Predigt an Karfreitag 2007

Predigt an Karfreitag 2007, Text: Joh 19, 17-30 Einer für alle

Liebe Gemeinde!

Karfreitag bedeutet, so heißt es: Es ist einer für alle gestorben. Jesus starb für die Sünden aller Menschen - also für die Sünden der Menschen aller Zeiten. Karfreitag ist in unseren Kirchen von Erlösung die Rede, und davon, dass Jesus stellvertretend für uns gelitten hat. Wir erinnern uns an die Kreuzigung Jesu und an seinen Tod und verbinden damit die Aussage, dass er auf sich genommen hat, was sonst alle treffen würde. Also den Gedanken, dass Jesus an unserer Stelle bestraft wurde.

Liebe Gemeinde, solche Formulierungen verstehen sich nicht von selbst. Vielleicht waren sie einmal für alle verstehbar - inzwischen jedenfalls sind sie es nicht mehr. Wenn wir von Stellvertretung und von Erlösung sprechen, müssen wir sagen, was wir damit meinen. Das will ich versuchen. Ich gehe dabei von einem Ereignis aus, das noch nicht 2000 sondern erst gut 50 Jahre her ist: Ich meine die Leidensgeschichte des polnischen Paters Kolbe.

Maximilian Kolbe ist im August 1941 im Hungerbunker des Konzentrationslagers Ausschwitz gestorben. Er war einer von zehn Häftlingen, die zur Strafe dafür, dass ein anderer Gefangener aus dem Lager ausgebrochen war, zum Tod durch Verhungern verurteilt worden waren. Die Auswahl dieser zehn war zufällig und willkürlich; sie hatten mit der Flucht des einen nichts zu tun. Das Besondere am Schicksal des Paters Kolbe ist nun, dass er es freiwillig auf sich nahm: Er bat den Kommandanten des Lagers, anstelle des Häftlings Gajowniczek in den Tod gehen zu dürfen. Der habe Frau und Kinder. Er, Kolbe, sei allein. Man gab seiner Bitte statt. Der, den sein Schicksal eigentlich getroffen hätte, hat den Krieg überlebt.

In diesem erstaunlichen Vorgang steckt mehr als ein Tausch. Es steckt mehr darin als die Tatsache, dass einer einen anderen vor dem Tod bewahrt, indem er an dessen Stelle stirbt. Der Tausch ist zugleich eine Unterwanderung jenes Systems, in dem so sinnloses Sterben verfügt wird. Indem Häftling Nr. 16670 für den Häftling Nr. 5659 eintritt, gibt er den anderen, die im System nur als Nummern in Erscheinung treten, ihr Gesicht zurück.
Es wird plötzlich deutlich, dass hier nicht bloß zehn Eintragungen aus einem Register verschwinden, sondern dass es Menschen sind, die um ihr Leben gebracht werden. Dies jedenfalls steckt als Möglichkeit in Kolbes Bitte, für einen anderen sterben zu dürfen. Sie kann dem System gefährlich werden.

Wir können uns vorstellen, dass von dieser Bitte selbst die SS-Leute irritiert waren. Immerhin wurde ja der Bitte stattgegeben. Der Häftling Gajowniczek blieb am Leben. Weitere sichtbare Folgen hat das Opfer Maximilian Kolbes zunächst nicht gehabt.

Die tatsächliche Befreiung, die Pater Kolbe im August 1941 erreicht hat, hat zur Überwindung des nationalsozialistischen Systems nicht hingereicht. Zunächst ist es nicht mehr als die Tat eines Einzelnen, die einen Einzelnen gerettet hat.
Aber immerhin enthält sie die Erinnerung daran, dass einer etwas tun kann, was für alle von Belang ist. Denn es könnte sein, dass die Henker die Erinnerung daran nie ganz losgeworden sind. Vielleicht ist ihnen plötzlich klargeworden, was sie da eigentlich tun.

Eine weitreichende Bedeutung gewinnt das Opfer Maximilian Kolbes dann, wenn andere sich von ihm betroffen machen lassen. Und das gleiche gilt, so meine ich, für den Tod Jesu am Kreuz von Golgatha.

Die Aussage, dass einer für alle gestorben sei, bedeutet gar nichts, solange es bloß bei dieser Aussage bleibt.

Denn tatsächlich sterben nach wie vor Menschen den Tod, den Jesus gestorben ist:
Nach wie vor werden Menschen verraten und verkauft wie er. Nach wie vor werden sie in ihren einsamsten und angstvollsten Stunden allein gelassen - wie Jesus im Garten Gethsemane von seinen schlafenden Jüngern.
Menschen werden im Stich gelassen von Freunden, die plötzlich vorgeben, sie nicht zu kennen - wie Jesus verleugnet wurde von Petrus.
Nach wie vor werden Menschen unter der Folter verhört, werden ausgelacht und angespuckt,
brechen unter fremder Last zusammen wie Jesus
und werden hängen gelassen wie er,
begafft und verschrien, bis sie dann unter Qualen sterben.

