Predigt am 14.09.2008

Predigttext: Mk 9, 14-27:

14 Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten.
15 Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn.
16 Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?
17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist.
18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.
19 Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.
21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.
22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!
23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
25 Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!
26 Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, sodass die Menge sagte: Er ist tot.
27 Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Liebe Gemeinde,

Im Religionsunterricht fragte mich einmal ein 8-jähriger Junge, ob es Gott gibt. Er sagt, er weiß, dass es den Teufel gibt. Und er weiß auch, wie er aussieht: „Mit Hörnern und einem Schwanz und so.“ Er weiß es, weil es doch die Halswehteufelchen, den Tintenteufel und die roten Teufel beim Fußball gibt. Aber Gott?
Wer meint, Teufel- und Dämonenglaube gehörten in die Antike und ins Mittelalter, hat weit gefehlt. Und ich vermute, dass die weit verbreitete Vorstellung von Außerirdischen, Aliens in der Fachsprache genannt, auch nur eine andere Form dieses Glaubens ist. Teufel, Dämonen, böse Geister, unheilvolle Mächte, daran wird auch heute immer noch geglaubt.

Der Markt des Okkulten und Esoterischen blüht. Bücher, Zeitschriften, Horoskope, Steine... Was es da alles gibt, ist unüberschaubar. Was noch Spaß macht und harmlos ist und was schon bedenklich, ist ebenfalls oft schwer zu sagen.
Gurus, Geistheiler und Gesundbeterinnen bieten ihre Dienste an, versprechen Heilung für Leib und Seele. Sie haben alle Hände voll zu tun, denn sie sprechen eine tiefe Sehnsucht der Menschen an:
Die Sehnsucht nach Heilung,
nach Befreiung von Krankheit,
nach der Abwehr störender Einflüsse
und dunkler Mächte.

Die einen gehen zum Arzt, wenn der nicht helfen kann zum Heilpraktiker. Andere gehen zum Wunderheiler. Einige in die Kirche. Und nirgends gibt es eine Erfolgsgarantie.
Bleibt die Heilung aus, ist Enttäuschung, Ärger oder Verzweiflung die Folge. Und die uralte Frage der Menschen wird wieder gestellt, wieso es Leid und Böses in der Welt gibt und wie Gott das alles zulassen kann. Viele haben versucht, auf diese Frage zu antworten. Die Menschen zur Zeit Jesu sagten: Krankheit ist eine Strafe Gottes. Der Kranke oder seine Eltern haben eine Schuld auf sich geladen.

Damit hatte der Kranke nicht nur an seiner Krankheit zu tragen, sondern er wurde - meist mit seiner ganzen Familie - auch noch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Obwohl wir Menschen im 20. Jahrhundert uns als wesentlich aufgeklärter betrachten, sehe ich doch bei uns ähnliche Tendenzen:
Da bekommt z.B. jemand einen Teil seines Reisepreises zurückerstattet, weil er es für unzumutbar hält, dass er in seinem Ferienhotel auf Behinderte trifft. Da wird per Gerichtsurteil verfügt, dass behinderte Menschen sich nur zu bestimmten Zeiten in ihrem Garten aufhalten dürfen, weil ein Nachbar sich durch die Laute, die sie von sich geben, gestört fühlt. Und diese spektakulären Vorfälle sind nur ein Zeichen für eine allgemein vorherrschende Stimmung.
Was Menschen behindert, ist mehr als ihre Behinderung. Es sind die Grenzen, an die sie zusätzlich stoßen. Grenzen, die die sogenannten Gesunden aufrichten, aus Unsicherheit, aus Unwissen, aus Angst vor einem ähnlichem Schicksal. Behindertsein zeigt uns die Grenzen auch unseres Lebens. Wir werden daran erinnert, dass auch wir krank werden können, dass wir sterben können. Und daran denken wir nicht gern.

