Predigt am 20.12.2009
Freut euch im Herrn allezeit!
Nochmals will ich es sagen: Freut euch! Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit
spüren. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allen Lagen eure Bitten durch Gebet und
Fürbitte mit Danksagung vor Gott laut werden. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure
Herzen und Gedanken bewahren in Christus Jesus. (Phil 4,4-7)
Wenn es etwas gibt, das an und für sich erst einmal nonsense ist - dann ist es die Aufforderung, sich zu Freuen.
Einfach so, aus heiterem Himmel und auf Knopfdruck. Erzählen Sie das mal den Bewohnern des Inselstaates
Tuvalu, die in einigen Jahrzehnten in einem Ozean von Unfähigkeit untergehen werden. Oder einem Menschen,
der nicht bloss unter einer Winterdepression leidet, sondern dessen Leben ein einziger ganz- und mehrjähriger
blues ist. Oder der Hausfrau, deren Geschäftigkeit und Gestürm ohne es zu wollen Hektik verbreiten und das
Ganze im Bemühen, es allen recht zu machen, während nebenan aus dem Braten ein Brikett wird. Es ist ein
Ding der Unmöglichkeit, sich zu freuen, wo scheinbar kein Anlass besteht - und kompletter Unfug, wenn solche
Ratschläge von jemanden kommen, der nach landläufiger Auffassung aufgewühlt und beunruhigt sein sollte. Der
Apostel Paulus, von dem die Worte stammen, die Sie gerade gehört haben, der sass im Gefängnis in Rom, als
er diese Zeilen an die von ihm gegründete Christengemeinde in Philippi geschrieben hat. Und trotzdem hat er
die Ruhe weg, und wenn er sich um etwas sorgt, dann darum, dass seine Leute in Griechenland sich nicht
genug freuen. Das klingt doch alles ziemlich absurd: ein Mann, der jeden Moment mit seinem Tod rechnen
muss und dies auch tut; weiter vorne im Brief spielt Paulus die Möglichkeiten durch, was denn nun besser sei:
am Leben zu bleiben oder beim auferstandenen Christus. «Ja», könnten Sie sagen, «Paulus war sowieso ein
komischer Vogel, der Christenverfolger, der zum Beauftragten für Agitation und Propaganda wurde» - diese
Mutation macht ihn irgendwie verdächtig, und schliesslich war er (wie manche Forscher es vermuten) Epileptiker.
Ein Grossmaul, bei dem für seine Gegner nie ganz klar war, ob seine Worte vom heiligen Geist inspiriert sind
oder Ausdruck einer manisch-depressiven Krankheit. Selbst wenn das alles nicht stimmt, dann trifft doch
zumindest zu, dass seine Theologie auf den ersten und die weiteren Blicke eine heilsame bipolare Störung
aufweist: die Erniedrigung und Erhöhung Christi - und er sich dessen nicht schämt. Sondern dies feiert. Das ist
der Grund der Freude, den er den Menschen nahebringen will - in Philippi und uns, weil der Herr nahe ist und der
Friede Gottes ohnehin…sowieso…und so:
Phil 2,5-11
Seid so gesinnt, wie es eurem Stand in Christus Jesus entspricht:
Er, der doch von göttlichem Wesen war,
hielt nicht wie an einer Beute daran fest,
Gott gleich zu sein,
sondern gab es preis
und nahm auf sich das Dasein eines Sklaven,
wurde den Menschen ähnlich,
in seiner Erscheinung wie ein Mensch.
Er erniedrigte sich
und wurde gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Deshalb hat Gott ihn auch über alles erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der über allen Namen ist,
damit im Namen Jesu
sich beuge jedes Knie,
all derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
und jede Zunge bekenne,
dass Jesus Christus der Herr ist,
zur Ehre Gottes des Vaters.
