Predigt am 25.3.2007

Segen

Predigt am 25.3.2007 zum Ende der Aktion „Essen auf Rädern“ in der Albert-Schweitzer-Gemeinde

Thema: Segen
Text: 1. Mose 12, 1-4

Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.


Liebe Gemeinde!
Segen - was ist das eigentlich? Diese Frage hätte ich mir lange Zeit überhaupt nicht gestellt. Segen habe ich einfach erlebt. Segen gehörte dazu: zu jedem Gottesdienst, den ich besuchte, zu vielen Geschichten, die ich in der Bibel las. Der Segen war mir wichtig. Ich hätte nie einen Gottesdienst verlassen, ohne den Segen abzuwarten.

Segen war für mich immer etwas Gutes, etwas Heilsames, die hörbare und sichtbare Zusage, dass Gott mit mir geht, egal, wohin ich gehen werde und was ich tun werde.
Und ich hatte immer das Gefühl, dass da wirklich eine stärkende und schützende Macht mit mir ging. Für mich war und ist der Segen mehr als gute Worte.

Liebe Gemeinde,
heute sind wir ja noch einmal zusammengekommen, weil viele von uns Jahre- oder sogar jahrzehntelang für die Aktion Essen auf Rädern tätig waren. Wir blicken zurück auf das, was war, und wir blicken voraus in die Zukunft. Als ich mir überlegte, über welches Thema wir in diesen Gottesdienst nachdenken könnten, da kam mir der Gedanke: Der Segen müsste es sein. Denn der Segen kommt zum Schluss, der Segen ist das, was wir mitnehmen wollen und mitgeben können, wenn wir Abschied nehmen.

Ich glaube, liebe Gemeinde, jeder und jede von Ihnen wird unterschiedliche Erfahrungen mit dem Segen haben. Vielleicht ging es Ihnen ganz anders als mir.
Aber was bedeutet denn Segen nun eigentlich? Wie können wir ihn als Christinnen und Christen verstehen?

Blicken wir zunächst einmal in die Geschichte zurück: Schon im Alten Testament ist Segen nicht nur Wort, sondern ein Wort, das wirkt, ein Wort, das Auswirkungen, das Folgen hat, genauso wie der Fluch.
Man konnte einen Menschen segnen oder verfluchen. Die Folge des Segens sind Leben und Gedeihen, Glück und Wohlstand, Bewahrung vor Gefahr. Segnen konnten Priester, aber auch andere. Im Prinzip konnte jeder Mensch einem anderen Segen zusprechen. Im Volk Israel wurden die Menschen zu vielen Gelegenheiten gesegnet: bei der Geburt, bei der Hochzeit, zur Begrüßung und zum Abschied oder bei der Einsetzung in das Erbe. Aber der Segen wurde nicht immer und überall verwendet. Er ist etwas Besonderes. Denn Segen hat mit Gott zu tun. Wenn z.B. der Vater den Sohn segnet, um ihn zu seinem Erben zu machen, dann gilt dieser Segen und kann im Nachhinein nicht verändert oder rückgängig gemacht werden, egal, wie sich dieser Sohn schließlich verhält. Denn Gott ist es, der über den Segen wacht.

Im Neuen Testament wird Segen ähnlich verstanden. Der Apostel Paulus sieht alle Menschen, die an Jesus Christus glauben, im Bereich des Segens Gottes, - die, die Jesus Christus ablehnen, hingegen unter Gottes Fluch. Die Christenheit hat den jüdischen Brauch des Segnens beibehalten, den Brauch des Fluchens jedoch nicht weiter verfolgt. Das Verfluchen wurde u.a. als unvereinbar mit den Gebot der Feindesliebe angesehen (1. Kor 4,12 u. a.).

In der evangelischen Kirche unserer Tage kennen wir neben dem vertrauten Segen am Schluss unserer Gottesdienste verschiedene Gelegenheiten, bei denen ein besonderer Segen persönlich zugesprochen wird: der Taufsegen nach der Taufe, die Einsegnung bei der Konfirmation, der Trausegen und andere.

