Predigt an 13.11.2011
Predigt über Röm 9,14-29
14 Was folgt nun daraus? Geht es bei Gott etwa ungerecht zu? Gewiss nicht! 15 Denn zu Mose sagt er: Ich werde Erbarmen zeigen, wem ich Erbarmen zeigen will, und Mitleid haben, mit wem ich Mitleid haben will. 16 Es liegt also nicht an jemandes Wollen oder Mühen, sondern an Gott, der sein Erbarmen zeigt. 17 Denn die Schrift lässt Gott zum Pharao sagen: Eben dazu habe ich dich auftreten lassen, dass ich an dir meine Macht zeige und mein Name verkündigt werde in der ganzen Welt. 18 Also zeigt er sein Erbarmen, wem er will, und verhärtet, wen er will. 19 Du wirst mir nun sagen: Was beschwert er sich dann noch? Wer kann sich denn seinem Ratschluss widersetzen? 20 O Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich so gemacht? 21 Hat denn der Töpfer nicht Macht über den Ton? Kann er nicht aus dem selben Stoff das eine Gefäss zu einem Gefäss der Ehre, das andere aber zu einem Gefäss der Schande machen? 22 Wie aber, wenn Gott seinen Zorn zeigen und seine Macht kundtun wollte und deshalb die Gefässe des Zorns, die zum Verderben bereitgestellt sind, mit viel Geduld ertragen hätte, 23 um den Reichtum seiner Herrlichkeit sichtbar zu machen an den Gefässen seines Erbarmens, die er zuvor für die Herrlichkeit bestimmt hat, ...
24 Die er nun berufen hat - und das sind wir -, die stammen nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Völkern, 25 wie er auch bei Hosea sagt:
Die nicht mein Volk sind, werde ich mein Volk nennen,
und die Ungeliebte meine Geliebte.
26 Und es wird geschehen an dem Ort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk,
dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.
27 Jesaja aber verkündet laut über Israel:
Ist auch die Zahl der Söhne Israels wie der Sand am Meer -
der Rest wird gerettet werden.
28 Denn der Herr wird Abrechnung halten auf Erden,
abschliessend und endgültig.
29 Und wie Jesaja vorausgesagt hat:
Wenn nicht der Herr Zebaoth uns Nachkommenschaft gelassen hätte, -
wie Sodom wären wir geworden, und Gomorra wären wir gleichgemacht.
Auch diese Predigt riskiert Kopf und Kragen, da Paulus das Geschick der Juden im Zusammenhang mit dem eigenartigen Gang der Annahme der Christusbotschaft weiterhin beleuchtet: deshalb also erneut das Wagnis einer höchst gefährlichen und fragwürdigen Übertragung sprich Verallgemeinerung dieses Problems. Kommt hinzu das Phänomen, dass Menschen sich Gott so vorstellen, wie er ihnen passt – auch hierfür gilt (wie für so vieles): nichts neues unter der Sonne. Die Überraschung freilich, die sich einstellt, wenn das Bild sich nicht mit der Sache deckt, die weist hin auf ein vom Scheitern bedrohtes Unterfangen, denn wem es nicht von alleine bzw. vom Geist Gottes herkommend einleuchtet, dass sich Gott nicht festlegen lässt und darstellen schon gar nicht – der könnte ja immerhin in der Bibel, im zweiten Gebot, nachlesen, wie Gott eben nicht abgebildet werden darf und ein Mensch, der dem zuwiderhandelt, mit Strafen rechnen muss. Mit dem Zorn Gottes umzugehen fällt ja ohnehin nicht leicht, doch welch andre Möglichkeit bestünde neben der, das Problem zu umgehen und sich von diesem ach so furchtbaren Gott zu entfernen, wegzulaufen und ihn einfach einen guten, hier dann schlechten Mann sein zu lassen, der halt einfach nicht den persönlichen Wünschen entspricht? Natürlich oder eben nicht natürlich: wenn Gott, so wie es im Apostolicum heisst, als der Allmächtige bezeichnet wird: hat er dann nicht auch die Allmacht, darüber zu entscheiden, wer den Glauben annimmt oder nicht – seien diese Menschen nun Angehörige des von ihm erwählten biblischen Volkes Israels, die sich wie von Paulus im Römerbrief erörtert, dem Glauben an den Christus Jesus nicht anschliessen, diesen Glauben nicht haben (besitzen tut ihn ja ohnehin keiner) bzw. deshalb nicht glauben können, weil Gott es bei sich beschlossen hat, eben dass sie das nicht können, selbst wenn sie wollten und sich abmühten? Haben wir in Form der Tatsache bzw. dem Phänotyp, dass Menschen nicht glauben – können oder wollen – das gibt es ja auch heutzutage noch, vielleicht gar in der Kirche: haben wir es also mit einem Diktator zu tun, der nach Lust und Laune sein Wohlwollen verteilt, und den es dabei nicht im mindesten interessiert, wie es um einen Menschen bestellt ist, sei er aufnahmebereit für die Botschaft vom Christus oder irgend fromm veranlagt oder all das nicht? Genau: das alles zählt nicht, fällt hinten runter, und so ist es auch mit der Enttäuschung, ja dem Protest über diese Tyrannei, die sich eben nicht mit der Vorstellung vom lieben Gott deckt.