Und nach wie vor finden sich die anderen Menschen, die nötig sind, um das alles stattfinden zu lassen: die Verräter und die Gleichgültigen, die Vergesslichen und die Brutalen, die Spötter und die, die andere verachten, die Folterknechte und die, die große Reden führen.

Für sie alle ist Jesus gestorben, und es ist umsonst, dass er für sie gestorben ist, wenn sie es nicht begreifen und nicht wahrhaben wollen.

Nur wenn sein Tod verhindert, dass andere denselben Tod sterben müssen, nur wenn die Henker dieser Welt im Angesicht des Kreuzes Jesu den Strick fallen lassen, ist er für sie gestorben, hat sein Sterben auch für sie einen Sinn.

Einer für alle?

Ja, für alle, die sich durch ihn davon befreien lassen, sein Leiden und sein Sterben zu wiederholen. Und für alle nicht, die sein Kreuz nur in Kirchen und Kunstausstellungen entdecken.

Jesu Sterben hat keinen Sinn für die, die ihn lediglich einen Heiligen sein lassen,
aber es hat einen Sinn für die, die in ihm einen Menschen erkennen, der unter Menschen gelitten hat.

Es hat einen Sinn für die, die sich von diesem Sterben betreffen lassen, für die, die auf einmal merken, dass sie ja ganz genau solche Menschen sind, wie die, die dabei waren, als Pilatus mit dem Volk verhandelte, und schrien „Kreuzige ihn“. Jesu Sterben hat einen Sinn für die, die erkennen, dass sie auch keine besseren Menschen sind als die, die dieser Kreuzigung zuschauten und bei sich dachten: „Geschieht ihm doch recht.“
Jesu Sterben hat einen Sinn für alle die, die plötzlich merken,
dass dieser Tod mit ihnen zu tun hat,
mit ihrer Nachlässigkeit,
ihrer Lieblosigkeit,
ihrer Gleichgültigkeit,
mit ihrer geheimen Freude am Unglück anderer
und ihrer Angst um ihr eigenes Gut und Geld und Leben.

Jesus ist für uns gestorben.
Für uns, die wir manchmal zurückschrecken und uns abwenden vor dem Leiden anderer, weil wir merken, dass genau das auch uns selbst treffen könnte,
und so besuchen wir den anderen nicht,
hören ihm nicht zu,
rufen ihn nicht an,
denken gar nicht mehr an ihn
und beruhigen uns mit dem Gedanken,
wir hätten ja schließlich genug eigene Sorgen.

Jesus ist für uns gestorben.
Und ob es umsonst war oder nicht, das muss sich erst noch erweisen.
Das Leiden Jesu ist keine Geschichte aus der Vergangenheit,
Karfreitag ist heute und auch morgen, und es ist noch nicht vollbracht.

Die Leidensgeschichte geht weiter, liebe Gemeinde,
in dieser Welt. Denken wir nur an die Gefangenen in Guantanamo, an die Not der Menschen in Afrika, die z.T. versuchen, übers Meer nach Europa zu gelangen, denken wir an den krieg im Irak, dem täglich dutzende Menschen zum Opfer fallen. Diese Leiden sind nicht gottgewollt. Menschen lassen sie zu. Menschen sind verantwortlich. Auch wir. Denn wir schauen oft zu und protestieren nicht. Wir hören von Ungerechtigkeiten und sagen: „Ja, da kann man nichts machen.“ Wir verfolgen die Bilder der Not im Fernsehen und schalten dann um zum nächsten Film. Zuviel Leid. Zuviel Not. Zuviel Elend.

Die Leidensgeschichte geht weiter.
Aber manchmal kommt es vor, dass Menschen hellhörig werden und sich sagen: „Das darf doch so nicht sein.“
Manchmal kommt es vor, dass Menschen aufwachen und erkennen: „Es hat keinen Sinn, andere leiden zu lassen in der Hoffnung, man würde dann selbst verschont.“
Manchmal kommt es vor, dass Menschen freiwerden,
dass Menschen mutig werden, wenn sie Not und Unrecht mit ansehen, und beginnen, für das Leben zu kämpfen und dafür, dass jeder Mensch in Liebe und Geborgenheit aufwachsen und leben kann und niemand mehr verlassen stirbt.
Seit Jesus gelebt hat und gestorben ist, kommen Menschen zur Besinnung und kehren um. Seit Jesus gestorben ist, vertrauen Menschen darauf, dass Gott auch im Leiden an ihrer Seite ist.

Möge das Sterben Jesu auch uns und viele Menschen unserer Tage ins Nachdenken bringen und zum Handeln ermutigen.
Denn dann geschieht Ostern, dann wird Gottes Macht wirksam, dann entsteht Hoffnung gegen den Tod. Amen.

K. Meier