Predigt am 19.06.2011
Predigt über Röm 8,1-11 vom 19.06.2011
8 1 Es gibt jetzt also keine Verurteilung für die, die in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes, der in Christus Jesus Leben spendet, hat dich befreit vom Gesetz der Sünde und des Todes. 3 Denn was dem Gesetz nicht möglich war, was es mit Hilfe des Fleisches nicht schaffte, das ist Wirklichkeit geworden: Gott hat seinen Sohn in Gestalt des von der Sünde beherrschten Fleisches gesandt, als Sühnopfer, und verurteilte damit die Sünde im Fleisch. 4 So sollte der Rechtsanspruch des Gesetzes erfüllt werden unter uns, die wir unseren Weg nicht nach dem Fleisch gehen, sondern nach dem Geist. 5 Die nämlich auf das Fleisch ausgerichtet sind, sinnen den Dingen des Fleisches nach, die aber auf den Geist ausgerichtet sind, den Dingen des Geistes. 6 Das Sinnen des Fleisches ist Tod, das Sinnen des Geistes aber ist Leben und Frieden; 7 ja, das Sinnen und Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott, denn es unterzieht sich dem Gesetz Gottes nicht, ja, es vermag es nicht. 8 Die aber vom Fleisch bestimmt sind, können Gott nicht gefallen.
9 Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. 10 Wenn aber Christus in euch ist, dann ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Wer – von Ihnen – hat noch den Schrei im Ohr (oder in Erinnerung), den Paulus zuletzt in seiner Verzweiflung abgesetzt hat: «Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem sterblichen Leib?» Wer errettet – diese Frage kann relativ rasch beantwortet werden: Gott errettet, indem er den Christus Jesus hingegeben hat, dem Tod ausgeliefert, in der Niedrigkeit des Fleisches, das stellvertretend für die Niederträchtigkeit der menschlichen Natur ans Holz geschlagen und beerdigt und – auferstanden ist und neu die Verbindung zur vorfindlichen Welt sicherstellt. Die Kraft, die das bewirkt und den Glauben daran, heisst Geist, ist eher ein Vorgang als ein Zustand und erst recht keine Person und auch kein Gespenst oder Dämon mit umgekehrtem Vorzeichen. Sondern eine Bewegung, eine Dynamik, die eine Veränderung der Strukturen und Mechanismen bewirkt, die unsrer menschlichen Natur nun einmal eigen sind, die so nahe liegen, dass sich kaum einer davon entfernen und verabschieden möchte und – auch gar nicht kann. Von sich aus, selbst wenn er wollte, selten genug, oder häufiger, wegen Trägheit, Trägheit der Masse, die nicht nur davon nie genug bekommen kann und will, zusätzlich zu den Eigenheiten und Eigentümlichkeiten des menschlichen Körpers, des Fleisches also, und der Abschied davon darum auch z.B. wegen des Wunsches nach Bequemlichkeit von kaum einem gar nicht erst angestrebt wird. Wenn hier, an diesem Umstand, etwas geändert werden kann, dann von aussen, dann durch Gott, dann durch Christus, dann durch den Geist. Soviel erst einmal zur Frage nach dem wers ist, der rettet. Wir Menschen jedenfalls nicht. Wir werden gerettet. Vor uns selbst.