Jesu Jünger hatten dem kranken Jungen nicht helfen können. Vielleicht war es ihre Unsicherheit, vielleicht ihre Angst im Umgang mit einem behinderten Jungen.
Stattdessen sind sie dabei, mit den Schriftgelehrten zu streiten, als Jesus dazukommt. Diskutieren statt handeln, das ist ja auch oft ein Ausdruck von Unsicherheit und Angst.

Der Vater des Jungen steht dabei. Er ist am Ende seiner Kraft, am Ende seiner Möglichkeiten. Er hat ja natürlich schon alles probiert, ist schon zu diesem und jenem Heilkundigen oder Gelehrten gelaufen, aber alles ohne Erfolg. Wie oft hat er selbst sein Kind schon vor dem Schlimmsten bewahren müssen, ihn aus akuter Lebensgefahr gerettet, wenn es wieder einmal einen Anfall hatte. Wie lange soll das denn noch so gehen? Er, der Vater, ist doch auch nur ein Mensch. Und jetzt hat er sich zuletzt an die Jünger Jesu gewendet und ist wieder gescheitert. Nun hat er eigentlich keine Hoffnung mehr. Nur ein winziger Gedanke, ein Gefühl vielleicht ist es, das ihn nicht aufgeben lässt.

Darum wendet er sich an Jesus, der dazugekommen ist und sich einmischt. Und er bittet Jesus: „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“
Aber Jesus sagt zu ihm: Du sagst „,Wenn du kannst, - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Ich finde, dieser Satz Jesu ist eigentlich eine Provokation. Natürlich wissen wir ja heute, dass die Chancen für eine Heilung viel besser sind, wenn jemand daran glaubt. Die innere Einstellung ist entscheidend, oft sogar ausschlaggebend für die Genesung. Aber braucht dieser verzweifelte Mann jetzt nicht etwas anderes als eine Belehrung über den Glauben?

Jesus sieht das anscheinend anders. Er hält niemanden für unheilbar. Er meint, die Heilung des Jungen ist keine Frage des Könnens, sondern des Glaubens. Und er sieht bei diesem Mann, dass er eben doch nicht so recht daran glauben will. Er zweifelt. Er möchte nicht wieder enttäuscht werden. Darum sagt er: „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“

Jesus aber lässt das nicht einfach so stehen. Er antwortet: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Und sofort schreit der Vater: „Ich glaube ja, hilf meinem Unglauben!“

In diesem Moment zeigt der Vater, wie es in ihm aussieht.
Wie die Krankheit während eines Anfalls den Jungen hin- und herreißt, so ist auch er zwischen Glauben und Zweifel hin- und hergerissen. Und vielleicht auch zwischen der Liebe zu seinem Kind und seiner Ablehnung ihm gegenüber.
All das, seine Sehnsucht, ja seine Bereitschaft zu glauben und seine Verzweiflung, seine Unfähigkeit, noch einmal zu vertrauen, vertraut er mit diesen Worten Jesus an. Und das ist schon der Anfang des Glaubens.

Hier entsteht ein Glaube, der durch Glück und Leid hindurchgehen kann, ein Glaube, der den Zweifel erträgt und übersteht. Hier beginnt bereits die Heilung. Wo die Umstehenden glauben, es seien noch Dämonen am Werk, entsteht schon neues Leben.
Unsere Geschichte erzählt es so spannend, dass es ist, als wären wir selbst dabei:
Nach Jesu Worten „Fahre von ihm aus“, wirft der Dämon den Jungen nieder, so dass alle meinen, er sei tot. Aber Jesus gibt ihm die Hand und richtet ihn auf und er steht auf und ist geheilt.

So sind Jesu Heilungen: Sie geschehen, indem er sich dem Betroffenen zuwendet. Und auf diese Weise sind sie eine Wohltat für die Kranken und ein Zeichen für uns. Jesu Heilungen sind Zeichen, die wir nicht nachmachen, nicht kopieren können. Aber diese Zeichen weisen darauf hin, dass Gottes Reich nah ist, dass Anlass zur Hoffnung besteht, dass Grenzen und Behinderungen überwunden werden.

