Predigttext für den 19.04.2009

Predigttext für den 19.04.2009, Albert-Schweitzer-Gemeinde Wiesbaden-Biebrich

Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an den Predigttext (Joh 2,1-11) von vor ein paar Wochen (18.01.2009),
als es darum ging, wie auf Jesu Zuruf an der Hochzeit in Kana Wasser zu Wein wurde. Die damalige Geschichte war,
wie es im Evangelium nach Johannes ausdrücklich heisst, das erste Zeichen, welches der Mann aus Nazaret getan
hat - und wenn wir die Sonderfälle des Prologs und des später angefügten Nachwortes vernachlässigen: dann bildet
unser heutiger Predigttext das letzte Wunder Jesu, wie es vom Evangelist Johannes überliefert wird. Insofern ist diese
Geschichte sowohl der Abschluss dieser durchkomponierten Lektüre als auch der Zielpunkt des irdischen Wirkens
Christi - und zwar des nach seinem Tod auferstandenen Christus…und wie er dem harten Kern seiner Anhängerschaft
erscheint. Hören Sie nun also die Worte der Verse 19 bis 29 aus dem 20. Kapitel des Evangeliums nach Johannes…
Joh 20,19-29
Es war aber am Abend des ersten Wochentages - die Jünger hatten dort, wo sie waren, die Türen aus Furcht vor den
Juden verschlossen -, da kam Jesus und trat in ihre Mitte, und er sagt zu ihnen: Friede sei mit euch!
Und nachdem er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite; da freuten sich die Jünger, weil sie den
Herrn sahen. Da sagte Jesus noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich
euch. Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an, und er sagt zu ihnen: Heiligen Geist sollt ihr empfangen!
Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten.
Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus (= Zwilling) genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da
sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der
Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen
kann, werde ich nicht glauben. Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen.
Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! Dann sagt
er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine
Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben!
Sie merken also: auch hier geht es zunächst einmal wieder um den Glauben an sich bzw. die Schwierigkeit, wie
geglaubt werden kann. Ohne jetzt erneut die langatmige Theorie aufzuwärmen, welche pädagogische Funktion die
Zeichen und Wunderhandlungen Jesu dabei spielen, bleibt jedoch festzuhalten, dass es sich beim Jünger Thomas um
eine verschärfte Variante von Zweifel und Skepsis handelt. Während seinen Kameraden schon genügt, den
auferstandenen Jesus und die Spuren seiner Kreuzigung mit den Augen zu sehen, da brauchts bei Thomas als weitere
Bestätigung noch des Tastsinnes, um sicher zu sein, in dieser nachösterlichen Begegnung auch den richtigen Christus
vor sich zu haben und nicht etwa einen Doppelgänger, Aufschneider oder einen Witzbold. So verständlich solch ein
Bedürfnis nach Gewissheit sein mag - Jesus wirkt zumindest leicht genervt, wenn er Thomas nach dem Motto: «dann
mach halt!» auffordert, dieser Schwäche nachzugeben und ihn zu berühren. Ähnlich einem Menschen, der die Parole
von Lenin: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!» allzu sehr verinnerlicht hat und doch um die Unsinnigkeit einer
zwanghaften Handlung weiss und trotzdem immer wieder nachprüft, ob die Herdplatte ausgeschaltet ist: so ist auch
Thomas hinterher irgendwie erleichtert, als er das erhoffte Ergebnis, eben Jesus, vorfindet…und andrerseits doch
enttäuscht über sein mangelndes Vertrauen. Selbst wenn er anschliessend fast erschrocken bekennt: Mein Herr und
mein Gott!
, so wird er doch von Jesus, ja, fast schon getadelt, weil er nicht gläubig ist, sondern nur glaubt, weil er
gesehen hat und seine Körpersinne die eigentliche Arbeit geleistet haben.