Der Gedanke – der ein Gedanke Gottes ist, nein, die Tat, der in die Tat umgesetzte, weil von Anfang an geplante – , dass Gottes Allmacht sich in dem Menschen Jesus Christus zeigt, und seine unmittelbaren Zeitgenossen in Palästina damals vor rund 1980 Jahren ahnten, glaubten und erkannten: «Aha, so etwas besonderes haben wir noch nicht erlebt und werdens in dieser Form nicht mehr erleben, das müssen wir weitererzählen und aufschreiben, sonst glaubts uns doch keiner». Genau: wie verträgt und verhält sichs mit dem Gott der Väter, der also auch ganz anders kann, der alles kann, der die Menschen, die nichts von ihm wissen wollen und wissen können – also alle, wir hier inklusive – dass er zumindest einigen das meist ja nur kurze Zeit andauernde Vermögen schenkt: den Schatz im, nein des Himmels…wie sie seine Allmacht in seiner Zuwendung erkennen, er, der Erbarmen zeigt, wem er Erbarmen zeigen will und Mitleid hat, mit wem er Mitleid hat, und in dieser Herablassung, in diesem Auf-die-Menschen-Zugehen seine Allmacht offensichtlich ist obwohl sie…weil sie nicht nötig ist, nötig ist und – weil sie nötig ist, nicht nötig ist. Sie ist frei: Gottes Freiheit. Und ein Wunder, eben dass einige glauben können oder so ähnlich, das ist das grösste Wunder, vielleicht nicht hier und jetzt, doch ab und zu kommt es vor. So zuvorkommend ist dieser Gott, und da kommt es einem nicht zu, zu meckern, wenn er Gott nicht versteht oder so zu tun, als wüsste ers – so wie der, der jetzt zu Ihnen predigt (oder so ähnlich).
Also nichts darauf einbilden, ob Gott einem den Glauben hat zuteil werden lassen oder nicht, keine Einbildung vor Gott, von dem ein Bild zu machen ja verboten ist, und wenn der Gottesmann Paulus hier Bilder gebraucht, in künstlerischer Freiheit, um zu illustrieren, wie der Schöpfer und Töpfer verfährt mit dem Ton und der weichen Masse, die Hirn genannt wird: mit beiden geht er um, wies ihm recht ist und nicht so wies den Menschen gut scheint. Was den Menschen eventuell missfällt wenn scheinbare Willkür und Ungerechtigkeit in Gottes Handeln ausfindig gemacht werden – da ist doch zunächst einmal zu fragen, ob es sich nur um einen Gesichtspunkt, einen Teilaspekt handelt oder ob jetzt die gesamte Existenz und jede einzelne Aktion, die wir ausführen – ob die festgelegt sind? Nein, eben darum geht es hier ja gar nicht, sondern um Gott geht es, um eine Annäherung an sein Wirken, das den Menschen auf immer und ewig fremd bleibt und zu Recht auch so erscheint. Daher und obwohl es dem Paulus zunächst nur um seine jüdischen Mitgenossen geht, die dem Christusglauben reserviert bis ablehnend gegenüberstehen – und allen gegenüber steht Gott, ist Gott, über, in und hinter allem und doch nirgends an einem dieser Orte dingfest, habbar oder erklärbar zu machen. Gott ist so gross und anders, so fremd, dass es einem schon klar werden muss, dass alles was wir darüber denken oder gar meinen ein Witz ist, ein schlechter, ein Wahnwitz, und das ist gar nicht witzig sondern bitterernst. Es geht auf Tod und Leben und, bei aller Bedeutung, nicht allein um die Frage nach der Sonderrolle des biblischen Volkes Israels in Gottes masterplan – darüber sind Christen ja nicht befugt Kommentare und Einschätzungen zu geben, schlicht deshalb, weil Gottes Wort nicht hinfällig geworden ist und der Bund Gottes mit seinem Volk bis auf den heutigen Tag eben nicht aufgekündigt und auch nicht durch einen anderen ersetzt worden wäre. Es geht um das Rätsel, warum Menschen überhaupt einen Platz zugeteilt bekommen in Gottes Kindergarten, unabhängig, wo sie auf der Warteliste stehen, ob sie die Aufnahmekriterien erfüllen oder nicht, ob sie Juden sind oder nicht – und darum ist die Angelegenheit auch für uns von Interesse und hoffentlich so interessant, dass es einen umtreibt, warum nun also gerade er oder sie nicht aushalten kann die nicht anwesende Gegenwart Gottes, und sucht, mithilfe seines menschlichen Leibes, der der Tempel Gottes irgend sein soll: warum da gesucht wird – und was – und so nie zu finden weil: Geistesgegenwart ein hohes Ziel ist, das Gott den Menschen auf dieser Erde gönnt und momentan, um Himmels willen, womöglich noch oder gar nicht, und die Hilfe des Herrn aus meinem Unglauben erforderlich, vielleicht auch aus Ihrem.
