Predigt am 19.09.2010

Erweckung des Lazarus

Predigttext: Joh 11, 1-3.17-27 41-45
Es lag aber einer krank, Lazarus aus Bethanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Martha. Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.
Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Bethanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. Als Martha nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen. Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.
Aber auch jetzt weiß ich: "Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben."
Jesus sprach zu ihr: "Dein Bruder wird auferstehen". Martha sagte zu ihm: "Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird - bei der Auferstehung am Jüngsten Tage." Jesus sagte zu ihr: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?" Sie sprach zu ihm: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist."
Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: "Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst, aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich´s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast."
Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus sagte zu ihnen: "Löst die Binden und lasst ihn gehen."
Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

Liebe Gemeinde,
Lazarus ist wieder am Leben - so endet diese Geschichte aus dem Johannesevangelium. Lazarus ist dem Grab entkommen, er hat ein neues, geschenktes Leben. Was wird er damit tun?

In der Bibel lesen wir von Lazarus nicht mehr viel. Einmal noch wird berichtet, wie er kurze Zeit später in Bethanien noch einmal mit Maria, Martha und Jesus zusammen ist. Dann verliert sich seine Spur. Wir erfahren nichts mehr, obwohl es doch sicher interessant gewesen wäre, zu hören, wie sein Leben weitergegangen ist.

Aber vielleicht haben wir ja schon unsere eigene Vorstellung davon, unsere Phantasien, unsere Bilder.
Mir sind zwei Möglichkeiten in den Sinn gekommen:

Die erste schließt sich der Lazaruslegende an:
Lazarus weiß, wem er sein Leben zu verdanken hat. Und er ist nun ein ganz anderer. Er ist von den Toten zurückgekommen. Und der Tod kann ihn jetzt nicht mehr schrecken. Jesus stirbt bald darauf am Kreuz, in Jerusalem. Lazarus hört dies, aber er lässt sich dadurch nicht von seinem Vorhaben ablenken: er macht sich mit seinen Schwestern Maria und Martha auf den Weg über das Mittelmeer in die Provence.
Lazarus hat nur eines im Sinn: "Das müssen wir allen Menschen weitersagen, was uns geschehen ist. Christus hat mich aus dem Tod gerettet. Und er wird auch die anderen retten."

Lazarus verkündet diese Botschaft, Menschen glauben ihm und in der Provence entstehen christliche Gemeinden. Lazarus lebt und predigt, aber, natürlich, eines Tages ist auch dieses Leben des Lazarus zu Ende.
Lazarus muss sterben, aber diesmal nach einem Leben, das eine Mitte und einen Sinn hatte. Und dieser Sinn wurde auch durch den Tod nicht zerstört. Vertrauensvoll überlässt er sich Gott, der ihm das Leben geschenkt hatte.

Manche von uns, liebe Gemeinde, werden nun sagen: Naja, selbst wenn wir das glauben, dass Lazarus von Jesus auferweckt wurde, selbst dann ist es ja doch ein Einzelschicksal. Denn wem geschieht das sonst schon?
Jesus hat nach den neutestamentlichen Berichten eben nur dreimal einen Menschen auferweckt. Was kann das also all den anderen helfen?

Ich meine jedoch, dass wir diese Erfahrung auch kennen und dass es das auch heute gibt: ein neues, ein geschenktes Leben. Das kann ganz verschieden aussehen.

Zum Beispiel: Ein junges Mädchen hat einen Unfall. Sie kommt ins Krankenhaus. Es sieht sehr schlimm aus. Tagelang schwebt sie zwischen Leben und Tod. Ihr junges Leben scheint viel zu früh zuende zu sein. Aber sie kommt durch. Sie wird wieder gesund. Sicher, Narben werden bleiben, einige Spätfolgen, aber das fällt nicht weiter auf. Was sich dagegen vollkommen verändert hat, das ist sie selbst.
"Sie ist total anders drauf", sagen ihre Freundinnen. Vorher hatte sie alles mögliche gemacht, alles ausprobiert, immer Angst gehabt, etwas zu verpassen.
Heute weiß sie, was sie will. Sie vertritt eine deutliche Meinung und lebt auch danach. Sie ist glaubwürdig. Angst, etwas zu versäumen hat sie nicht, denn - es ist ja eigentlich ihr zweites Leben.
Ein Aufwachen, ein neuer Morgen, eine Auferweckung ganz anderer Art.