So weit so gut bzw. nicht ganz so, denn mit dem Glauben an sich ist es erst einmal gar nicht so einfach, das weiss
jeder von Ihnen aus eigener Erfahrung, und viele kennen die Tatsache, dass es mit dem Glauben-Können und
Glauben-Wollen gar nicht so einfach ist, es da Höhen und Tiefs gibt - was nicht weiter verwunderlich ist, denn
schliesslich handelt es sich um ein Geschehen, welches sich nicht von selbst einstellt, sondern nur deshalb in Gang
gesetzt wird, weil der Anfangsimpuls von Gott ausgeht und wir Menschen darüber nicht verfügen können, schon gar
nicht nach Belieben und wann es uns passt. Verkompliziert wird dieses Problem dann zusätzlich, wenn, wie im
Predigttext, der auferstandene Jesus der Gegenstand ist, an den geglaubt werden soll - also ein Mensch, der doch
schon hingerichtet und tot war und deshalb auf der Erde nichts mehr zu suchen hat. So: und genau diese erstaunliche
Person sucht weiterhin seine Leute, besucht sie ein letztes Mal, und trichtert ihnen (und an prominenter Stelle dem
Zweifler Thomas) ein, worauf es ankommt: sei nicht ungläubig, sondern gläubig - und gibt als Schlusswort die Devise
aus: Selig, die nicht mehr sehen und glauben. Damit sind letzten Endes auch wir hier gemeint und angesprochen -
und welch ein unüberwindbares Hindernis ist gerade für den modernen und naturwissenschaftlich denkenden
Menschen die Tatsache, dass ein gestorbene Person a) nach drei Tagen wieder lebendig sein soll und sich b) an
diesen Umstand eine ganze Glaubensbewegung festmacht. Diese Argumente kennen Sie so oder ähnlich sicherlich
und sie sind auch nicht neu, sondern begleiten das Christentum fast schon von Anfang an und gehören in bestimmten
Kreisen quasi zum guten Ton. Inwieweit solche Einwände berechtigt oder sinnvoll sind, dazu kommen wir später.
Der erste Satz, den Johannes in seiner frohen Botschaft dem auferstandenen Jesus bei seinem Wiedersehen mit den
Jüngern in den Mund legt - er lautet vermutlich nicht zufällig: Friede sei mit euch! Jetzt, in den letzten Aktionen, lässt
Jesus seinen Jüngern Frieden zurück und gibt ihnen seinen Frieden. Vorderhand mag damit die Minderung der Furcht
vor «den Juden» gemeint sein, die die verschlossenen Türen erklärt (die bekannte antijüdische Polemik des
Evangeliums nach Johannes ignorieren wir hier der Einfachheit halber einmal). Der Friede jedoch, den Jesus
hinterlässt, das ist sein Friede, den er gibt. Also nicht ein Friede, wie ihn die Welt gibt (und was wir so im allgemeinen
darunter verstehen - obwohl das selbstverständlich dazugehört) - es ist die Zusage, dass sich das Herz der Jünger
nicht erschreckt und sie nicht verzagen sollen (frei nach Joh 14,27). Das hat er ihnen gesagt, damit sie Frieden haben
in ihm - und das gilt für uns ebenso: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden -
sagt Jesus an anderer Stelle (Joh 16,33).
Wann, wenn nicht in der Tatsache der Auferstehung, wird dieser Ausspruch des Mannes aus Narzaret zu einer
Wahrheit, die eben nicht mit den Massstäben der Welt, wie wir sie kennen, einleuchtet, sondern nur im Glauben.
Insofern ist Thomas der Prototyp des Christen, der nur im Glauben Wunder sieht, das Wunder der Auferstehung.
Anfangs irritiert, doch dann aus ganzem Herzen und voller Überzeugung ruft dieser Skeptiker, der er ist und dabei
beispielhaft der gewöhnlichen menschlichen Natur entspricht, eben er verkündet den entscheidenden Satz: Mein Herr
und mein Gott
- und bestätigt so die Selbsteinschätzung Jesu, die er weiter vorne im Evangelium nach Johannes von
sich gibt: Ich bin das Licht und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Auch und gerade, nachdem er gestorben ist:
wenn Jesus nach seinem physischen Tod den Jüngern erscheint, so ist das ein Zeichen dafür, dass Gott ihn nicht dem
Tod überlässt, sondern den Mann aus Nazaret, den Menschensohn, in sein, also Gottes Leben integriert, weil nämlich
Gottes Existenz weder Anfang noch Ende kennt und für einen göttlichen Tod in diesem Konzept kein Platz ist. Ein
Geheimnis, welches gleichzeitig ein Phänomen ist und das in den Evangelien und auch bei Paulus immer wieder zur
Sprache kommt und in (schriftlich fixierte) Worte gefasst wird - darin wird die Gottessohnschaft bestätigt, glaubwürdig,
bezeugt und im Glauben bekannt.
