Predigt am 24.07.2011
Predigt über Röm 8,18-30
18 Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zur Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.
19 Denn in sehnsüchtigem Verlangen wartet die Schöpfung auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes. 20 Wurde die Schöpfung doch der Nichtigkeit unterworfen, nicht weil sie es wollte, sondern weil er, der sie unterworfen hat, es wollte - nicht ohne die Hoffnung aber, 21 dass auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werde zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, bis zum heutigen Tag. 23 Doch nicht nur dies; nein, auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe empfangen haben, auch wir seufzen miteinander und warten auf unsere Anerkennung als Söhne und Töchter, auf die Erlösung unseres Leibes. 24 Im Zeichen der Hoffnung wurden wir gerettet. Eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung. Wer hofft schon auf das, was er sieht? 25 Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.
26 In gleicher Weise aber nimmt sich der Geist unserer Schwachheit an; denn wir wissen nicht, was wir eigentlich beten sollen; der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit wortlosen Seufzern. 27 Er aber, der die Herzen erforscht, er weiss, was das Sinnen des Geistes ist, weil er dem Willen Gottes gemäss für die Heiligen eintritt. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient, ihnen, die nach seiner freien Entscheidung berufen sind. 29 Die er aber zuvor erwählt hat, die hat er auch im Voraus dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes gestaltet zu werden, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er im Voraus bestimmt hat, die hat er auch berufen. Und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gesprochen. Die er aber gerecht gesprochen hat, denen hat er auch die Herrlichkeit verliehen.
Wenn, wie Paulus im vorhergehenden Abschnitt (des Römerbriefs) behauptet hat, zum Ergehen von Christenmenschen das Leiden im weitesten Sinne gehört, bis die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden und dieses zwischen den Zeilen des heutigen Predigttextes bald geschehen soll – dann haben wir ein Problem, wenn nicht gar mehrere. «Bald» kann zwar, wie jeder Wahrscheinlichkeitsrechner weiss, bei jedem folgenden Ereignis oder im nächsten Moment sein; lässt dieser nächste oder übernächste Moment jedoch schon rund 1950 Jahre auf sich warten und ist seitdem wenig bis nichts besser sondern eher schlimmer geworden…anders vielleicht…doch eben nicht grundsätzlich anders, so, wie sich Gottes Herrlichkeit nach allem was sich so sagen lässt (oder eben nicht) präsentieren soll. Das freilich kann und darf und braucht auch keiner zu sagen und zu wissen, und alles was Menschen sich in dieser Hinsicht vorstellen ist ja Zeitverschwendung, weil, Gott sei Dank, die Einsicht in die göttliche Weitsicht versperrt ist und in den Terminkalender Gottes auch.
Es läge also auf der Hand, in dieser Angelegenheit keine weitere Energie und Mühe zu vergeuden; doch da nun einmal der Geist Gottes diese Zusage in den Raum gestellt hat, über den wir nicht verfügen, der allerdings der Raum ist, in dem Menschen leben mitsamt der belebten und unbelebten Umwelt, von der unsre Spezies abhängt so wie alles von Gott abhängt: alle sollen warten gemeinsam mit den Menschen, die sich nicht irremachen lassen mögen an dieser unsrer Gegenwart noch an der so fernen Zukunft und die selber nicht wissen was sie davon halten sollen, denen die Worte fehlen nicht bloss beim Beten oder Predigen sondern die angesichts des Drumherums und Durcheinanders, in dem das Dasein sich ereignet – denen also empfiehlt Paulus angesichts von Ratlosigkeit nicht in Hoffnungslosigkeit zu versinken und den Vorschuss des Geistes Gottes nicht zu verspielen und diesen Schatz unterm Himmel weder gering zu schätzen noch in Frage zu stellen.