Solche und ähnliche Dinge geschehen in unserer Welt. Vielleicht haben wir uns nur schon zu sehr daran gewöhnt, was mit der modernen Medizin alles möglich ist.

Jede verpflanzte Niere, jede gelungene Herzklappenoperation, jede gelungene Intensivtherapie an der Herz-Lungenmaschine sind geschenktes Leben.
Wer es erlebt hat, der weiß: Ich bekomme mehr, als nur mehr Zeit. Das Leben ist dann anders. Geschenkte Zeit ist zu kostbar, um sie zu verschwenden.
Wer in der Nähe des Todes gewesen ist, weiß:

Ich lebe nur für eine bestimmte Zeit.
Der Tod wird mich ganz sicher treffen, irgendwann,
aber er soll mich nicht beherrschen.

Wie sagte Jesus zu Martha: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben."

Ein kritischer Satz für Menschen, die bemüht sind, möglichst viel zu erleben, möglichst viel zu erreichen.
Wir alle werden vieles nicht erlebt und vieles nicht erreicht haben, wenn der Tod uns trifft. Doch bis dahin können wir ja wenigstens herausfinden, was wir eigentlich wollen.
Es gibt viele Möglichkeiten. Gerade weil unser Leben begrenzt ist und wir niemals wissen, wie lange noch, sollten wir genau überlegen, was wir damit anfangen.

Einer, der herausgefunden hat, was er will, war Jesus.
Er war damals ungefähr 30 Jahre, verließ seine Eltern, seine Heimat, und zog als Wanderer von Ort zu Ort. Er hatte sich entschieden, was er mit seinem Leben machen wollte, er war überzeugt, er war glaubwürdig,

ein Freund für Leute, die Angst vor dem Tod haben, wie wir, die aber herausfinden wollten, ob das Leben nicht doch mehr ist als ein Aushalten und Umherirren vom Anfang bis zum Ende. Ja, für solche Leute war Jesus ein guter Freund, einer, dem sie nachfolgen konnten, auch nach seinem Tod.

Nun zur zweiten Möglichkeit, wie es mit Lazarus weitergegangen sein könnte:

Es war ungefähr ein halbes Jahr danach. Lazarus lebte weiter in den gewohnten Bahnen. Er ging seiner Arbeit nach. Und es war, als hätte das kleine Dorf Bethanien das Wunder seiner Auferweckung schon längst vergessen.

Andere Ereignisse hatten die Menschen bekümmert. Jesus war am Kreuz gestorben. Gerüchte erzählten, seine Freunde hätten das Grab leer gefunden. Es war die Rede von Auferstehung.
"Hoffentlich ist es so" sagte Lazarus zu Martha. Mehr nicht. Lazarus war ein zurückhaltender Mensch, und außerdem ging es ihm nicht gut.

Seit ein paar Wochen hatte er Schmerzen im Rücken, und auch die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Monat für Monat wurde es schlimmer. Nachts schrie er oft, weil er es nicht mehr aushalten konnte mit seinen Schmerzen. Er wünschte sich den Tod. Und auch Maria und Martha wünschten es ihm. Sie sagten es nicht. Sie redeten ihm gut zu. Mehr konnten sie nicht tun. Jesus war ja nicht mehr da. "Es wird schon wieder, Lazarus," beschwichtigten sie ihn, aber insgeheim hofften beide: "Es muss ein Ende haben. Er hat genug gelitten."
Nachts, wenn der Mond ins Fenster schien, starrte Lazarus an die Decke. "Wäre ich doch im Grab geblieben, damals. Ich hatte es doch schon hinter mir". Damals wollte er leben und musste doch sterben - jetzt wollte er sterben und musste leben. Ein quälend langes zweites Leben, ein Leben, das man nicht geschenkt haben will.