An diesem Knackpunkt scheiden sich die Geister und wird es für uns interessant: glauben wir das und akzeptieren das
Zeugnis jener, die zeitlich und räumlich näher am Geschehen dran waren, auch wenn sie (wie die Autorengruppe des
Evangeliums nach Johannes) nicht direkte Augenzeugen waren und zwangsläufig mündliche und schriftliche Berichte
über dieses Wunder schlechthin übernommen, verarbeitet und kommentiert haben? Fürs erste bleibt uns gar nichts
anderes übrig, wenn wir an dieser Stelle nicht abbrechen wollen, und deshalb machen Sie sich zum besseren
Verständnis nun einmal die frühchristliche Deutung der sogenannten johanneischen Schule zu eigen und haben Sie
dabei im Hinterkopf, dass die allgemeine Stimmung am Ausgang des ersten Jahrhunderts ein Ende der Zeiten
erwartete, ein Ende der Zeiten, welches bei aller Bedrohlichkeit von Klimawandel, ökologischen Kollaps und Finanzund
Wirtschaftskrise eine ganz andere Qualität hatte - weil sich die damaligen Menschen in ihrem inneren und
äusseren Wesen ziemlich bedroht fühlten und eine epochale und endgültige Wende hin zum Guten, zu Gottes shalom,
erwarteten. In dieser Situation wird Gottes Handeln in der Auferstehung Jesu so verstanden, dass damit eine
buchstäblich neue Schöpfung beginnt, in der neue Massstäbe gelten, wo alles anders ist, vor allem: grundverschieden
von dem, was wir nachgeborenen und modernen Leute uns denken oder vorstellen können und gerade deshalb an
dieser Idee Gottes festhalten müssen - so sehr sich der Verstand dagegen sträuben mag. Dieser Zustand, dieses
grosse Finale, ist dann das, was der Seher Johannes - er ist nicht zu verwechseln mit dem Verfasser des
gleichnamigen Evangeliums - als das neue Jerusalem bezeichnet oder in weniger verschlüsselten Worten als das Reich
Gottes.
Nun ist es bis dahin noch ein weiter Weg und allzu weit sind wir Christen nach zweitausend Jahren nicht gekommen,
etwa so, dass gesagt werden könnte: wir haben unseren Auftrag hinreichend erledigt und uns (als Organisation
«Kirche») überflüssig gemacht…denn daran sollte hin und wieder erinnert werden, dass die Kirche keine ewige und die
Zeiten überdauernde Einrichtung ist, sondern nur Mittel zum Zweck: um Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit zu
verwirklichen und Gottes Entwurf einer Lebensordnung, in der alle Geschöpfe zu ihrem Recht kommen, wenigstens in
Ansätzen in die Tat umzusetzen. Sie sehen also, da bleibt noch allerhand zu tun, und im weitesten Sinne ist damit das
gemeint, was Jesus sagt: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Freilich, der Jesus, wie das Evangelium
nach Johannes ihn zeichnet: er hat damit in erster Linie das im Blick, was er weiter vorne, vor seinem irdischen Ende,
von seinem himmlischen Vater erbittet (Joh 17,18f): Heilige sie (d.h. die Jünger) in der Wahrheit - dein Wort ist
Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und heilige mich für sie,
damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit. Doch nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für die, welche
durch ihr Wort an mich glauben.
Was bedeutet das? Doch wohl, dass zunächst durch die mehr oder minder
durchgängige Kette der Weitergabe dessen, was Jesus gelehrt und gelebt hat, seine Botschaft bis in die Gegenwart
frisch bleibt - inklusive des Auftrags, dieser seiner Vorstellung nachzujagen, bis das Reich Gottes endgültig errichtet ist
- ohne, um es noch einmal zu betonen, dass wir menschlichen Wesen genau wüssten, wie es sich dann konkret
präsentiert. Die Sendung der Jünger ist also die Fortsetzung der Mission Jesu, die vom Vater ausgegangen ist, und in
dieser Sendung der Jünger (und immer mitgedacht auch uns), steckt der Gedanke der Erwählung, so wie Johannes es
Jesus sagen lässt (Joh 15,16): Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass
ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt, damit euch der Vater gibt, worum ihr ihn in meinem
Namen bittet. Dies gebiete ich euch: dass ihr aneinander liebt.