Jetzt könnten in Gestalt einer kleinen Zwischenfrage Zweifel aufkommen, ob dies wirklich die Methode der Wahl ist: die zukünftige Herrlichkeit, was immer sich dahinter verbirgt, auf sich zukommen zu lassen – natürlich fliesst die Zeit weiter, doch einfach so vorbei, ohne eingreifen zu können oder müssen, in einer Haltung der Demut, die dann und wann in Schicksalsergebenheit umzukippen droht und sich und ohnehin alles aufs Ende zusteuern sieht, aufs grosse Finale, einerlei, in welchen Zeithorizonten gedacht, geängstigt oder entgegengefiebert wird? Der Verfall der auf Pump und Raubbau gründenden Weltordnung oder der des eigenen Köpers oder radioaktiver Zerfall: alle Fälle in jedem Fall ein Fall für die Atomuhr und nicht ewig, nicht bei Gott, freilich von ihm und aus freien Stücken in die Schranken verwiesen, die allem Geschaffenen innewohnen, damit die Fallhöhe eine umso grössere sei und – auf Gottes Majestät zurückfällt und der vor Staunen offen und Hoffen beliebende Mund auch. Das Schicksal oder Ergehen, wie immer Sie wollen, von Gott festgelegt nach beiden Seiten: er unterwirft alles Lebendige dem Verschwinden, und mit gleicher Unerbittlichkeit erlöst und errettet er die Körper der von ihm in Christus erwählten Geschöpfe inklusive der Menschen, alles was darin eingeschlossen ist und sich abspielt. Und das mit dem Vorbehalt der Vollendung nach Gottes Gusto und ohne Einspruchsmöglichkeit.
Ach…und sonst? Morgen ist die Welt vorbei; lasst uns Apfelbäumchen pflanzen? Oder retten was zu retten ist? Oder den Rest in vollen Zügen geniessen, in denen die Klimaanlage auf Hochtouren läuft um dann doch auszufallen – da nehmen Christenmenschen doch lieber an der Spitze des Zuges Platz, dort wos am gefährlichsten ist, des Selbstmordes bzw. Störfalltodes wegen oder der Gefahr des Zusammenstosses, wenn die vorfindliche Welt mit dem Reich Gottes zusammenstösst und alles aus der Bahn geworfen wird, die Vorhut alle mitzieht oder mitreisst, die Stadt auf dem Berge leuchtet und – verglüht, das Salz der Erde, erst scharf dann dumm, das unterirdische Jerusalem, wo dann alle, wirklich alle aufblicken zu dem Erstgeborenen und die Naturgesetze nicht mehr gelten und die von Grammatik und Rhetorik auch nicht.
Zuletzt stirbt die Hoffnung. Verklingt das Wunschkonzert. Wie alles Irdische – von begrenzter Dauer. So auch das Gerede von Gott. Das er wohl nur erträgt, weil der Geist eintritt für das, was eigentlich Schall und Rauch ist.
Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, allerdings ohne etwas dafür zu können. Wie könnte es auch anders sein, wenn Schöpfung als das begriffen, gedacht und anerkannt ist, was sie ist: Gottes Werk, wie alles Geschaffene mit Ausnahme des Christus, der, wie es im Credo heisst, gezeugt, nicht geschaffen ist. Trotzdem lautet das Ziel der Schöpfung, dass die Kinder Gottes umgestaltet werden und schliesslich dem Gottessohn gleich sind. Darauf darf gehofft, daran geglaubt, darauf gewartet werden; faktisch und nicht nur nach der Papierform wie auf den Godot im gleichnamigen Theaterstück (von Samuel Beckett), der die beiden Protagonisten Vladimir und Estragon während des Zweiten Weltkrieges und vor den Faschisten auf die sichere Seite bringen soll – dorthin, wo sie mutmasslich weniger oder nichts mehr zu befürchten haben. So verhält es sich ja auch mit dem christlichen Glauben in seinem Total, und zwar grundsätzlich und endgültig. Alle Tränen werden dann und dort abgewischt, wo den Kindern Gottes die Herrlichkeit geschenkt sein wird, wo Gott sich offenbart und von Angesicht zu Angesicht zu sehen sein wird, der grosse Himmel, das grosse Ziel, das die Wartezeit in der Schleuse und auf den Schleuser ertragen hilft in grosser Vorfreude, die gerade im Leiden schönste Freude, auf die Erlösung der Körper und des Vergänglichen, das dann tatsächlich vergangen weil alles vollendet und alles vollbracht sein wird.