Segnen, also den Schutz, die Hilfe, die Begleitung Gottes zusprechen, können aber nicht nur Pfarrer und Pfarrerinnen, sondern alle Christinnen und Christen. Einen Menschen segnen kann der, der sich selbst gesegnet weiß, der Gott für sein Leben und alles Gute danken kann.
Manche kennen vielleicht noch den Brauch, dass Vater oder Mutter, die im Sterben liegen, ihre Kinder segnen. Mancher gibt vielleicht auch einem lieben Menschen einen Reisesegen mit auf den Weg. Alle, die solchen Segen zusprechen oder annehmen, sind verbunden durch den Glauben, dass Gott eine Wirklichkeit ist in dieser Welt und dass sein Segen darum wirkt. Sie sind verbunden durch den Glauben, dass Gott in unserer Mitte ist, dass er uns umgibt von allen Seiten, dass er seine Hand über uns hält und unter uns.
Gott ist der Grund dieser Welt, die Quelle unseres Lebens. Durch das Zusprechen des Segens kann das für uns spürbar werden.

Der Theologe Fulbert Steffensky erzählt von einem Freund, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Einer der Krankenpfleger, die ihn versorgten, ein junger Mann, sagte zu ihm: „Du machst jetzt gar nichts. Du denkst nicht, du bewegst dich nicht, du sorgst dich nicht.“ Der Freund sagte später: „Die Aufforderung des Pflegers empfand ich in diesem Moment der Gefahr wie einen großen Segen.“

Warum hat der Kranke die Bemerkung des jungen Mannes wie einen Segen empfunden? Steffensky vermutet, dass es die Aufforderung war, sich selbst loszulassen, sich aus der Hand zu geben und den Händen der Betreuer anzuvertrauen, ihnen nicht zu widerstehen, auch nicht durch sorgenvolle Gedanken und Angst machende Vorstellungen. Wie ein Segen wurde die Aufforderung empfunden: „Du kannst dir nicht helfen. Also lass dir helfen.
Vertrau denen, die für dich sorgen.“

Diese Geschichte hat etwas mit Segen zu tun, denn es ist die Haltung, in der wir Segen annehmen können, die Haltung, in der der Segen, der uns zugesprochen wird, in uns wirken kann. Wenn wir Segen empfangen, dann müssen wir aufhören, alles selbst tun zu wollen: uns selbst zu schützen, uns zu ernähren, uns selbst zu heilen, zu trösten, uns selber glücklich zu machen. Das ist - wie wir alle wissen - auch gar nicht möglich, aber wir versuchen es immer wieder und machen uns oft nicht klar, wie sehr wir in jeder Beziehung auf andere Menschen und auch auf Gott angewiesen sind. Wenn wir Segen empfangen, müssen wir passiv sein – einmal nicht nachdenken, nicht hinterfragen und nicht zweifeln, sondern loslassen und vertrauen.

Allein dass wir leben ist ein Zeichen dafür, dass wir unter Gottes Segen stehen. Alles, was wir haben, haben wir ihm zu verdanken: die Erfahrungen, auf die wir zurückblicken, die Art, wie wir reden und schweigen können, die Weise, wie wir jemanden anschauen, jemandem die Hand geben, wie wir uns freuen können und wie wir Leid ertragen, alles das gehört zu dem, was Gottes Segen bei uns bewirkt hat.

Wenn wir segnen, geben wir weiter, was wir von Gott empfangen haben: Leben, Glück, Heil und Trost. Wenn wir gesegnet werden, nehmen wir bewusst das Gute an, das Gott uns geben will, und lassen uns davon erfüllen.

Zum Schluss möchte ich aus einem irischen Neujahrssegen vorlesen. Er ist so gedacht, dass man ihn morgens, beim Aufwachen, sprechen kann, noch bevor man die Augen öffnet.

Den neuen Tag, Gott, segne mir -
so neu, noch nie gewesen!
Voll Dank für deine Gegenwart
sei die Zeit, die du mir gegeben.

Meine Augen segne mir, o Gott,
dass sie loben, was immer sie sehen:
meinen Nachbarn, ich will ihn segnen,
und mein Nachbar segne mich.

Liebe Gemeinde!
Lassen Sie uns den Segen beachten, auch in unserem Alltag, am Morgen, am Mittag, am Abend, bei der Ankunft und beim Abschied, in der Trauer und in der Freude. Im Segen beziehen wir Gott mit ein in unser Leben. Und wir können seinen Beistand stärker spüren, wenn wir segnen und uns segnen lassen. Amen.
Karin Meier