Predigt am 21.09.2008
Predigttext: Röm 14, 17
Liebe Gemeinde,
Wir alle wollen, dass es gerecht zugeht.
Aber über das, was gerecht ist, sind sich sehr selten alle einig.
„Sie bekommen hier zwar Ihr Recht, aber ob Sie recht bekommen, ist eine andere Frage“, das sagte einmal eine Richterin zu einem Kläger. Wir wissen alle, dass eine klare Rechtsprechung wichtig ist für das Funktionieren eines demokratischen Staates.
Aber ist unsere Rechtsprechung auch gerecht?
Was bedeutet das überhaupt: Gerechtigkeit?
Oder, anders gefragt:
Wann empfinde ich etwas als gerecht, wann als ungerecht?
Welche Maßstabe lege ich und welche legen andere daran an?
Was mache ich, wenn ich subjektiv etwas als ungerecht empfinde, es objektiv aber durchaus gerecht zu sein scheint?
Dazu gibt es viele Erfahrungen:
Ist es zum Beispiel gerecht, wenn einer sein ganzes Leben gearbeitet hat, am Schluss dann aber eine Rente bekommt, von der er im Alter gar nicht leben kann?
Ist es gerecht, wenn jemand keinen Arbeitsplatz findet, weil es in seinem Beruf einen Einstellungsstop gibt, während andere, die ein paar Jahre früher gekommen sind, noch Glück gehabt haben?
Ist es gerecht, wenn ein Lehrling seine Prüfung nicht schafft, obwohl er viel mehr gelernt hat als die anderen, die bestanden haben?
Was ist gerecht? Was ist Gerechtigkeit?
Es gibt Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang ungerecht behandelt fühlen, egal, was geschieht. Und es gibt andere, die auch große Ungerechtigkeiten noch hinnehmen und meinen, es müsse so sein.
Es kann manchmal verschieden sein, was wir als gerecht und ungerecht empfinden. Aber allgemein lässt sich doch sagen:
Die meisten Menschen fühlen sich dann ungerecht behandelt, wenn sie gesehen haben, dass es anderen in seiner ähnlichen Situation besser ergangen ist.
„Das ist ungerecht“ rufen schon die Kinder empört, wenn einige eine Hausaufgabe bekommen, andere nicht.
Oder: wir finden es ungerecht, wenn in einer Firma ein Mitarbeiter befördert wird und der andere, der genauso gut arbeitet und genauso lange im Betrieb ist, wird es nicht.
„Gleiches Recht für alle“ müsste gelten, keine Bevorzugung, keine Benachteiligung. Alle werden gleich behandelt. Aber: Ist das wirklich immer gut?
Es ist gerecht, wenn die Schüler und Schülerinnen einer Klasse nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden. Ist aber ein Schüler lange krank gewesen, dann sollte er weniger streng beurteilt werden oder ein besonderes Hilfsangebot bekommen, damit er trotzdem eine Chance hat.
„Gleiches Recht für alle“ ist also nicht immer gerecht, denn unsere Lebenssituationen sind verschieden:
Jemand, der krank ist, kann nicht soviel leisten wie ein Gesunder. Er sollte trotzdem keine Nachteile haben oder eben sowenig wie möglich.
Darum ist unser Recht, darum sind unsere Gesetze so kompliziert. Gerechtigkeit für eine große Gemeinschaft, Gerechtigkeit für ein ganzes Land ist eine schwierige Sache und letzten Endes immer nur teilweise möglich.
In unserem Predigttext ist auch von Gerechtigkeit die Rede, aber nicht von der Gerechtigkeit der Menschen, sondern von der Gerechtigkeit im Reich Gottes.
