Predigt am 22.05.2011

über Röm 7,14-25

14 Wir wissen ja, dass das Gesetz zum Geist gehört; ich dagegen bin vom Fleisch bestimmt - und verkauft unter die Sünde. 15 Was ich bewirke, begreife ich nicht; denn nicht, was ich will, treibe ich voran, sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber gerade das tue, was ich nicht will, gestehe ich dem Gesetz zu, dass es Recht hat.
17 Dann aber bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiss: In mir, das heisst in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Denn das Wollen liegt in meiner Hand, das Vollbringen des Rechten und Guten aber nicht. 19 Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich voran. 20 Wenn ich aber gerade das tue, was ich selbst nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
21 Ich entdecke also folgende Gesetzmässigkeit: Dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse naheliegt. 22 In meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, 23 in meinen Gliedern aber nehme ich ein anderes Gesetz wahr, das Krieg führt gegen das Gesetz meiner Vernunft und mich gefangen nimmt durch das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleib? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Also gilt: Mit der Vernunft diene ich dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.

Nach allem, was Paulus bis jetzt im siebten Kapitel des Römerbriefs zu den Stichwörtern oder besser: Stich-ins-Herz-Wörtern Tod, Sünde und Gesetz gesagt hat und zum Zusammenhang, in dem sie sich präsentieren: als Fazit lässt sich festhalten: der Phänotyp ist entscheidend, das was auf den Tisch, ans Tageslicht und zur Ausführung kommt. Das gilt im guten wie im schlechten, wenn jetzt einerseits das Wollen der Menschen programmiert ist im Geiste und Sinne Christi und dann 2. dem Loch, das wir mitansehen müssen und können, wenn auf die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit geblickt wird.

Vor dem Hineinknien in dieses Problem fällt allerdings auf, wie Paulus im heutigen Abschnitt von sich spricht – zumindest ist der Text in der Ich-Form verfasst. Meint Paulus sich nun tatsächlich persönlich und beschreibt eine Ausweglosigkeit, die seine eigene ist – oder nimmt er das Wort «Ich» in den Mund, weil es im Prinzip jedem Menschen und also auch Ihnen und mir so geht? Vorher hatte er ja den Befund erhoben, dass durch das grenzenlose Begehren und dies gegen Gottes Gebot die Sünde Oberhand gewinnt und alles Benehmen der Menschen sich letztlich diesem Ziel unterordnet – und so ein jeder alles verdirbt. Ob die Verdorbenheit auch für Paulus gilt, ist nicht überliefert; es ist zumindest nicht auszuschliessen; auch Paulus sitzt schliesslich das eigene Hemd am nächsten.

Wie jedoch deckt sich das mit dem, was bisher, d.h. weiter oben im Römerbrief zur Sprache kam, eben dass Christus, der auferstandene Christus, nunmehr die Situation ist und die Würfel schon gefallen sind: Gott, der nicht würfelt sondern in freier Wahl sich doch für seine Geschöpfe entschieden hat. Dazu, Menschen wieder auf den rechten Weg zu bringen, auf den Weg zu ihm, den er mit uns durch die Welt geht und – wir doch immer wieder oder bei Gelegenheit von diesem Weg abweichen. Macht das nicht stutzig, ist das nicht etwas irritierend, wenn immer wieder behauptet und so getan wird, als sei alles in trockenen Tüchern, und es halt dann doch so erscheint und so ist: es wird so getan. Also nicht getan – was Gott und sein Gesetz will, was dem Leben dient, und die Resultate des Tun und Lassens am Ende stets im Minus landen.

Ob wir Menschen wollen – oder nicht.

Ob wir Herren oder Damen des Verfahrens, unsrer Lebenspraxis sind – oder nicht.

