Predigt am 25.12.2010

Predigt über Micha 5,1-4a

Du aber, Bethlehem Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas;
doch aus dir wird mir einer hervorgehen,
der in Israel herrschen soll.
Sein Ursprung liegt in der Vorzeit, in den Tagen der Frühzeit.
Deshalb gibt Gott ihn hin bis zu der Zeit, da die Gebärende geboren hat
und der Rest seiner Geschwister zu den Kindern Israels zurückkehrt.
Und er wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN,
im erhabenen Namen des HERRN, seines Gottes.
Und sie werden sicher wohnen; denn jetzt wird er gross sein
bis zu den Enden der Erde.
Und das wird der Friede sein.

Alle Jahre wieder

– denken wir. Als Christen. Und hören, lesen und verstehen diesen Text aus dem ersten Teil der Bibel so, wie es aus Anlass des Tages naheliegt. Wie könnte es auch anders sein: schliesslich sind wir eben keine Juden, die noch auf den Messias warten (und z.B. bei Gelegenheit für den wiederkehrenden Propheten Elija stets einen leeren Stuhl bereithalten), die freilich noch in einer unerlösten Welt leben, in der vom Erlöser, Retter, Messias – wie Sie wollen – wenig bis nichts zu merken ist: wenn wir mit Ohren die hören und Augen die sehen durch die Welt gehen und den Krimskram und das Trallala und den Brauchtum rund ums Weihnachtsfest ausblenden: geschenkt, Sie lesen ja Zeitung und sind selber Teilnehmer am globalen Gesellschaftsspiel und wissen: so reden Menschen. Die das, was längst verkündigt ist, erneut hören – hören wollen, hören müssen, und ob sie sich dabei langweilen oder wundern – Sie hier heute morgen z.B. – oder wie die Menschen des Neuen Testamentes mit dem Rätsel der Person des Jesus von Nazaret zurechtkommen müssen, mit einem, dem aussergewöhnlichen Kameraden Gottes und – im Nachhinein, damit die Rätsel kleiner werden, seinen Geburtsort nach Bethlehem verlegen, was nach allem, was die Forschung herausgefunden hat, für den irdischen Jesus mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zutrifft, sondern hier ein Fall von Geschichtsklitterung vorliegt, was ja bei bedeutenden Persönlichkeiten vorkommen soll, im Nachhinein einer historischen Figur Züge zugesprochen werden, die so oder in diesem Ausmass nicht den Tatsachen entsprechen: so reden Menschen…wenn sie von Menschen reden.

Es wäre also zu fragen, ob wir es hier mit einem Menschen zu tun haben oder doch mit etwas anderem, etwas, das über die Gestalt hinausweist, die der Prophet Micha ankündigt, einer Figur, die in die Fussstapfen des Königs David treten wird – was die Herkunft aus Bethlehem erklärt, denn David soll ja ebenfalls von dorther stammen, neun Kilometer südlich von Jerusalem –, um dann in Anknüpfung an diesen von den Israeliten so verehrten Regenten dessen glanzvolles Regiment aufleben zu lassen. Das ist das eine: die Wiederherstellung einer – auch wieder im Nachhinein – so empfundenen goldenen Epoche, die wieder dort weitermacht, in einer Art Systemwiederherstellung, die verursacht durch Missmanagement und menschliches Versagen von Regierung und Regierten das Gemeinwesen den Bach hat heruntergehenlassen und darum Zustände herbeigesehnt werden, es solle alles wieder werden wie früher und bei Hofe oder vor dem Computerabsturz oder vor der Finanzkrise…und dem Vernehmen nach sind wir ja schon wieder soweit, die Konjunktur brummt und die Arbeitslosigkeit sinkt (während die Arbeitsbedingungen härter werden), ohne über Ursachen der Misere nachzudenken. Hauptsache wir wohnen sicher (in einem Europa, wos künftig um Himmels und des Friedens willen nicht ungemütlicher zugehen darf!) – und wer täte das nicht gern in geheizten Räumen in der aufgeheizten Atmospäre…also bleibt zum Nachdenken keine Gelegenheit und warum auch, kein Anlass (mehr) oder Grund zur Sorge, wenn nur für gute Regierungsführung gesorgt wird nach allem, was sich so sagen lässt.