Als nächstes Problem – und in Tat und Wahrheit: jeder von uns hier ist ja als Mensch das Problem…stehen wir der Tatsache gegenüber, dass das, was Paulus Fleisch nennt, also unsere menschliche Natur: die hört ja nicht plötzlich auf zu existieren. Solange wir hier auf diesem Planeten herumlaufen…Sie und ich…solange unser Körper noch funktioniert, mehr schlecht mal recht, in dieser Zeit bis zum biologischen Tod besteht ein ziemlich hohes Restrisiko, dass «Hochmut, Dummheit, Betrug und Selbstbetrug» (Karl Barth) gerade das alltägliche Leben bestimmen, also die Sünde herrscht in unserem sterblichen Leib. Einerlei, ob die Beziehung zu Gott vernachlässigt wird…von Seiten des Geschöpfs nicht einmal ein Gedanke an den Schöpfer seines Daseins und Soseins verwendet wird, also aus dieser Sicht verschwendet, oder auch dann, wenn insgeheim so getan wird, als würde aus dem Geist gelebt – ohne Bewusstsein dafür, das alles, was gedacht und getan ist so wie auch dieser Satz ein Leben aus dem Fleisch ist und die Backen aufgeblasen werden und vorgeben, als ginge einen das fleischliche Leben nichts mehr an. Wer täte denn nicht so und will mit den Instinkten nichts mehr zu tun haben, die ihm von Natur aus mitgegeben, der Grundausstattung, zu der nach Meinung mancher sogar ein natürliches Bewusstsein für Gott oder eine angeborene Gläubigkeit gehören, Triebe, die freilich immer von Gott wegtreiben, um dann ziemlich konkrete Gestalt anzunehmen: nämlich die eigene Person, die vergöttert wird und – zum Massstab für alles. Inklusive des Redens über Gott bzw. das, was einer dafür hält. Du elender Mensch! Ich! Blickst du nicht einmal (1) auf die eigenen Füsse, auf denen du stehst, und fängst nicht einmal (1) dort an zu kehren? Wo du, Mensch, ich, Staub aufwirbelst, den Werkstoff, von dem du genommen wurdest und in den Gott erst seinen Lebensgeist einhauchen musste, damit du nicht gleich wieder umfällst. Zu dem du zurückkehrst, und in der Zwischenzeit ein Leben ohne Fleisch, mit der Idee auf den Körper zu verzichten, einem Trugschluss gleich, nicht nur unmöglich und sich also gar nicht durchführen lässt, erst recht nicht, wenn dem der Irrtum zugrundeliegt, auf das Niedere verzichten zu können, weil nun ja nur noch ausschliesslich nach Höherem, Geistigen gestrebt wird. Dieses Hirngespinst löst sich auf in Luft, weil keiner kann von sich und von sich aus behaupten, auch wenn seit rund zwei Jahrtausenden ein neues Zeitalter eingeläutet ist, einer also sagen könnte, er sei geläutert und wohne etwa zu Lebzeiten ausserhalb seines Leibes und wähnt sich womöglich, also unmöglich, in Gottes Nähe. Es gibt ein frommes Gehabe, das im Fleisch stattfindet und darum immer Sünde, immer im Irdischen gefangen bleibt. Was bleibt auch anderes übrig: es gibt nur diese Welt, diese eine Erde (noch), und damit müssen wir zurechtkommen wie es eben auch für die eigene Person zutrifft, ohne dass dabei ein jeder auf sich allein gestellt sein müsste, wo und weil Gott uns hingestellt hat so wie wir sind doch nicht bleiben?
Also: abtöten können wirs nicht, das, was in uns wohnt und die Richtung vorgibt, und selbst wenn einer so täte und vielleicht Harzer heisst und dann religiös daherkommt, gescheit oder bloss so tut als ob…als wüsste er, was Paulus, der Gesandte Gottes, von Gott her verkündet: auch das ist Sünde, weil es letztlich menschliche, meine Gedanken sind (zusammengestellt mit dem irgendwo Gelesenen und Aufgeschnappten): was mit dem Geist, der in den Gläubigen wohnen soll, nicht deckungsgleich ist und – vielleicht gar nichts zu tun hat. Im besseren Fall überschneidet sich etwas, doch der Leib bleibt tot (Bauchentscheidung!) um der Sünde willen, und wenn hier etwas zum Leben erweckt wird – also nicht von selber oder von alleine – eben: dann von Gott. Es ist die gleiche Kraft, die den gekreuzigten Christus auferweckt hat, die allem, was folgt, vorausgeht. Die gesetzt ist und so einen Menschen in die Lage versetzt, das zu erkennen, darüber nachzudenken und zu tun, was Gott vom Menschen verlangt, damit der Rechtsanspruch des Gesetzes erfüllt wird. Dann geschieht das Wunder und der eigene Vorteil gerät aus dem Blickfeld, es wird vielleicht dem Mitmensch spontan, sinnvoll, geistreich und ohne Hintergedanken geholfen – so, dass einer erst, wenns vorbei ist, im Nachhinein eine Ahnung hat und doch wieder nicht: «Aha, hier könnte der Geist Gottes mit ihm Spiel gewesen sein». Freilich: solche Geistesgegenwart gibt es nicht, denn der blosse Gedanke daran – schon ist alles wieder verschwunden.