Könnte es also sein, dass wir, wenn wir Christenmenschen auf und in uns selber schauen, ähnliches vorfinden wie Paulus, und dass wir hier wenig besser und gar schlimmer dran sind als jene Menschen, die mit Kirche, Befreiung, der Christusbotschaft nichts am Hut haben und deswegen vermutlich auch nicht einstimmen können oder möchten in den Ruf «Ich elender Mensch!» – die also nicht vor diesem Rätsel stehen, sondern davor: wie umgehen, dass es einen nichts angeht, und wie damit dann umgehen? Dabei auf sich allein gestellt und ohne Richtschnur oder Werte oder solchen, die ständig an Wert verlieren oder nie wirklichen hatten und – darum nicht verstehen oder nachvollziehen können was ich ebenfalls nur ahnen kann, das Elend, in dem Paulus steckt, er der Gottesmann, der weiss und verzweifelt an den beiden Gesetzen, die miteinander konkurrieren. Hier das der Natur, wo, weil es halt so ist, wie z.B. bei der Schwerkraft oder Erdbeschleunigung, alles zu Boden und mit menschlicher Unterstützung in den Abgrund gezogen wird; dort das, was Gott vorschreibt und was mit Sinn und Verstand unterschrieben werden könnte, denn auch unsereins sieht ja, blickt vernünftig und – tut doch nicht was er weiss, in irdischer Hinsicht, in Punkto eines Lebensstils, der wenig Schaden anrichtet, und stellt nicht bloss dort mit Bestürzung fest, wie stets die Sünde gewinnt, und so entdeckt und entblösst sich voller Entsetzen der Zwiespalt von Wollen und Tun, und, damit die Unruhe ja kein Ende nehme, zu allem Überfluss…nämlich der überfliessenden Gnade Gottes…kommt hinzu das Wissen, nach allem, was Paulus aufgezeigt hat, dass Gott die Lösung seit rund 2000 Jahren schon gefunden hat und z.B. manche sich zur Erinnerung an alle möglichen und unmöglichen Stellen ein Kreuz aufhängen, um sich so sagen zu lassen, wie von dieser Lösung zur Situation überzugehen wäre, zu Lebenslagen, in denen der erneuerte Mensch eben nicht mehr versagen müsste, dürfte und sollte: besteht also ein Gefälle, ein Abgrund: so als wäre nichts geschehen? Wo Menschen offensichtlich – und nur das zählt ja – unter dem Gesetz der Sünde stehen, weil wir ebenfalls nicht davon lassen können, so zu handeln, wie es die innere Natur vorgibt, das, was uns in den Knochen steckt wie vielleicht auch dem Paulus, und seine Botschaft wirkungslos verpufft und – alles beim alten bleibt? Hat etwa der Schriftsteller Samuel Beckett recht, der (in Abwandlung eines Zitates aus dem biblischen Buch Kohelet) einen seiner Romane (der Roman heisst Murphy)…dass Beckett dieses Werk mit dem Satz beginnen lässt: «Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf das Nichts des Neuen»? Und um das Groteske weiter zu treiben: hat ein anderer Murphy, der mit dem Gesetz, welches (in der populären Form) besagt, dass alles, was schief gehen kann, schief geht (das Original von Murphy's Law lautet: «Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu erledigen, und eine davon in einer Katastrophe endet oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen nach sich zieht, dann wird es jemand genau so machen.» [«If there's more than one possible outcome of a job or task, and one of those outcomes will result in disaster or an undesirable consequence, then somebody will do it that way.»]) – also nicht bloss der Versuch, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen –, hat der recht und gilt dies dann auch für das Risiko, dem Geist Gottes die Tür zu öffnen und zu glauben und aus diesem Glauben zu leben – so wie Gott will?

