Predigt am 22.4.2007 in der Hauptkirche
Predigt am 22.4.2007 in der Hauptkirche - Predigttext: Hes 34, 1-2.4.10-16.31
Liebe Gemeinde!
Nach der Ordnung des Kirchenjahres ist der zweite Sonntag nach Ostern der "Hirtensonntag". In den Liedern, Lesungen und in der Predigt dieses Gottesdienstes begegnet uns Gott als der Gute Hirte.
Darum möchte ich Sie jetzt zu einem Streifzug durch die Bibel einladen, bei dem wir uns eine Reihe von Hirtenbildern anschauen:
- Der erste Hirte der Bibel stirbt unschuldig: Es ist Abel. Er wird von seinem Bruder Kain erschlagen, denn Kain war eifersüchtig, weil sein Bruder Abel offensichtlich das Wohlwollen und die Gnade Gottes gefunden hatte, er selbst aber nicht.
- Das nächste Bild: Moses weidet die Schafherde seines Schwiegervaters Jitro am Horeb, dem Berg Gottes. Dort begegnet ihm Gott im brennenden Dornbusch und beruft ihn, sein Volk zu führen.
Und hier verspricht ihm Gott: "Ich will mit dir sein. Ich bin der Gott, der dich begleitet und für dich da ist."
- Später wird in Israel ein Mann König, der von Beruf ein Hirte war: David. Er wird als junger Mann vom Propheten Samuel im Auftrag Gottes zum König gesalbt. Aber der König David vergisst sehr bald, dass er nur in Gottes Auftrag dieses Volk leitet und führt. Er macht sich schuldig, nutzt seine Macht für eigene Interessen aus und schädigt, ja tötet dafür sogar Menschen, die ihm nichts getan haben.
Die Führer, die Könige, die Hirten Israels, waren von Anfang an versucht, ihre Führungsrolle und ihren Einfluss unrechtmäßig auszunutzen. Sie missbrauchten das Amt, das ihnen von Gott gegeben wurde. Sie waren oft sehr schlechte Hirten.
- Ein weiteres Hirtenbild finden wir im 23. Psalm. "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser." Die Bilder dieses Psalmliedes sind uns allen vertraut. Viele Menschen haben sich schon mit diesen Worten getröstet oder trösten lassen.
So muss also ein guter Hirte sein, so wie es in diesem Psalm beschrieben wird:
er sorgt für alles, was die ihm Anvertrauten brauchen, er wendet die Gefahren ab, er vertreibt die Feinde. Allen, für die er sorgt, geht es gut bis an ihr Lebensende. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Denn sie haben einen guten Hirten.
Wie ist es dagegen mit den Hirten, die man in dieser Welt erleben kann?
Der Prophet Hesekiel sagt etwas dazu im ersten Teil des Predigttextes für diesen Hirtensonntag:
Wir hören aus Hesekiel 34, 1-2. 4. 10.
Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht, das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern, ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
Soweit Hesekiel.
Bei unserem Gang durch die biblischen Hirtenbilder werfen wir nun noch einen Blick in das Neue Testament.
- Die Weihnachtsbotschaft wird zuerst den Hirten auf den Feldern Bethlehems bekannt gemacht. Vielleicht darum, weil Menschen, die Hirten sind, am ehesten verstehen können, was an Geheimnisvollem und Wunderbarem dabei ist, dass Gott Mensch wird. Jesus, der als Kind in der Krippe lag, sagt später von sich: "Ich bin der Gute Hirte. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich."
Liebe Gemeinde! Nach diesem Blick in die verschiedenen Bücher der Bibel lassen Sie uns nun einmal auf uns selber schauen.
Zuerst einmal: Hirte ist eigentlich jeder. Hirten sind auch wir. Wir sind beauftragt, andere zu behüten und zu führen. Wir tragen Verantwortung. Jeder Vater und jede Mutter, jeder Großvater und jede Großmutter, jeder Bruder und jede Schwester,
jede Lehrerin und jeder Politiker, jede Beraterin und jeder Arbeitgeber - jeder Mensch hat eine größere oder kleinere Führungsrolle und übt damit Herrschaft aus. Wir alle haben Macht. Und wenn wir sie einsetzen können, dann tun wir es in der Regel auch.
Charly Chaplins bekannter Film "Der große Diktator" verdeutlicht ganz eindrücklich die Macht, über die wir verfügen:
Dort spielt ein Diktator mit einem Globus, den er in Händen hält. Er wirft ihn in die Luft, fängt ihn wieder auf, gibt ihn auf seinem Rücken von der einen Hand in die andere und dreht ihn auf dem Finger. Er freut sich an seinem Spielzeug. Plötzlich entgleitet der Globus seinen Händen, fällt auf die Erde und ist kaputt.
Vielleicht denken wir bei diesem Bild zunächst an sehr mächtige Leute, in diesen Tagen vielleicht an Herrn Ahmadinedschad im Iran und an US-Präsident Bush.