Paulus schreibt im Römerbrief im 14. Kapitel, Vers 17:
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
Hinter dieser Aussage steht ein Streit in der damaligen Gemeinde in Rom, den eine kleine Gruppe von Judenchristen ausgelöst hatte. Sie lehnten den Genuss von Fleisch und Wein aus Gewissensgründen ab, denn sie hatten Angst, diese Nahrungsmittel könnten einem Götzen geweiht worden sein. Paulus verhält sich in dieser Auseinandersetzung neutral. Er rät zum Frieden und empfiehlt der Mehrheit der Gemeinde, auf die Minderheit Rücksicht zu nehmen. Sie sollen ebenfalls auf Fleisch und Wein verzichten, damit sie bei den Judenchristen keinen Anstoß erregen.
„Es ist doch völlig egal, was ihr esst,“ meint Paulus, „Hauptsache ist doch, dass ihr miteinander in Frieden leben könnt. Das Reich Gottes besteht nämlich nicht im Essen und Trinken, sondern in der Gerechtigkeit und im Frieden.“ Gerechtigkeit hat hier also eine besondere Bedeutung. Paulus stellt nicht die Frage, ob es gerecht ist, dass jemand auf das Essen von Fleisch verzichten soll, nur damit sich ein anderer, der meint, kein Fleisch essen zu dürfen, nicht über ihn ärgert.
Die Frage des Paulus ist folgende:
Wie kannst du dem anderen Menschen gerecht werden?
Wenn wir so fragen, dann verändert sich einiges:
Wenn wir Gerechtigkeit im Sinne Gottes wollen, dann fragen wir nicht – wie sonst üblich –
Was hat ein Mensch verdient? Was steht ihm gerechterweise zu?
Sondern wir fragen: Was braucht dieser Mensch? Wie kann man ihm gerecht werden? Und wie kann ich dazu beitragen?
Wenn Jesus heute leben würde, dann würde er vielleicht auch einmal einen schwerbehinderten Mitmenschen in unsere Mitte stellen und uns fragen:
„Wie hoch schätzt ihr diesen Menschen?“
Und wir wüssten wahrscheinlich nichts zu sagen, weil wir vielleicht daran denken würden, wie hoch die Kosten für seine Pflege und Förderung sind oder uns vorstellen, dass es schwer sein würde, mit ihm zusammen zu leben. Aber sagen würden wir nicht. Und Jesus würde uns ansehen und sagen:
„Dieser Mensch ist wertvoller als euer ganzes Sozialbudjet. Er ist Gottes Geschöpf, einmalig und unersetzbar. Auf seine Weise verherrlicht er Gott, und Gott liebt diesen Menschen ohne jede Einschränkung und Vorbehalte.“
Die Gerechtigkeit Gottes wird da wirklich, wo wir einander gerecht werden, wo wir Anteilnahme und Verständnis, Barmherzigkeit und Liebe füreinander haben.
Gottes Gerechtigkeit beginnt da, wo wir anerkennen, dass jeder Mensch ein gutes Leben verdient, einen sicheren Ort zum Wohnen, eine sinnvolle Arbeit, ein gutes Auskommen und Menschen, die sich um ihn kümmern. Egal, wie gesund oder krank er ist, egal, wieviel er arbeiten und leisten kann.
Und wo wir uns dafür einsetzen, dass möglichst vielen Menschen diese Gerechtigkeit zuteil wird.
Und das kann ganz unterschiedlich geschehen:
Die eine gibt ausländischen Kindern kostenlosen Nachhilfeunterricht,
der andere besucht Menschen, die einsam sind,
wieder eine andere verteilt Lebensmittel an bedürftige Menschen,
wieder ein anderer setzt sich vielleicht im Betrieb ein für Fairness und Rücksichtnahme.
Es gibt viele Möglichkeiten, es gibt viel Leid und Not.
Jeder und jede kann im Alltag etwas tun, damit anderen Menschen die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zuteil wird, die ihnen zusteht.
Wenn wir das tun, dann haben wir teil am Reich Gottes in dieser Welt, das mit Jesus Christus zu wachsen angefangen hat.
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
Gut, dass es diese Gerechtigkeit ist, die bei Gott gilt. Denn sie gilt auch für uns. Amen.
Karin Meier