Da wir schon bei Gesetzen sind…dieses Wort immer wieder fällt…wie die Guillotine, und wir Menschen die Exekutierten sind und die Exekutive, die ausführt, was die Legislative, die gesetzgebende Gewalt, die Sünde, beschlossen hat und ein Mensch nach ihrer Pfeife tanzen muss und den Willen Gottes dabei mit Füssen tritt? «Ja», könnte einer sagen, «wenn wir doch nur das ausführende Organ sind und Befehlen gehorchen: dann sind wir doch aus dem Schneider, oder nicht?» «Nein» ruft es von wo anders her, «solch ein Multiorganversagen, die Krankheit Mensch: sie muss überwunden werden» – doch wo hin, bitteschön – wenn nicht über die Wunde, die Wunden Christi hinaus und heraus und hinein ins Leben, auf die Bühne, ins Theater von Gottes Herrlichkeit: denn wir sind keine Marionetten und selbst wenn wir tun, was wir nicht wollen, inklusive zu erkennen, dass es falsch ist: Tun tun wir es. Die Sünde selber ist handlungsunfähig, es braucht schon Subjekte, menschliche Wesen mit zwei Beinen, zwei Händen und einem Hirn, die eben immer noch nein sagen könnten und doch dieser Ohnmacht, die so mächtig ist wie die Sünde raffiniert: die ausgeliefert sind dem Programm des Begehrens, welches alles blossstellt, was an guten Vorsätzen und Absichten möglicher- oder unmöglicherweise vorhanden ist, nämlich dem heiligen, guten und gerechten Gesetz Gottes Folge zu leisten und – darum ein jeder von uns erst einmal fallenlassen, abschalten, löschen müsste, was keiner so wie ein Süchtiger kaum je könnte, also nicht kann, und weglaufen möchte vor sich selber, dem Leben, der Situation und – Gott trotzdem auf die Barrikade geht, die uns den Weg versperrt, z.B in den Suizid oder zur Psychotherapie, einer weiteren Krankheit, die so tut, als ob – sie deren Behandlung sei.

Jawohl, die Welt ist ein Irrenhaus, ein Narrenschiff, das unterzugehen droht, auf den Abgrund zusteuert, aus Fernweh nach dort wo keiner eigentlich hin will, der Sehnsucht, die tatsächlich eine ist: der Sucht, der Krankheit, nicht verzichten zu können und zu wollen, worauf dann unser ganzes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aufbaut und vielleicht demnächst zusammenbricht, ja genau: es unterstützen ja alle (ob Christenmenschen oder nicht) nach Kräften oder Schwächen, als Unterhändler oder Franchisenehmer der Sünde ihr Vorhaben, weil jeder auf je persönliche Weise haben will und sich nicht an Gottes Gnade genug sein lässt. Das ist das Ergebnis unterm Strich, wo doch Gott schon längst einen Punkt gemacht hat, den keiner machen will oder kann. So wie der, der vor Ihnen steht – als Musterbeispiel für das Zeitalter der Verschwendung –, es nicht lässt, nicht lassen kann und will und macht, zu viele Worte, wo doch längst genug gesagt ist, das eine Ja Gottes zum Nein des Menschen…genug der Worte, auf diesem Papier und durch dieses Mikrophon, das Wissen und doch Tun dessen, was nicht möglich, nicht erklärbar ist und wo dann höchstens der Bankrott erklärt werden müsste angesichts der Hilflosigkeit gegenüber der Tatsache, dass Gott sich in Christus erklärt hat und es schon längst verkündigt ist und doch immer wieder danach gestrebt wird, Gott zu verstehen, ihn Ihnen nahezubringen und – dahinter am Ende gar vielleicht versteckt, insgeheim oder offen der Wunsch und die Begierde stecken, zu wissen wie Gott funktioniert. Wo doch sonst auch immer geforscht und versucht wird, Blaupausen und Patentrezepte in die Hände zu bekommen, und, wo nicht, z.B. im Internet nachgeschlagen und geklaut werden kann, könnte, obwohl der Anstand sagt, dass sich das nicht gehört, es Diebstahl ist, geistigen Eigentums und – auch diese Predigt (wenn es denn überhaupt eine ist) weiss Gott nicht nur auf eigenem Mist gewachsen ist. Ich elender Mensch! Wieso gebe ich mich nicht zufrieden mit dem, was Gott gegeben und bereitgestellt hat für ein Leben voller guter Taten und – tue doch das Böse. Und tue alles, damit es anders wird und – mache alles schlimmer. Wer könnte schon aushalten, dass er nichts machen kann? Wie diese Ohnmacht bekämpfen? Und wie – für einmal nichts machen und «sich Gott an die Brust werfen» (Karl Barth), den Offenbarungseid ablegen, die Rede Gottes, sein Wort und Werk stehen lassen als das, was es ist und wie es sein sollte: Ja Ja und Nein Nein. Weil alles andere von Übel ist. Amen.

Jost Harzer

verwendete Literatur:

Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005Frederick Buechner Wunschdenken, Zürich 2007
Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010