Was gilt bis dahin, was zählt mehr, was bestimmt den Alltag: Die trostgepflasterte Sehnsucht? Das Seufzen der Schöpfung, das Ächzen unter der Last, mit der die Menschen in den westlichen Industriestaaten mit Siebenmeilenstiefeln bei ihrem Sprint auf den Abgrund im Morast steckenbleiben? Wird der rasante Vormarsch ausgebremst von einer Hoffnung, die den ökologischen Fussabdruck eines jeden von uns hier im Raum zu einem Nebenkrater degradiert, einem Fass ohne Boden zwar, doch aufgefüllt mit nichts als Geist und – den Trümmern menschlicher Stärke und Dummheit und Übermut und der von Gott geschenkten Einsicht wenigstens hier für einmal nicht dem Wahn der Machbarkeit anheimzufallen. Schaffen wir…nein der Geist schafft, bereitet den Boden, von dem wir genommen, also geschaffen sind: Schöpfung mit allem was dazugehört inklusive der neuen, die dort beginnt bzw. anfängt zu wirken wo Menschen nichts mehr zu bewirken haben sondern der Geist Gottes in Aktion ist.
Von ihm berufen, erwählt, bestimmt – ähnlich dem Bild des Christus; ohne dass es käme zur Deckung, Mensch, wo denkst du hin…wenn Gott deiner gedenkt…wir Schwestern und Brüder und Nachfolger hier und jetzt, deren Schatten bleibt, der Schatten, den wir als Teile der Wegwerfgesellschaft selber werfen: er liegt und lastet auf diesem Leben, wer könnte schon fliehen und den Unschuldigen aus der Sonne gehen, unter der es seit Menschengedenken nichts neues gibt, höchstens die Abschattung des Höchsten im Holozän, der Jetztzeit, wo der Mensch, der neue Mensch einmal erschienen ist, once in a lifetime, immerhin, und zwar bestimmt, gewiss, andersherum und auf den Spuren dessen, der da war und ist und kommt: mit und auf Grund, weil gerechtgesprochen, auch hier wieder, diesmal durch Christus, und Teilhaber an der Herrlichkeit Gottes auf Hoffnung hin, die, weil sie ja Hoffnung und eben noch nicht vollendet ist, den Blick auf dieses Jetzt zulässt und darin eben auch das Leiden mit drinsteckt: aufs eigene Dasein, auf den Zustand der Welt, auf den Teil der Schöpfung, der sich nicht wehren kann weil nicht im Besitz von Waffen, Verbrennungsmotoren, Gentechnik und den anderen inklusive der Kernspaltung und jener zwischen Menschen, Völkern und Staaten. Dies ist unser Los: losgelöst, gefangen doch nicht beherrscht und bestimmt, ja genau, von all dem Unfug und befreit für die Hoffnung, von der eben Gott am besten weiss, was gut ist und sein Plan für und mit uns Menschen und – Vorwitz wie gesagt in diesem Punkt schon gar nicht geduldet wird. Gedulden bis der Geist Gottes so gewitzt für uns eintritt, indem er den Zutrifft verwehrt zur Werkstatt, in der die Vergänglichkeit des Lebens abgeschafft wird und zu der ja viele so gerne den Schlüssel hätten und woran schon vor der Erfindung z.B. der Organspende gearbeitet wurde und wird: es bleibt ein Abarbeiten, dass zu nichts und an kein Ende führt auch wenn es dieses immer weiter zu verschieben sucht – für den, der sich darauf einlässt. Dieses Spiel freilich müssen solche Zeitgenossen, die von Gott an seines Kindes statt angenommen wurden, ja nicht mehr mitmachen, und so sie vom Geist getrieben sind und wirklich Töchter und Söhne Gottes: ja wirklich, dann ist die Schöpfung zwar immer noch Schöpfung, doch wie hinter Milchglas deutet sich ein Vorgeschmack an auf das, wo Milch und Honig fliessen während hier die Milch nun einmal verschüttet ist. Amen.
Jost Harzer
verwendete Literatur:Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010