Jesus verleugnet sich selbst und wird von Gott mit der denkbar höchsten Würde und Vollmacht ausgestattet -
im Sterben am Kreuz, und diese geächtete Todesart ist der Fluch schlechthin. Und ein Witz, der beste Witz
überhaupt: gleichzeitig der Segen für alle, der durch nichts mehr getoppt werden kann, weil Christus erhöht
wurde und zur Rechten Gottes sitzt, von wo aus er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten - das
auch und gewiss, der jedoch den Frieden stiftet, der alles Verstehen übersteigt, weil er unsere Herzen und
Gedanken bewahrt. Will auch heissen: davon abhält, weiterhin all die Kaspereien zu unternehmen, die mit dem
Leben, wie Gott es sich vorstellt, wenig bis nichts zu tun haben. Der dafür sorgt, das wir nicht sorgen müssen,
in allen Lagen, und darüber griessgrämig und verbissen werden. Ganz klein sollen und müssen wir werden, ganz
mickrig und armselig, wie Menschen im Grunde sind, und von diesem Grunde aus, tief unten, wo es nichts mehr
zu feiern gibt - am wenigsten die eigene Person - dann doch und dies dann laut und kräftig unsere Bitten durch
Gebet und Fürbitte mit Danksagung vor Gott bringen. Nicht als Wunschzettel, sondern im Namen Jesu Christi,
der unser Fürsprecher vor und bei Gott ist. Wenn das nicht Ursache und Wirkung der Freude in einem ist - was
dann?
Nun ja, wenn das so leicht wäre, Situationen von Schmerz, Not, Interessendemokratie, Schlaflosigkeit, kalte
Füsse, Durst, Zahnweh am Wochenende, Geldmangel oder verlorener Kreditkarte usw.…aushalten und ertragen
und trotzdem freundlich und fröhlich sein - das tönt unmenschlich…und zur Beruhigung: das ist es auch. Wie
anders könnte ein Mensch, sei es Paulus oder einer, der in seinem selbstgezimmerten Gedankengebäude vor
sich hindümpelt oder solche, wie die meisten von uns, die ihre Ohnmacht angesichts eines Imperiums
wirtschaftlicher und politischer Sachzwänge täglich erdulden müssen und selten gar nicht anders können - wie
soll scheinbarer oder erlebter Unfreiheit anders begegnet werden als durch dieses «Jetzt-erst-recht» oder
«Gerade-deswegen», welches Paulus empfiehlt? Zielt er mit dieser kontrafaktischen Rede jetzt an den Philippern
vorbei - von uns ganz zu schweigen? Im Gegenteil: still zu sein und sich nicht der Situation zu stellen wären die
Fehler, weil eben angesichts deprimierender Umstände, wo alles ins Stocken zu geraten droht und Stillstand
und Hoffnungslosigkeit sich ausbreiten - da ist dieser Mut zur Lücke Methode der Wahl…und die Fähigkeit, ihn
an den Tag zu legen und offen zu lassen, was mit menschlichen Massstäben nicht zu erfassen und zu begreifen
ist: das ist gelebtes Vetrauen, gelebter Glaube. Unsere Begrenzung wird dabei durch das Handeln Gottes
ausgeglichen, der unsere Wahrnehmung verändert und zurechtrückt ohne sich dabei etwas vorzumachen. Sein
Friede ist nüchtern und höher als das, was seine Geschöpfe meinen und ersinnen, und eben deshalb soll zuerst
gedankt werden, auch wenns nichts zu danken gibt, was ja eigentlich falsch ist: denn der Friede Gottes ist
unabhängig von äusseren Einflüssen oder den Gefühls- und Stimmungslagen von uns Menschen. Unter dieser
Voraussetzung klingt dann auch der Aufruf, sich nicht zu sorgen - und das in allen (Lebens-) Lagen - nicht
verwegen. Sondern weil dieser Appell so verrückt daherkommt, ist er schon wieder gut.