Aber auch in unseren Händen liegt Macht. Ehepartner spielen einer gegen den anderen Macht aus. Der eine kann vielleicht besser mit Worten umgehen. Wenn er argumentiert, fällt der anderen nichts mehr ein. Dafür kann die andere vielleicht besser schreien oder schmollen oder weinen oder die Tür knallen. Wie gelingt es, hier die Macht immer wieder in einem guten Gleichgewicht zu halten, damit die Ehe gelingt?
Auch alle, die Auto fahren, haben Macht. Wer kann schneller starten an der Ampel, wer überholt alle anderen auf der Autobahn, wer drängt sogar andere Fahrzeuge von der Überholspur? Auch hier werden Machtkämpfe ausgetragen. Die Machtmittel sind unterschiedlich verteilt: Da gibt es langsame und schnelle Autos. Es gibt Autos mit allen Sicherungen wie Airbag, ABS, Seitenaufprallschutz und andere. Es gibt aggressive Autofahrer, die sich nichts gefallen lassen, und ruhigere, die immer mitbedenken, dass es hier für sie und für andere um Leben und Tod gehen kann. So wie dem Diktator im Film der Globus aus den Händen gleitet und zerschellt, so verlieren manchmal Menschen die Gewalt über ihr Auto und es geschehen Dinge, die niemand gewollt hat.
Auch in einem ganz anderen Bereich wird Macht ausgeübt: Kranke und Pflegebedürftige haben Macht gegenüber Schwestern und Pflegern. Der Druck auf den Klingelknopf, der das Pflegepersonal herbeiruft, ist ein Mittel, ihre Beschwerden, ihre Klagen, ihre Vorwürfe ein anderes. Natürlich haben auch die Pflegenden ihrerseits Macht: Entweder, sie kommen sofort, um zu sehen, was gewünscht wird, oder sie lassen sich Zeit. Entweder sie sind hilfsbereit und freundlich oder unfreundlich und grob.
Kleine Kinder haben die Macht des Weinens und des Schreiens. Damit verlangen sie nach Nähe, Annahme, Geborgenheit. Und Eltern haben die Macht, darauf einzugehen oder nicht.
Mitglieder von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften und Vereinen haben die Macht, mit ihrem Austritt zu drohen.
Kunden haben die Macht, in einem bestimmten Geschäft nicht mehr zu kaufen.
Und als Bürger und Bürgerinnen haben wir alle die Macht, bei der Wahl einer bestimmten Partei oder einem bestimmten Kandidaten oder einer Kandidatin unsere Stimme zu geben oder aber nicht zu wählen.
Viel Macht liegt in unseren Händen. In den verschiedensten Bereichen ist uns Verantwortung aufgetragen. Es kommt darauf an, was wir daraus machen.
Die nächste Frage wäre, ob wir nun alle gute Hirten sind oder nicht.
Denn vielleicht ist ja dieses Wort unseres Predigttextes manchmal auch in unsere Richtung gesprochen: "Wehe den Hirten, die sich selber weiden: Sie stärken das Schwache nicht, sie heilen das Kranke nicht, verbinden das Verwundete nicht, holen das Verirrte nicht zurück, und das Verlorene suchen sie auch nicht."
Ob wir nicht tatsächlich Anlass haben, die Worte Hesekiels auch so zu hören? Ist es nicht wahr, dass wir oft ganz genauso denken, fühlen, leben und handeln wie die Leute, die dieser Prophet damals, vor 2500 Jahren, angegriffen hat?
Denken wir darüber nach, was auch wir einander schuldig bleiben.
Beginnen wir im ganz persönlichen Bereich: wo fehlt es da an Wärme, an Geduld, an Verständnis, oft schon einfach an Freundlichkeit? Oder denken wir noch weiter an den Kreis von Menschen, die wir kennen, die wir regelmäßig sehen oder denen wir hin und wieder begegnen: Wer von uns weiß nicht von Menschen, die einsam sein müssen oder traurig, die vom Leben enttäuscht wurden und darüber hart, vielleicht sogar böse geworden sind. Wo sind denn die, die sich um diese Menschen hätten kümmern müssen, die für sie verantwortlich waren oder noch sind? Oder wer kennt nicht Menschen, die ganz praktische Hilfen brauchen, im Haus oder ums Haus, bei der Krankenpflege, bei der Betreuung der Kinder, bei der Lösung eines Konfliktes oder eines Problems.
Und wenn wir noch einen Schritt weitergehen und an unsere Verantwortung für das öffentliche Leben denken: Wo kümmern wir uns um die Schule unserer Kinder, um die Probleme der Behinderten, um die Anliegen unserer ausländischen Mitbürger: Wo setzen wir uns für Menschen ein, die am Rand der Gesellschaft stehen: für Kranke, Obdachlose, Verschuldete oder Gefangene.
Und wenn wir schließlich im Weltmaßstab an die Not der Menschen denken, an die Armut und das Elend in vielen Ländern, an die Heimatlosigkeit? Ob das Wort des Propheten Hesekiel, sein hartes Wort von den Hirten, die sich selbst weiden, ob dieses Wort nicht heute auch uns meint?