Kann, darf Gott also zur Rechenschaft gezogen werden? Wie etwa ihn anklagen und gar verdächtigen, der Ewige habe über das Glauben-Können und die Dienstwilligkeit und auch über alles andere im Leben bestimmt und entschieden, so dass alles schon feststeht, was noch kommt, unser Tun und Lassen programmiert ist und wie ein aufgezogener Wecker seelenruhig – oder eben nicht – abläuft und das wars dann? Ja sicher – doch wo bleiben Gestaltungsmöglichkeiten, und wo vor allem die Verantwortung? Wird die nicht abgeschoben auf Gott, der zwar liebt doch – ja was, Mensch: zornig ist oder in Freiheit liebt und sich darum doch irgendwie an den Menschen bindet, der zwar sein Geschöpf, sein Produkt ist, der das Problem ist und – der seinerseits die Freiheit der Wahl hat, durch sein Verhalten dies immer wieder zu würdigen, den Schöpfer zu ehren und die Wahl anzunehmen.
Alle Menschen stehen also auf einer Linie, und ob sich einer abmüht und als Jude oder Nicht-Jude sich ethisch korrekt verhält und die Gebote hält und selbst wenn es das mit der No. Zwei wäre…was alles richtig und wichtig und Pflicht ist – den Ausschlag gibt es nicht. Und Gott interessiert sich erst einmal auch nicht dafür. Nicht weil er nicht korrumpierbar wäre – das trifft ja ebenfalls nicht zu –, doch weil er völlig autonom, unabhängig ist und – eben deshalb gnädig. Mit seinen Geschöpfen gnädig umgeht, mit den Gefässen des Zorns und mit den Gefässen des Erbarmens. Es gibt keine Vorzüge, jeder als Jude, Christ oder was wir, nicht Gott!, dafür halten – jeder wird gebraucht von Gott um zu zeigen, woran wir sind: am in Freiheit liebenden Gott (Karl Barth), der die Gefässe erträgt und nicht vernichtet. Obwohl er könnte und eigentlich müsste. Nach menschlichen Massstäben. Doch Gott handelt eben nicht linear sondern Souveränität ist sein Markenzeichen so wie es das Unerwartete auch zutrifft. Darum läuft alle Kritik ins Leere, wonach wir es etwa mit einem ungerechten Gott zu tun hätten, denn dann müsste, der ja treu ist und seine Versprechen im Guten und im Gericht hält und den Inhalt des Bundes nach Geist und Buchstaben erfüllt: er, Gott, wäre gar nicht verpflichtet, Langmut und Nachsicht den Menschen gegenüber an den Tag zu legen, seien diese Juden zuerst oder anderweitig gottesfürchtig, d.h. aufgegleist zur Umkehr. Gottes Ansichhalten dient auch dazu, in einem zweiten Schritt, dass jeder, wo immer er oder sie stehen mag, ob er Mose oder Pharao wäre: alle sollen Gelegenheit haben, wie Gott mit den anderen, hier den Nicht-Juden und damit sind ja für Paulus die berufenen Christen gemeint, die vormals nichts am Hut hatten mit dem Gott Israels, der sich im Christus zeigt und mitteilt: dass er mit diesen armseligen Geschöpfen – uns also –, dass die auch nur als Folie dienen, um zu demonstrieren, welche Grösse Gott hat, indem er sich ganz klein macht, die Menschen erwählt, zu seinen Bundespartnern – indem er sich selbst verwirft, aus Zuwendung, und damit das Urteil spricht: gerettet weil verloren.
Wie aus einem Alptraum wachgerüttelt und dies auf Tod und Leben, wo alles nach unten gezogen wird und wir selber alles nach unten ziehen und uns nichts sagen lassen wollen, einen Bogen machen um vielleicht unbequeme Wahrheiten, die einen durchs Leben tragen und darüber hinaus. Die, weil sie den Blick öffnen, den Sprung versperren in den Abgrund und Gott die Hand dazwischen und uns vor die Augen hält, damit wir ihn, in den Felsspalten und Sackgassen des je persönlichen Lebens stehend: das wir da erkennen, wie Gott alles und wir nichts machen können gegen diese unwiderstehliche Gnade, mit welcher sich Gott den Menschen…Ihnen, dir und mir…gnädig erweist, und indem er uns an sich bindet – sich selbst an uns bindet und festlegt: jawohl, du Mensch, hast, am Ende der Tage, Anteil an meiner Herrlichkeit. Ob du willst oder nicht. Amen.
Jost Harzer
verwendete Literatur:Karl Barth Der Römerbrief (zweite Fassung, 1922), Zürich 2005Matthias Krieg et al. Glauben12, Zürich 2005Matthias Krieg (Hrsg.) Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel, Zürich 2010