Für diesen Vater und diesen Sohn war es ganz sicher ein Erlebnis der Nähe Gottes. Sie haben das erfahren, was Jesus angekündigt hatte: „Seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Und viele, die dabei waren, mögen es ähnlich erlebt haben.

Was ist aber, wenn Menschen nicht geheilt werden können? Was ist, wenn Menschen mit ihrer Krankheit, mit ihrer Behinderung leben müssen?
Wir können nicht sagen, warum das so ist, warum die eine gesund wird und der andere nicht, warum der eine eine beneidenswerte Gesundheit hat und sich dadurch auch sonst im Leben leichter tut und die andere von Geburt an krank ist und zeitlebens auf die Hilfe anderer angewiesen ist.
Auch Jesus hat nicht jeden Menschen geheilt. Aber seine Zeichen und seine Botschaft galten allen.
Allen wollte er sagen, dass der Glaube die Möglichkeiten eines Menschen unendlich erweitert,
dass der Glaube Grenzen überschreitet: Grenzen zwischen Gesunden und Kranken,
dass der Glaube frei macht von Erbitterung und Verzweiflung, frei aber auch von unbekümmerter Selbstbezogenheit.
Dem, der glaubt, wird es niemals kalt lassen, wenn andere behindert oder krank sind, wenn andere weniger Chancen haben, wenn andere Leid tragen. Und darum wird der Glaube dazu führen,
dass Menschen niemals ausgegrenzt, sondern in die Gemeinschaft hineingenommen werden,
dass Gesunde verstehen, was Kranke brauchen,
dass sie daran mitarbeiten, allen gleiche oder vergleichbare Chancen zu geben.
Es wäre schon eine Wohltat, wenn Behinderte, wenn Kranke, wenn Benachteiligte nicht noch durch die Reaktion ihrer Umwelt zusätzlich belastet werden.

Beim Thema Behinderung sorgt bei uns in Deutschland oft noch die Erinnerung an das Dritte Reich für eine besondere Sensibilität, und das ist gut. Aber ich glaube, auch heute ist niemand von uns so ganz gefeit gegen Gefühle der Abwehr oder taktlose Äußerungen gegenüber Menschen, die krank oder behindert sind.

Wie leicht entfährt uns ein: „Ach, tatsächlich, wie schrecklich!“ und der Gedanke: „Eine solche Krankheit möchte ich aber nicht haben“, steht uns auf der Stirn geschrieben. Viele sind es nicht gewohnt, mit Behinderten zu tun zu haben, und wenn es sich nicht vermeiden lässt, sind sie unsicher.
Vielleicht hilft es, wenn wir immer wieder und ganz ernsthaft versuchen, uns in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Menschen, die mit einer Behinderung leben, möchten möglichst normal behandelt werden. Übertriebene Rücksichtnahme kann beleidigend wirken und wenn die Behinderung immer wieder zum Thema wird, fühlen sich Behinderte ebenfalls nicht wohl.
Gottes Reich könnte mitten unter uns sein, wenn wir uns als Gesunde und als Kranke bemühen, im Sinne Jesu zusammenzuleben.
Dann wird es möglich, dass auch Menschen, die nicht von ihren Behinderungen geheilt werden können, heilvolles Leben erfahren - indem wir sie achten, in der ihnen von Gott gegebenen Würde, indem wir bemüht sind, ihnen gerecht zu werden, indem wir sie annehmen und ernstnehmen, wie sie sind.

Gottes Reich könnte mitten unter uns sein, so wie an dem Tag, als Jesus zu dem Vater des kranken Jungen sagte: Alle Dinge sind möglich für den, der glaubt.
Denn wo wir glauben, da entsteht Hoffnung und Mut, da werden neue Wege sichtbar, da werden wir frei von den Sorgen und Behinderungen unseres Lebens, frei für das Reich Gottes, das in dieser Welt mit Jesus Christus begonnen hat.

Karin Meier