Predigt an Heiligabend
Text: Mt 1, 18-21 Gut, dass es den Josef gibt!
Liebe Gemeinde!
Mit Konfirmandengruppen habe zusammen habe ich schon öfter überlegt, was für sie zu Weihnachten unbedingt dazugehört: Über Familie und Geschenke, Schulferien, gutes Essen, Besuche von den Großeltern und Freunden waren sie sich schnell einig. Aber dann wird's komplizierter: Was von den vielen anderen weihnachtlichen Bräuchen gehört denn nun eigentlich zur biblischen Weihnachtsgeschichte?
Völlig sicher sind sich alle immer bei Maria, Joseph, dem Kind, den Hirten und den Engeln. Und dass das Kind in Windeln gewickelt ist, das steht ja auch ganz genau drin, in der Geschichte des Lukas.
Aber dann sind manche erstaunt: Was, Ochs und Esel kommen in der bekannten Weihnachtsgeschichte von Lukas nicht vor, das gibt’s doch nicht. Ähnlich ist es mit Wirt, den wir aus unzähligen Krippenspielen kennen, der immer so schön die Türen zuschlägt, - er wird nicht erwähnt in der biblischen Weihnachtsgeschichte. Und auch der hell leuchtende Stern kommt im Lukevangelium nicht vor.
Keine Tiere, kein Wirt, kein Stern, das hätte man nicht gedacht.
Aber eigentlich ist es kein Wunder, denn wir hören bei dieser Geschichte ja immer auch das mit, was sie uns bedeutet.
Die Weihnachtsbotschaft, gerade die bekannten Worte aus dem Lukasevangelium, hat sich in unseren Köpfen und Herzen verselbständigt. Das was wir von ihr aufnehmen, gibt wieder, wonach wir uns sehen: nach einer heilen Familie, einem guten Stern, der uns leitet, nach dem Glauben der Hirten, nach Kindheit und Heimat und einer besseren Welt. Wunderbar, wie diese Geschichte in uns lebt.
Da ist uns schon eher fremd, wenn einer von der Geburt Jesu in ganz schlichten und knappen Worten schreibt. So drückt der Evangelist des Matthäusevangeliums es aus, dass Gottes Ankunft in dieser Welt das ganz andere Ereignis ist, anders als wir es erwarten.
Hören wir den Predigttext:Mt 1, 18-21 (Jesu Geburt)
18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.
19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.
20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.
21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Liebe Gemeinde!
„Schwanger vom heiligen Geist“ - Für unsere heutigen Ohren klingt das anstößig und irritierend.
Wie mag das für Josef geklungen haben? So etwas hatte er noch nie gehört. Was sollte er tun?
Natürlich: Zunächst einmal erging es Josef so wie vielen Männern. Die Schwangerschaft ihrer Frau oder Freundin ist eine fast unbegreifliche Wende in ihrem Leben und in der Beziehung. Sie können sich das einfach nicht vorstellen, wie das sein wird, Vater zu sein. Frauen erleben, wie das Kind in ihnen wächst. Männer können neun Monate lang nur zuschauen. Sie sind erst mal außen vor. Natürlich versuchen sie, ihre Frauen zu verstehen, aber das ist nicht leicht.
So erging es auch dem Josef. Er war verunsichert.
Und zur Schwangerschaft gesellen sich bei Maria und Josef auch noch Probleme, die bis heute aktuell sind: Es ist nicht die richtige Zeit zum Kinderkriegen. Das Einkommen reicht nicht aus, die Beziehung ist nicht geordnet. Zum Heiraten hatte es bei Josef noch nicht gereicht. Das kostete nämlich Geld.
Und als die Leute Marias Bauch wachsen sahen, gab es Gerede. Musste das denn ausgerechnet jetzt sein!?
Aber Kinder kommen bekanntlich selten zur rechten Zeit.
Der Evangelist bewahrt die dunkle Stunde des Josef in dieser Geschichte auf, die wir eben als Predigttext gehört haben.
„Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringe, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.“ Josef hat also tatsächlich erwogen, sich still und heimlich davonzumachen – und Maria mit dem Problem allein zu lassen. Es wäre sogar sein Recht gewesen! Ein schönes Recht!
„Aber was wird dann aus Maria und mir, aus unserer gemeinsamen Zukunft, aus unserer Liebe?“, so wird Josef sicher auch überlegt haben. Josef ist unsicher. Was soll er tun?
Liebe Gemeinde! Josef ist mir sympathisch. Das könnten doch wir sein, wir alle, die wir ja auch oft vor Problemen stehen und nicht wissen, was wir machen sollen. Es könnten wir sein, die sich in ihren Ehen und Partnerschaften auch manchmal unsicher sind und nicht wissen, wieweit sie dem anderen trauen können. Josef hat genau die Fragen gehabt, die uns auch bewegen würden in seiner Lage:
Maria ist schwanger! O Gott! Werde ich dem gewachsen sein? Und dann sagt sie, es sei ein besonderes Kind! Ein Kind Gottes. Wie soll das zugehen? Ein göttliches Kind? Ist das nicht zuviel für mich? Ich bin nur ein Handwerker! Könnte ich diesem Kind ein Vater sein? - Oder soll ich Maria diese Geschichte vielleicht nicht glauben?
Josef findet keine Lösung. So einfach gibt es aus dem Durcheinander keinen Ausweg. Er braucht einen Hinweis von oben, der ihm sagt, wie es weitergehen soll.
