums, von der guten und längst verkündeten Neuigkeit vom erniedrigten Gottessohn und dem erhöhten Menschensohn nicht belästigt zu werden, und möglicherweise lauert innerhalb der Kirchenmauern eine Gefahr, die nicht registriert wird, eben weil die Liebe Gottes auf der Habenseite verbucht wird, was ja ein Ding der Unmöglichkeit und – Gott nicht zu haben ist und der Glaube an ihn und seine Liebe nicht in den Besitz der Menschen übergeht, weil: wer könnte schon einen Vorgang festhalten?

Paulus behauptet wie Gott, der seinen Sohn nicht verschont, mit ihm uns, also der christusgläubigen Gemeinde Gottes, auch alles, alles andere schenkt – und wäre da die Einsicht in diesem Umstand nicht die grösste weil entscheidende Gabe, die dann die Wahrnehmung ebenfalls alles anderen in einem neuen Licht ermöglicht und erstrahlen lässt, und wenn es auch nur, und so ist es ja meist, das Zucken eines Blitzes ist, diese Erkenntnis zusätzlich zu allem Vorwissen, also Nicht-Wissen, und nach allem, was sich so sagen lässt: es geschieht dann. Erleuchtung von Gott her, die mündet in Überschwang wie bei Paulus und doch zuwiderläuft gerade dem Planbaren und sich vollzieht unabhängig von allem was das Geschaffene sich erträumt oder erbittet oder sich auf der sicheren Seite wähnt, der Seite Gottes. Doch das ist eben ein ganz anders Kapitel, ein Buch mit sieben mal sieben Siegeln und – wer das sagen könnt' und wie: wir sind erwählt, von ihm, ausser Gefahr und höchstgefährdet. Wenn wir diese Gefahr überhaupt wahrnehmen.

Es ist ja ein altbekannter Mechanismus: eine von den grössten Gefahren, die Menschen kennen ist, dass sie keine grösseren Gefahren mehr kennen oder noch nie erlebt haben. Die Nachkriegsgeneration hierzulande z.B. weiss ja nicht wirklich, was Krieg ist sondern nur vom Hörensagen, und wenn es Naturkatastrophen oder nukleare Störfälle zu beklagen gilt, dann ist unser Landstrich bisher ungeschoren davongekommen – obwohl direkt am Oberrheingraben und in ziemlicher Nähe zum Flussufer gelegen. Das Alltagsleben geht seinen Gang, und damit schwindet auch das Bewusstsein dafür, dass es a) auch anders sein könnte und b) diese fast paradiesischen Zustände, in denen wir leben, genauso wenig eine Selbstverständlichkeit sind wie es c) auf die nunmehr ins Lot gebrachte immer schwingende Beziehung zum Schöpfer zutrifft und nie zur Ruhe kommt. Existenzielle Krisen, die Leib und Leben bedrohen und erschüttern mit allem was dazugehört, inklusive vor Freude zu zittern oder die Sprache zu verlieren – ob hausgemacht oder schicksalhaft und zufällig – all das unterscheidet sich freilich von der Bedrängnis die Paulus erlebt hat bei seinem Auftrag, der Welt im östlichen Mittelmeerraum von rund 1950 Jahren einen neuen Weg jüdischer Existenz aufzuzeigen, eine Befreiung schenkende Ausrichtung auf den Einen Gott der Väter, der das Leben selber, d.h. mittels seines Sohnes wieder in die Nähe dessen bringt, was von Anfang an beabsichtigt war. Dafür hat Paulus gekämpft und gelitten, sah seine Erlebnisse und Abenteuer dabei als Abschattung des Ergehens des Mannes aus Nazaret, der mittlerweile sein Herr geworden und auch unserer ist, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis ja heisst, hat Mühsal und Bedrängnis erfahren, hebt diese auch hervor, doch nur um zu zeigen, wie stark ihm die Zuwendung Gottes zuteil wurde. Alles was von aussen herandringt an die Menschen der frühchristlichen Gemeinden und ihr Bestehen gefährdet…wobei Paulus das, was ihm widerfahren ist, als Beispiel anführt, um seinen Leuten in Rom oder anderswo zu zeigen, dass christliche Existenz nicht mehrheitsfähig ist…noch nicht, damals…oder nicht mehr, heute…zumindest in Mitteleuropa. Vielleicht sind wir hier, als Kirche vor Ort, sogar Teil dieses Problems und Auslöser des Phänomens der Entkirchlichung dieser unserer Gesellschaft, weil: die Gefahren – die kommen gar nicht sosehr von aussen, das auch, doch darauf haben wir keinen Einfluss oder gerade doch und genau deshalb, weil die erste Gefahr im Innern lauert. Wenn die Liebe Gottes abprallt an uns, wir sie nicht erkennen und annehmen und fürwahrnehmen und weiterreichen – dann fällt das auf Christenmenschen zurück. Von der Liebe Gottes trennen kann ein jeder sich nur selber, als unmögliche Möglichkeit, wenn er oder sie das Ganze nicht zulässt oder an sich heranlässt, was ja, nach allem das Paulus aufgedeckt hat, höchstwahrscheinlich ist und gleichzeitig nicht notwendig für Menschen, den alten Menschen, den Menschen im Fleisch, der er und sie bis ans Lebensende in dieser Welt als Teil der persönlichen Existenz bleiben wird: dass solch ein Mensch sich der Aufhebung seiner Person verweigert und dann die Liebe Gottes ins Leere liefe? Bewährung in dieser Gefahr: dann kann wie bei Paulus ein Jubel hervorbrechen oder Bescheidenheit und Demut, je nachdem es der eigenen Natur entspricht, die dann nicht mehr ganz die alte ist, zumindest nicht mehr ausschliesslich nur die alte, weil ja dann der Geist Gottes in einem solchen Menschen sich eingenistet hat und damit die Hoffnung, wie die Ausrichtung und Beziehung auf Gott Tag für Tag dichter und enger werden möge und Raum frei, die Befreiung zu spiegeln aus Dankbarkeit und Dienst zu tun an den Menschen und für die Welt.

Gott schenkt also mit seinem Sohn auch die Freiheit von allen erdenklichen Mächten, kommen sie nun von innen und sind Hausmacher Art oder gehen diese Phantome fest-, halb- und ungläubige Personen…die in Christus Erwählten Gottes…von aussen an, der Angst im Alltag, dem Ärger bei der Arbeit, am Automat in der Bank und den anderen Alternativlosigkeiten an den Aktienmärkten und anderswo. Oder lauern und bedrängen jene, die nur Gott kennt, vielleicht in Form einer militanten Ignoranz, die von Fall zu Fall, vor allem wenn Kirche fällt und die Menschen, die sie verkörpern: wenn die…Sie und ich…fallen oder sich verfehlen oder schlicht fehlen. Na und? Das bekämpfen oder stehen lassen? Die Kirche fragt meist: Wie dem begegnen? Ich weiss es nicht. Den Zeigefinger erheben? Moral und Sitte und die vermeintlich christlichen Tugenden einfordern? Wasser predigen und Wein trinken? oder den Menschen verkünden, dass sie nicht ihres Glückes Schmied sind und es auch gar nicht zu sein brauchen, und bis auf weiteres, d.h. bis Gott selbst und endgültig Ordnung schafft – unsre Bemühungen Gott anvertrauen, ihm im Leben und im Sterben Vertrauen schenken so wie er uns seinen Sohn. Nicht als Gegenleistung, sondern einfach so. Amen.

Jost Harzer

verwendete Literatur:Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010