Die Habgier der Reichen, wie sie die Armen um ihren Besitz bringen, das prangert schon Micha in der Zeit um das Jahr 700 BCE an, und, da ja viele mitklagen und mitmachen und sich nach dem Motto «Geiz ist geil» wehren und alles verschlimmern – wünschen wir uns da nicht manchmal einen, der dazwischen geht, und wenn auch nicht unbedingt den Sozialismus einführt, doch wenigstens dem Staat, dem rechtlich und demokratisch verfassten Gemeinwesen, also letztlich uns, die wir hier versammelt sind, wieder das Heft des Handeln überlässt, de facto und nicht bloss der Papierform nach, die Grundgesetz heisst, und wenn es dann auch lediglich ein demokratisch legitimierter Politiker ist, ein Verantwortungsethiker, der Klartext redet und danach handelt, selbst wenn er nicht überall auf Zustimmung stösst und gerade keine niederen Instinkte bedient sondern herausfordert aus der Bequemlichkeit im Denken und der Trägheit der Masse – so sind Christenmenschen dabei als Staatsbürger einerseits Königsmacher und dann auch solche, die sich fragen, «Wozu einen König?», «ein erster Diener des Staates reicht aus»…wenn dieser dann nicht, wie der Preussenkönig Friedrich der Grosse, die deutsche Variante von David, was die Verklärung betrifft (Kartoffeln! Sanssouci! Flötentöne!)…wenn also der König eine besondere, doch nicht göttliche, vielleicht von Gott eingesetzte Person ist und wie nichts und niemand mit ihm verwechselt werden darf und kann: wie verhält es sich dann mit dem Mann aus Nazaret, dessen Geburtsort z.B. im Evangelium nach Matthäus, das ja auch eine Geburtsgeschichte liefert, und den Tatort nach Bethlehem verlegt und so den Faden aufgreift, den Micha gelegt hat? Wird hier das, was dieser Prophet getan hat, nämlich von Gott her zu denken und zu reden (oder zu schreiben…den Text, den wir heute vor uns haben): sind die frühen christlichen Gemeinden mit dem Rätsel Jesus, seiner Verkündigung, seinem Sterben und Auferstehen vom Tod so damit umgegangen, dass sie das alles so gedeutet haben und erkannten, wie hier genau oder zumindest in den entscheidenden Grundzügen das erfüllt ist, was eben diese messianische Vorankündigung im Alten Testament verheisst, einen idealen König, der zwar vorderhand von der umkehrwilligen Fraktion des biblischen Volkes Israel ersehnt wird, von denen, die sich erneut und dauerhaft auf ihren Gott, den HERRN, der ja auch unser Gott und also der Eine ist, ausrichten? Und einen endgültigen Statthalter herbeisehnen: der dann der verspottete König der Juden – also vielleicht der Clown Gottes – ist? Oder doch der aller Menschen, der für alle da ist, die glauben, die den Glauben dankbar mit ihren leeren Händen annehmen und für wahr halten, was da geschehen ist – auch und gerade wenn nicht zutrifft, dem äusseren Augenschein nach: dass das der Friede ist?