Denn: immerhin nimmt Paulus die Sorgen ernst, nimmt zur Kenntnis, was die Menschen umtreibt, wie sie für
ihren Glauben einstehen, äusserem Druck ausgesetzt sind und wie sie sich darüber ihre Gedanken machen und
den Kopf zerbrechen und letzteres der ganzen Person droht. Es wird nicht verschwiegen und verneint - wäre es
unwichtig, was einen jeden von uns Tag für Tag und mitunter auch nachts beschäftigt und den Schlaf raubt und
was Sie so gut kennen, dass jede Andeutung, was genau dies denn nun sei, der persönlichen Problemstellung
erst einmal und überhaupt nicht gerecht werden kann - hier nun kommt schlicht der Aufruf von Paulus zu stehen,
sich nicht zu sorgen. Sich statt dessen an der christlichen Vollkommenheit zu freuen, einer Vollkommenheit, die
weiss um die Vorläufigkeit unsres Daseins und trotzdem die Verantwortung für fremdes und eigenes Leben nicht
vergisst, auch wenn und gerade wenn sich das Ganze in einer Moderne abspielt, die für alle Lagen und
Probleme eine Lösung parat zu haben vorgibt…und angesichts von Lug und Trug doch nicht verzweifelt und
genau deshalb, weil nicht alles perfekt ist und fürs erste und hier schon gar nicht sein kann - darum ruft uns
Paulus zu: ertragt es, habt Gewissheit, warum und woher das Vermögen kommt, diesen Widerspruch, diesen
Widersinn auszuhalten und ins Positive zu wenden. Die Wahrnehmung des eigenen, des alltäglichen Wahnsinns,
der Bruchstückhaftigkeit der Welt ändert sich, bei Paulus konkret: die Unfreiheit seines Gefängnisses wird
anders erlebt, weil seine Freude im Herrn, seine Gemeinschaft mit Christus ihm eine Unabhängigkeit von allen
äusseren Einflüssen und Begebenheiten verschafft. Diese Freude will er weitergeben, und wo sich die Freude
nicht sofort und von alleine einstellt: da ruft er zum Gebet auf. Betreffs der eigenen Sorgen, die ja nach wie vor
da sind, und auch für die der Mitmenschen, von denen ebenfalls die wenigsten bis keiner völlig unbeschwert
sind und ihr Kreuz tragen: denn das gehört genauso mit dazu, und weil dies so ist und Christus auch hier das
Vorbild: sollen wir uns auch über Leid, Schmerz und Traurigkeit freuen und quasi im Vollzug, im Erdulden den
Spiess umdrehen, Gelassenheit an den Tag legen, das Vorzeichen wechseln, aus dem Minus ins Plus gelangen
und darum beten und bitten, dass dies geschehe.
Uff!…und wenn ein wenig Luft aus den Backen abgelassen wird, ohne die dem Paulus eigene und mitunter
ansteckende Begeisterung - wenn der Alltag die Fallhöhe solcher Argumentation, ja scheinbarer
Überredungskunst verdeutlicht und dann doch wieder in diesem Moment auffordert, alle Menschen die
Freundlichkeit spüren zu lassen, die aus Selbstverleugnung und Selbstlosigkeit erwächst: haben wir da nicht
eine jener Überforderungen, die ein Anlass gewesen sein könnte, warum das Leben eine einzige Anstrengung
ist? Wieder so eine Unmöglichkeit: «Lass mal locker», oder, auf Befehl: «Sei spontan!». Freut euch im Herrn
allezeit! sagt Paulus, und die Bibel in gerechter Sprache formuliert das so: Die ihr in der Gemeinschaft mit
Christus seid, freut euch allezeit. Das «allezeit» bleibt sich also gleich, was heisst: in guten und in schlechten
Stunden - da mag ein jeder für sich entdecken und prüfen, was für ihn gilt oder überwiegt. Worauf es in beiden
Fällen jedoch ankommt, das ist die Gemeinschaft mit Christus, die befähigt, mit den negativen und den
positiven Seiten und Phasen des Lebens umzugehen. Im Bewusstsein, dass diese Verbundenheit gilt: in diesem
Zusammenhang wird wiederum der Aufruf schlüssig, die Freundlichkeit Gottes im alltäglichen Leben, in den
einfachen Dingen und beim Abstandnehmen von uns selbst umzusetzen und weiterzugeben. Dazu sind Christen
ja berufen, insofern, als ihre und also unsere Beziehung zueinander der Gemeinschaft mit Christus entsprechen
soll. Meist gelingt es ja nicht, doch die Freiheit und den Auftrag, an uns zu arbeiten, haben wir
Christenmenschen, und gleichzeitig das Geschenk der Ausstrahlungskraft, wenn ein Mitmensch also spürt, dass
und wie sich hier jemand freut - auch dann, wenn uns grosse und kleine Sorgen gefangen nehmen - und die wie
eine Gefangenschaft erlebt werden…können, jedoch nicht müssen…und relativiert werden, wenn überlegt und
erinnert wird, wie Paulus aus einem wirklichen Gefängnis heraus schreibt und bei ihm die Nachfolge Christi
tatsächlich im Leiden besteht. Nun leben wir natürlich nicht im Römischen Reich, und keiner soll sich freiwillig
den Einrichtungen des Justizvollzugs ausliefern, sondern Christus. Statt Leiden im physischen Sinne ist die Not
eine immaterielle, eine geistige Armut, mit der so mancher zu kämpfen hat, es jedoch nicht immer und in allen
Lagen tut, weil Kampf und Bekämpfung etwas mit Leiden und Entbehrung zu tun haben, etwas, das Christen
aller Zeiten zwar irgendwie kennen, das sie auszeichnet und abhebt, weil christliches Leben immer eine Mühsal
und nicht zuletzt ein Ringen mit dem Glauben ist. Allerdings könnte es sein, dass der Herr dann ziemlich nah ist,
denn auch diese Variante des Leids gehört dazu, da ganz unten, wo weder Freude noch Freundlichkeit in Sicht
sind, in tiefer Finsternis, dort, wo wir Menschen uns erst einmal und meist befinden, da treffen wir Jesus und
damit uns selber wieder, so wie wir Menschen sind und durch Eigensinn hingebracht haben. Rausschaffen aus
dem Elend kann und wird uns Christus - und wer sich das gefallen lässt, der hat dann wirklich Grund zur Freude.