Und darum greift Gott ein, so erzählt uns der Evangelist Matthäus. Im Schlaf zeigt er dem ungewollten Vater, was er tun kann und soll.
Josef träumt, wie damals schon sein gleichnamiger Urahn immer wieder geträumt hatte. Und wie dieser ist er offen für das, was Gott ihm durch den Traum sagen will.
„Siehe, der Engel des Herrn erschien Josef in einem Traum.“
Er hat den Auftrag, Josef darüber aufzuklären, was Gottes Wille ist. „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen.“
Da war für Josef die Sache klar. Und so wurde er der Vater von Jesus, mit allem, was dazugehört. Josef tat, was nötig war. Er hat sich für die Liebe zu Maria entschieden. Er hat beschlossen, bei ihr zu bleiben. Das Kind kam zur Welt. Und Maria und Josef blieben zusammen und hatten später noch weitere Kinder.
Liebe Gemeinde, an dieser Stelle fragen ja viele Menschen genau nach, wie es denn nun wirklich war. War nun Josef der richtige Vater oder war es ein anderer? Aber so genau legt sich die Bibel hier nicht fest. Was denn nun wirklich mit Josef und seiner Vaterschaft ist, das bleibt in unseren Texten immer eigenartig in der Schwebe.
Eines aber ist wohl klar: Wenn Gott beschließt, selbst zu den Menschen zu kommen, dann können Menschen das nicht in die Wege leiten. Gottes Gegenwart ist nicht machbar. Darum das Geheimnis um die Geburt Jesu. Das Geheimnis, mit dem schon Josef zu tun hatte. Und bei so geheimnisvollen Dingen war es ja kein Wunder, dass er sich dem auch nicht sofort gewachsen fühlte, dass ihm die ganze Sache nicht geheuer war. Erst einmal zeigte er kein Vertrauen und keine Freude, sondern Skepsis.
Anders als Maria, anders als die Engel und auch die Hirten:
Josef jubelt nicht. Er schweigt beharrlich in unserer Weihnachtsgeschichte. Es dauert, bis Josef zum Vater des Jesuskindes wird.
Liebe Gemeinde, ich finde das tröstlich. Eine der Hauptpersonen der Weihnachtsgeschichte macht keine großen Worte. Er ist da, er tut das Nötige –
auch wenn er nicht versteht, was hier vorgegangen ist: weil er merkt, dass er von Maria nicht lassen will, und weil er gebraucht wird.
Wir können auch auf Josefs Art Weihnachten feiern. Schweigsam, mit stillem, staunenden Kopfschütteln vielleicht, und mit der Frage: wie komme ich hinein in diese Geschichte? Was hat sie eigentlich mit mir zu tun?
Es war ja damals klar: Ohne seinen menschlichen Vater hätte das Kind Jesus keine Chance gehabt zum Leben. Er war ja der Beschützer, der Versorger. Und so wird er ja meistens auch dargestellt. Er steht an der Krippe, legt vielleicht seine Hand schützend um Maria, oder hat den Wanderstab in der Hand.
Josef ist die Person aus der Weihnachtsgeschichte, die uns nahe geblieben ist, weil sie nicht in den Himmel gehoben wird.
Keine Verklärung um Josef! Nicht mal ein schönes Gesangbuchlied gibt es über den Josef, eigentlich schade! Ein Zeichen dafür, dass Josef oft übersehen wird.
Dabei kann uns gerade der Josef ein Beispiel sein, dass Gott uns ganz normale Menschen braucht, damit er zur Welt kommen kann, damit er dasein kann für alle Menschen, auch heute und nicht nur an Weihnachten.
Vielleicht kann uns der Josef heute Abend Mut machen. Die Väter z.B. kann der Josef ermutigen, dass die Unsicherheit am Anfang dazugehört und dass sie gebraucht werden,
nicht nur als finanzielle Versorger, sondern mit ihrer Liebe und Fürsorge – als Väter eben. Josef traut sich zu handeln, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er ernährt seine Familie als Zimmermann und hat das Handwerk sicher auch an seinen Ältesten weitergegeben. Er tut, was er kann. Und das ist viel. Er versucht nicht, der außergewöhnliche Vater eines außergewöhnlichen Kindes zu werden. Ich denke, auch dieses „zu sich-selber-stehen“ können wir von Josef lernen. Gott kann den Josef so gebrauchen wie er ist, und gerade deswegen – und uns auch.
Auch als ganz normale Mutter, die manchmal die Geduld verliert,
- auch als Vater, der durch eine aufreibende Berufstätigkeit seine Kinder kaum erlebt und sich oft ein wenig fremd zuhause fühlt.
- auch als Tochter, die sich mit ihren Eltern nicht versteht und so früh wie möglich von zuhause weggehen will,
- auch als Frau in den mittleren Jahren, die merkt, dass sie in ihrem Beruf nicht mehr zurechtkommt,
Gott kann auch mich gebrauchen, so wie ich bin und genau da, wo ich lebe. Ich muss dafür nichts Besonderes tun. Und wenn ich wirklich nicht weiß, was ich machen soll, dann wird mir Gott ein Zeichen geben, wo er mich braucht.
Josef macht keine großen Worte. Er ist da. Er spürt, das Gott mit Maria und dem Kind ist. Er gesteht sich ein, dass er die beiden liebhat. Und er beschließt, ihnen treu zu bleiben.
So kommt Gottes Liebe auch bei Josef an. Und so konnte es Weihnachten werden, damals und heute wieder.
Gut, dass es den Josef gibt. Amen.
Karin Meier