Natürlich ist Jesus der Friede, wenn wir ihn als Herren akzeptieren, im Leben und im Sterben, «so wahr mir Gott helfe», wie Politiker bisweilen betonen oder nicht, und – ernst meinen, dass die Rede Ja Ja und nicht Nein Nein sein möge und also einsehen, eingestehen, wie bemüht doch begrenzt wir Menschen sind und es in jeder Sekunde unseres Leben mit Gott zu tun haben, dem Gott, der Mensch geworden ist, der von Anfang an regiert und dessen Legislaturperiode kein Ende hat, den Menschen zwar abwählen doch nicht absetzen können. Er sitzt einem jedem im Nacken und zu den Füssen, die er gewaschen hat, er sitzt zu Gericht und auch wenn wir vor dem Gericht des Tages sitzen, vor der Gans oder Ente, die keine ist sondern die frohe Botschaft, dass von nun an seit ca. 2014 Jahren das Reich Gottes angebrochen und durch Jesus zugänglich, der Friede da ist und Menschen sicher wohnen bleiben, Friede den Hütten und Friede den Palästen, also Könige und Ackermänner das Feld bebauen und wir uns fragen, von Gott her fragen, seine mutmassliche Frage übernehmen, ob denn sein Reich Fortschritte gemacht habe? Das wäre ein Fortschrittsglaube, der das Machbare nicht ohne Gott denkt und mit seinen Möglichkeiten rechnet, damit, dass Menschen zur Einsicht kommen, dass nicht alles, was drin und denkbar ist und wofür das Geld hierzulande noch reicht bzw. die Notenpresse im Hintergrund arbeitet, dass das auch getan werden muss, und weniger mehr ist, weniger Worte auch…wie Sättigungseffekte nicht bloss die Hauptmahlzeiten angehen sondern eben das ganze Leben und Wirtschaften und – die Fähigkeit wieder in Mode kommt, zu danken, für das, was wir haben und den zu ehren, der uns seinen Sohn geschenkt und damit das Rätsel gelüftet bzw. klargestellt hat, dass es keines ist und – doch immer bleiben wird. Das ideale Königtum Christi, wo Jesus quasi als Verweser des Reiches Gottes fungiert und, jawohl, regiert; da ist; sich im Geiste aufhält, vorhanden ist und Gottes Wesen repräsentiert, seine Zuwendung, Anteilnahme und Eintreten für die Menschen, der Fuss in der Tür, die dann freilich selber aufgestossen werden muss und darf – wenn, ja, wenn: wie sollen wir uns dies dann vorstellen – oder ist das eine weitere Version von Weltflucht, von Idealismus, der verdächtig ist und genausowenig taugt wie jeder Ismus, jede Ideologie, die den Menschen festlegt auf eine Idee oder ein Programm, das Schema F, das bei Gott nicht zu finden ist sondern wo höchstens das höchste Prinzip der Lebensdienlichkeit durchschimmert, wenn nach Gott und seinem Willen gefragt wird und dies dann zum Massstab des täglichen Handelns wird. Nicht jeden Quatsch mitmachen und auf Kosten von Mensch und Umwelt haben wollen, wofür dann andernorts, am anderen Ende der Erde die Quittung kommt und nicht beglichen werden kann: die Schuld verschwindet nicht. Es gibt kein Entrinnen, woher wir auch kommen und wohin wir gehen: der Weg (und die Wahrheit und das Leben) war unterwegs und ist angekommen, das feiern wir heute, und nehmen das mit dem Drumherum oder dem Kalender-Datum besser nicht so genau – zugunsten des wichtigen Faktums: was von Gott von langer Hand geplant war und um- d.h. in die Welt gesetzt wurde…Gott ihn hin gibt bis zu der Zeit, da die Gebärende geboren hat – dies ist und bleibt aktuell, kann sich in entfernten Nachwirkungen jeden Moment oder bei der nächsten Wahl oder beim nächsten Einkauf vollziehen und ist dabei so unberechenbar und so treu und verlässlich wie es Gott ist und – Menschen gerne wären: selbst die, die meinen, Gott könnte sich auf sie verlassen, Sie hier z.B. –, wie die es manchmal auch sind und dann wieder nicht und ins Zweifeln geraten. So denken Menschen – oder nicht. So sind Menschen. Schwankend und meist ohne roten Faden und darum nicht so wie Gott, in der Person Jesus – dem allerdings manchmal solches oder ähnliches auch bekannt gewesen sein dürfte.

Ohne dass Gott es selbst nötig gehabt hätte, hat und haben wird, zeigt die Menschlichkeit Gottes, woran wir eigentlich sind: im Mann aus Nazaret selber zum Mensch geworden…das Spiegelbild Gottes und des idealen Menschens – was es noch nie gegeben hat und nie mehr geben wird. Was jedoch und darum immer Gott selber bleibt, der immer auch ganz anders könnte und ist und – sich den Menschen doch zuwendet, damit diese sich ihm zuwenden. Deswegen hat wohl schon Micha um die Notwendigkeit des Messias gewusst, des Retters, der die Menschen vor den Menschen rettet: einen jeden vor sich und untereinander…und der dabei, weil er das wollte und vollbracht hat, sogar darauf verzichtet, sich selber zu retten. Wer sonst könnte solche Verantwortung übernehmen, am Kreuz, später? Doch nur ein Gott, so einer wie der Mensch Jesus, der eben beides ist, was uns zu denken gibt. Und zu danken. Mit einem Leben, das Gott annähernd gefällt…gefallen könnte, weil und wenn es uns schwerfällt, bisweilen mühsam scheint doch nicht ist – wo Menschen dort geweidet werden wo das Joch leicht ist und sie nichts mehr zu holen haben – in den dunklen Ecken ihres Wesens, die ausgeleuchtet von Fall zu Fall zur Erleuchtung führen. Z.B. zu der, dass Weihnachten ohne Ostern für Christen nicht zu haben ist und es nie gegeben hat. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, weil der Messias, Christus Jesus, der Mann aus Nazaret andernfalls nicht einmal zum Weihnachtsmann taugt, den wir Christenmenschen getrost einen guten Mann sein lassen können, weil der Mann der helfen kann, uns selbst zu neuen Männern und Frauen macht. Das gebe Gott. Amen.

Jost Harzer