Wo wir uns vor unserer Hirtenrolle drücken, gleichen wir Kain, dem Brudermörder. Als er gefragt wird: "Wo ist denn dein Bruder Abel", antwortet er: "Soll ich meines Bruders Hüter sein?" Was antworten wir, wenn wir gefragt werden, gefragt nach den Menschen, für die wir da sein sollten, nach den Menschen, die irgendjemandes, vielleicht gerade unsere Hilfe brauchen? Antworten wir auch so ähnlich wie Kain: "Was gehen mich denn diese Menschen an? Warum soll gerade ich mich um sie kümmern? Sollen sie doch selber sehen, wie sie zurechtkommen?" Stehlen wir uns wie Kain aus der Verantwortung, nur weil wir meinen, wir müssten erst einmal für uns selber sorgen und hätten für andere dann keine Zeit und Kraft mehr übrig? Wenn wir Verantwortung von uns weisen, dann missbrauchen wir unsere Macht, wir missbrauchen die Gaben, die Gott uns gegeben hat, indem wir sie für uns selbst behalten.
Nun aber, liebe Gemeinde, kommen wir zum zweiten Teil der Rede des Propheten Hesekiel. Darin ist nicht mehr die Rede davon, was die Hirten falsch gemacht haben. Jetzt wird Zukunft angesagt. Hören wir den zweiten Teil des Predigttextes:
(Textlesung: Hesekiel 34, 11-16. 31)
Denn so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren ....
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten, ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott, der Herr.
Im Zentrum dieser Worte steht die Verheißung. Nachdem wir einen Blick auf unsere Versäumnisse, auf unsere Schuld geworfen haben, dürfen wir nun auch die tröstliche Seite der Prophetenrede hören: "Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen."
Allen missratenen Hirten und auch allen unter uns, die ihre Aufgabe oft nur unzureichend erfüllen, die Verantwortung von sich weisen und oft nur an sich selber denken, allen diesem zum Trotz will Gott selbst Hirte sein. Er möchte das tun, was wir schuldig geblieben sind.
Vielleicht haben Sie das im Kleinen auch schon erlebt, liebe Gemeinde, dass sich ein Problem, an dem Sie gescheitert sind, eines Tages wie von selbst zum Guten wendet. So, als ob eine gute Macht, so als ob Gott uns begleitet und da, wo wir nicht mehr weiter wissen, für uns einspringt.
"Ich bin der Gute Hirte", hat Jesus gesagt.
Und unser Wort aus dem Buch Hesekiel ist in der Gestalt Jesu in Erfüllung gegangen.
Suchen, sammeln, erretten, verbinden, stärken - das ist das, was Jesus zeit seines Lebens getan hat. Er erzählte eben nicht nur das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Er lebte es in Wirklichkeit, indem er die Menschen, die ihn brauchten, suchte und fand, indem er die Kranken zu sich kommen ließ und die, die Trost brauchten. Er hatte für sie Zeit, er gab sich mit ihnen ab, auch wenn sie ansteckende Krankheiten hatten oder stadtbekannte Sünder waren. Jesus hat die Gaben, die Gott ihm geschenkt hat, nicht für sich behalten, er hat Verantwortung übernommen. Er war ein guter Hirte.
Und am Kreuz von Golgatha hat er am Ende für die ihm anvertrauten Menschen sein Leben gegeben. So wie die Hirten in den Wüsten und auf den Bergen Palästinas ihr Leben riskierten für die ihnen anvertrauten Schafe. Jesus ist für die Seinen in den Tod gegangen. Darum nennen wir ihn nicht nur den guten Hirten, sondern auch das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, das Osterlamm.
Jesus Christus hat ein Beispiel gegeben, wie wir miteinander leben sollen. Denn wir sind alle Hirten und brauchen Hirten.
Wir sind alle zunächst einmal Menschen, die Führung und Leitung brauchen, die Vorbilder brauchen und Maßstäbe, nach denen sie handeln können, Menschen, die Rat und Orientierung suchen. Aber dann sind wir eben auch Menschen, die andere führen und leiten sollen, die anderen Rat und Hilfe geben können, ihnen Vorbild sind und für sie Verantwortung übernehmen.
Es ist traurig, wenn wir keine guten Hirten finden, und ebenso traurig, wenn wir unser Hirtenamt nicht richtig wahrnehmen. Damit das nicht geschieht, nicht geschehen muss, haben wir heute die Zusage Gottes aus der Rede Hesekiels gehört: "Ja, ihr sollt meine Herde sein, und ich will euer Gott sein." Wir haben einen Hirten, wir haben einen Gott, der für uns da ist.
Und er sagt heute zu uns:
Ich bin dein Hirte.
Dir wird nichts mangeln.
Ich führe dich durch gutes Land, wo du alles findest, was du brauchst. Ich tröste auch deine Seele.
Ich führe dich auf guter Straße, denn ich bin dein Gott.
Und auch wenn du durch finstere Täler gehen musst, brauchst du kein Unglück zu fürchten,
denn ich bin bei dir.
Meine Hand beschützt dich und tröstet dich.
Ein Festmahl will ich dir am Ende bereiten zum Trotz allen denen, die dich hassen.
Und dein Lebensweg wird gesegnet sein für jetzt und allezeit, weil du zu mir gehörst für immer. Amen.
Karin Meier