Ohne Trauer oder Niedergeschlagenheit oder auch nur der nüchternen Selbsterkenntnis der eigenen, dürftigen
Lage: ist da überhaupt das Entstehen einer Freude möglich, die diesen Namen verdient, nicht nur oberflächlich
daherkommt, sondern an der Basis unsres Daseins schürft und abkratzt, was bloss gespielt oder gedacht ist,
vor allem eine eigene Autonomie? Ja - doch wenn es so einfach wäre, denn bequem ist es nicht wie nichts was
von Dauer gut, bequem zu haben ist. Auch nicht, lassen Sie sich bitte nicht verwirren, die Gnade Gottes: dann
klänge Paulus‘ Überschwang schief. Was diese Euphorie anbietet und zu sein vorgibt, die Lösung, die hierin
liegt - und nach aller Erfahrung, die wir machen, so leicht dann doch wieder nicht zu begreifen, abzugreifen ist.
Da sträubt sich so manches und regt sich leiser oder lauter Zweifel - und doch auch das ist mit inbegriffen in
der Gemeinschaft mit Christus, weil auch der Mann aus Nazaret Anfechtungen kannte wie jeder Mensch und sie
selbstlos auf sich nahm, und gehorsam wurde bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Also: bevor es losgeht mit der Freude, ist zum Mindesten ein Innehalten geboten, und um Veränderung zu
bewirken…sie von Gott gewirkt geschehen zu lassen…wenn er denn will: deshalb es es nötig, ihn darum zu
bitten und diesem Gebet als erstes eine Danksagung voranzustellen. Dank dafür, dass zu ihm geredet werden
darf und soll, und Dank auch für sein pädagogisches Geschick, dass er uns Christus geschickt und uns hat
erkennen lassen, woran wir sind und worin Rettung und Befreiung bestehen. Jesus spiegelt also nicht nur das
göttliche Wohlwollen - er ist es selber. Darum sollen sich alle freuen, diese Freude über Gottes Vorsehung,
Erwählung und Fürsorge weitergeben, die Freude leben und Frieden stiften auf Erden, in den mitmenschlichen
Beziehungen, am Arbeitsplatz, in den Familien und der Zivilgesellschaft und im Verhältnis zur belebten und
unbelebten Umwelt. Sorge tragen ja; unbesorgt im Vertrauen auf Gott doch nicht kopflos dem Frieden
nachjagen, dem Frieden, der für Menschenwesen möglich und umsetzbar ist und, so schwierig dies, wenns
konkret wird, auch sein mag, im Bereich der Möglichkeiten liegt. Und welcher mit dem göttlichen Frieden,
seinem shalom, dann doch nichts zu tun hat, weil dieser von ganz anderer Qualität ist, der unsere Dimensionen
und auch die darüber liegende(n) nicht nur bei weiten, sondern absolut übertrifft. Der Herr ist nahe, und doch so
weit weg. Gott sei Dank. Sonst kämen wir in Gefahr, ihn uns verfügbar zu machen, zu uns herunter zu holen, ihn,
der uns doch entgegenkommt und wo es sich also genau andersherum verhält, ja verhält, denn dass das
Verhältnis, das Abhängigkeits-, Freundschafts- oder Liebesverhältnis…dass die Beziehung zu Gott eine nicht
verhandelbare Grösse ist, sondern Fakt: dies ist der Grund dessen, weswegen wir uns freuen sollen allezeit, bis
der Herr kommt, und in Anbetracht unsrer menschlichen Unvollkommenheit mit Dank für die Versöhnung durch
Christus zu Gott beten, damit Jesu Fürbitte uns am Ende der Tage zugut kommt und den grossen Himmel
beschert. Amen.
Jost Harzer