Unfassbarkeit als Freiheit Gottes, die (und jetzt erneut Paulus) die Freiheit vom Gesetz nach sich zieht, vom Gesetz der Sünde, wo nun also keine Verurteilung mehr droht – sofern ein Mensch in Christus ist und sich von seinem Geist leiten lässt. Ja genau: lässt, und dies meint dann eben auch, nicht auf eigenes Vermögen und Fähigkeiten zu setzen und jetzt dies und das und manches mehr zu können: das kann ja ebenfalls keiner aus eigenen Kräften, sondern wird von Gott geschenkt ebenso wie die Erkenntnis, dass dies so ist, dass bei uns nichts zu holen ist und alles Menschliche zusammenbrechen muss damit Gott wirken und Ordnung schaffen kann und er selbst nach dem Rechten sieht, Gerechtigkeit herstellt, einen Menschen entkernt, damit der Geist Gottes rüttelt und schüttelt, stürmt oder weht, und anschlägt in einem Menschen und Einzug halten kann – in dem Gefängnis des menschlichen Körpers…und dem Denken, Reden und Tun und die neue Richtung vorgibt, hinaus in die Freiheit, ins Leben, auf Gottes Spur, ohne zu wissen wies einem geschieht und was genau hier vorgeht.
Einer Gehirnwäsche ähnelnd, einer Neuprogrammierung, einem Umbau, bei dem nur noch das Fachwerk stehen bleibt und wo der Geist Gottes den Mief hinausfegt…kühne oder trübe Gedanken, Phantasien, Alpträume, solche vom sorgenfreien ewigen Leben, oder das, was dem Fleisch naheliegt, wenn es schwach wird oder schon immer war: dem Abschminken aller Träume und Lebenslügen und dem Darin-sich-Einrichten, aus Resignation, weil die Energie fehlt, daran zu glauben, dass nach dem Ende der persönlichen Möglichkeiten noch etwas anderes kommen könnte. Viele kennen vielleicht solche Momente, wo ein Weitermachen aussichtslos, ja geradezu verrückt erscheint und deshalb unterbleibt, weil nach menschlichen Ermessen nicht machbar. Doppelte Umkehrung: auf einmal gilt der Spruch «Geht nicht, gibts nicht» nicht mehr; und so begründet Müdigkeit und Realitätssinn angebracht sein mögen – es fällt einem wieder vor die Füsse, das Stehaufmännchen, das wir ja sind, steht und lebt wie eh und je und nach dem Fleisch, wenn auch als Ritter von der traurigen Gestalt. Oder in Gestalt von Bequemlichkeit, die nicht damit rechnet oder hofft, dass Gott schon längst und jetzt! den Menschen durchdringt und wirkt, denn das meint ja der Geist, und zwar so, dass ein Mensch, jeder von uns hier im Raum, plötzlich und von Tag zu Tag mehr wollen kann, was Gott will, und dahinter die gleiche Kraft steckt, die Christus von den Toten auferweckt hat und – einen jeden aus Minderungen des Lebens, die sich zeigen so der so…ob er das Leben in vollen Zügen geniesst oder als Halbtoter sich irgend durchwurschtelt. Dort krempelt der Geist nicht bloss Verstand und Willen um – erfasst Gottes Geist doch den ganzen Menschen, nistet sich dort ein, derart, dass bei allem Unfug, der auch künftig noch getrieben, geschrieben, geredet und gepredigt wird, solch ein Mensch sich nicht damit abfindet und damit arrangiert sondern erschüttert wird über solch Benehmen und solch unerhörten Vorgänge, Vorausgänge, weil der Geist schon längst unterwegs ist, vielleicht gar in Ihnen und auch mir wohnt, so dass einer danken kann, dass die Vernichtung seiner selbst seine Rettung ist: auch wenn er nicht weiss oder ahnt, ob denn der Geist wirklich und tatsächlich am Werke ist, oder die Worte fehlen oder ein Wortschwall wie der, den Sie gerade hören müssen, herausbricht in die Welt der Sünde, die doch nicht mehr sein darf und – nicht ist. Christus ist die Situation. Zu deren Zustandekommen keiner etwas beigetragen hat. Der Geist wirkt jedenfalls, und wenn er einen nicht angeht oder einer sich einbildet, er gehe einen nichts an oder nicht wirkt wie gewünscht und erhofft: der Geist weht trotzdem, und ob der Mensch es merkt: wer meint denn im Ernst, er wäre ganz bei Sinnen und könnte mit diesen alles erfassen, seine Sünde inklusive? Eben.