Ja, liebe Gemeinde, ein zweites Leben hat auch immer einen zweiten Tod. Und den können wir uns nicht aussuchen. Gut, werden nun manche denken, aber es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass man ein zweites Leben bekommt, das schlimmer als der Tod ist.
Aber im Grunde ist das gar nicht so unwahrscheinlich wie wir zunächst meinen, gerade in unserer Zeit.

Ein Mann zum Beispiel, Bauer war er gewesen, sein Leben lang. Jetzt führten seine Kinder die Landwirtschaft nur noch nebenbei.
Sie hätten gerne den ganzen Hof verpachtet, aber das wollten sie ihrem alten Vater nicht antun. Seit er Witwer war, lebte er zurückgezogen in einem Zimmer. Aber jeden Tag ging er noch seinen Weg aufs Feld und wieder zurück. "Ich will mal nach der Gerste sehen", sagte er dabei.
Gesund war er, niemals krank gewesen in diesen 82 Jahren, jedenfalls nicht ernsthaft. Wie oft er diesen Weg wohl gegangen war, hinaus aufs Feld und wieder zurück?
Auf einem dieser Wege, es war später Nachmittag, die Gerste war reif, da fiel er um.
Und er wäre wohl gestorben, wenn nicht Lisa, die Nachbarin, es gesehen hätte, beim Wäscheaufhängen. Die rief sofort den Rettungswagen. Drei Minuten nur, da war er da, kurz nachdem sein Herz den letzten Schlag getan hatte. Sie holten ihn ins Leben zurück. Im Krankenhaus verbesserte sein Zustand sich langsam. Ein Teil der Schläuche wurde entfernt. Die Magensonde blieb.
Die Kinder wollten aufatmen, aber die Chefärztin blickte ernst. Sprechen konnte er gar nicht mehr, der Vater, auch schien er nichts zu sehen. Die Ärztin erklärte: "Niemand kann sagen, was er noch wahrnimmt. Apallisches Syndrom, ein Fall fürs Pflegeheim."

Es passiert schneller, als wir meinen. Jemand bekommt ein zweites Leben, das er aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht haben will. Die Medizin macht es möglich.
Und nicht nur die Möglichkeiten der Medizin, sondern die Auffassung derer, die sie anwenden. Es ist eine Auffassung, die Tod und Sterben nicht akzeptiert.

Liebe Gemeinde!
Wir hören von manchem Menschen, der quälend lang ein Leben lebt, das kein Leben mehr ist. Jeder Mensch hat ein Recht auf seinen Tod. Leben ist kostbar, aber nicht um jeden Preis. Der Tod soll nicht das Leben beherrschen, aber auch nicht das Leben den Tod.

Jesus sagte: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben."

Ein kritischer Satz auch gegenüber Menschen, die glauben, der Tod ließe sich abwehren durch Schläuche und Maschinen. Der Tod wird uns treffen. Das ist gut. Leben und Leiden haben eine Grenze. Wir dürfen und wir müssen sterben.
Aber: in jedem Abschied liegt ein neuer Anfang.

Einige glauben fest daran, andere hoffen es, wünschen tun wir es alle:
Dass Gott auf uns wartet nach unserem Tod.
Kein Ende ohne Hoffnung, kein Fall ins Nichts.
Das Leben ist ein Warten oder ein Zugehen auf Gott, das hat Jesus geglaubt und gelehrt. Darum konnte er das Leben loslassen, als es Zeit war. Es war gut so, und er überließ sich der Hand Gottes, der Herr ist über Leben und Tod. Amen.

Karin Meier