Wenn nun wirklich der Geist Gottes dort wohnt, wo er hin will und hingehört, damit wir Frucht bringen für Gott…wenn…wenn keiner abfällt, wenn auch für die, die sich das gefallen lassen, dabei etwas abfällt selbst wenn das Fleisch in sich zusammenfällt, wenn – wir dem Geist Gottes Raum geben. Allenfalls hierauf beschränkt sich menschliche Mitwirkung. Die Möglichkeit der Aussperrung fällt dabei von oben und höchstwahrscheinlich und natürlich auf den zurück, der Christus verdrängt aus seinem Herz und Hirn – aus dem Fleisch. Ändern tut dies an diesem Tatbestand, der keine feste Grösse hat, nichts, denn so wenig der Geist mit Händen zu greifen oder gar festzuhalten wäre, so wenig kann ihn einer hindern. Wirklich? Wirklich. Wenn es anders wäre, so handelte es sich eben nicht um den Geist, der das Sinnen und Trachten und Auf-Sich-Nehmen des Lebens aus dem Geist, aus dem Glauben, aus dem Gehorsam bewirkt. All dies vollbringt er. Das ist die Wirkung, die unsre Wirklichkeit ist. Die Möglichkeit Gottes, die menschliche Unmöglichkeit in ihren Schranken belässt doch auf Durchführbarkeit zielt: hin zu Gott. Und von dort in die Welt.
Gottes Geist also überwindet die Sünde, verhindert, ihn zu vergessen und zu verpassen. Manchmal schon in dieser Welt, im Alltag oder hier und jetzt, und keiner kann sich etwas zugutehalten. Daher: wenn diese Selbstdemontage, ja die Aufhebung der eigenen Persönlichkeit stattfindet, dann – ist auch dies wieder das Werk Gottes, offenbar durch sein fleischgewordenes und vom Tod wieder ins Leben erwecktes Wort, das den Namen Jesus hat, an dem im Namen des Volkes, nein, des Fleisches stellvertretend für alles Irdische das Urteil vollstreckt wurde, das da lautet: Freispruch aus Gnade und Liebe, und zur Bewährung, weil alles Irdische ja rückfällig werden kann und – wird. Wenn nicht der Geist wirkte und auch den Blick und die ersten Schritte hin zur Gotteswelt frei und unter seiner guten Führung möglich gemacht hätte und hat, und Menschen jetzt, jeden Moment, seit Ostern vor gut 1980 Jahren, anfangen in ihrem nach wie vor sterblichen, irdischen Leib zu leben. Die vorwegnehmen und andeuten, was irgendwann allen bevorsteht, wenn sie vor dem Richterstuhl Christi stehen, und, so sie vom Geist geleitet waren, dort zwar all ihr Tun und Lassen zu verantworten doch erst recht nichts mehr zu befürchten haben. Amen.
verwendete Literatur:Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010 Jost Harzer