Die Erwählung geht von Jesus und damit letztlich keinem geringeren als von Gott aus und verpflichtet quasi zum
Aufbruch, zum Wirken in der Welt, und dies, obwohl Jesus wiederholt behauptet, dass die Jünger, wir, seine
Erwählten, genauso wenig von der Welt sind wie der Menschensohn selber (z.B. Joh 17,16). Das klingt alles
zugegebenermassen recht verwirrend und ist nicht leicht zu verstehen, doch vielleicht so (oder deshalb), weil die Welt,
also der gewöhnliche, nicht- oder schwachgläubige Mensch weder Gott erkennen noch aus eigenen Stücken Gottes
Willen tun kann. Was macht also Jesus nun, da er nicht mehr persönlich und körperlich bei den Jüngern (und bei uns
noch viel weniger) anwesend ist: er haucht sie an und sagt: heiligen Geist sollt ihr empfangen! - was dazu führt, dass,
wer Gott erkennt, die Welt dann erst recht durchschaut - wie sie funktioniert und was hierzulande und auf der ganzen
Erde so alles schief läuft…wo Unrecht und Gewalt herrschen und die Umwelt ausgebeutet und vergiftet wird und viele
von uns selbst bei guter Absicht zu Tätern werden, weil unser Lebensstil nur auf Kosten der Mitgeschöpfe möglich ist.
Umgekehrt sorgt die Zurüstung durch den einmal empfangenen und immer wieder und wo auch immer wehenden
heiligen Geist (siehe Joh 3,8) dafür, dass weder die Jünger noch wir heutigen Christenmenschen die Kraft und den
Mut verlieren, gerade wenn die äusseren Umstände nur schlechtes bringen und zusätzlich oder eben deswegen der
Glaube als ganzes erschüttert wird. Letztlich jedoch muss, soll und darf dem Geist, den Christus auf seine Nachfolger
losgelassen hat, mehr zugetraut werden als dem Zweifel - ob dem des Thomas oder dem eines jeden von uns hier im
Raum. Es könnten freilich an dieser Stelle von Zeitgenossen unserer Tage, die behaupten, sie stünden mit beiden Beinen im
Leben, Einwände kommen, Bedenken, die in deren Gedankengebäude ihre Berechtigung haben mögen - doch nur,
weil Äpfel mit Birnen verglichen werden und der aussichtslose Versuch unternommen wird, zwei Wirklichkeitsebenen in
Einklang zu bringen, die sich eben nicht vermischen lassen. Diese grundlegende Verwechslung verunmöglicht, den
auferstandenen Christus zu erkennen und die Wahrheit, die in ihm verborgen liegt oder besser: ans Licht kommt - was
häufig schon daran scheitert, dass die Voraussetzung hierfür ist: Jesus zu begegnen. Freilich haben wir Heutigen nicht
das Privileg der Jünger, von deren Freude unser Predigttext Zeugnis ablegt. Doch nach wie vor geht die Offenbarung
dieser, seiner, Christi Wahrheit von ihm aus - und damit, d.h. durch das Annehmen und die Wirkung des heiligen
Geistes, auch die Entscheidung zwischen «Dafür» und «Dagegen»: «Pro» meint das Sein in der Wahrheit und bedeutet
Freiheit und Leben - in Christus; und «Contra»: die Verweigerung oder das Verpassen Gottes, welche in letzter
Konsequenz das Steckenbleiben in der Lüge beinhalten. So gesehen konnte sich Thomas seines spontanen
Bekenntnisses gar nicht erwehren - es ist ihm mit einem Mal nur so von den Lippen gesprudelt.
Wem dies sauer aufstösst und wer noch den Satz Jesu im Ohr hat: Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie
vergeben, wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten
- da könnten manch einem doch Bedenken kommen, ob
die Kirche diese Vollmacht, die Jesus den Jüngern erteilt hat - ob dies im Laufe der letzten Jahrhunderte nicht viel zu
oft missbraucht oder falsch verstanden wurde. Vorhin wurde schon einmal der antijüdische Charakter des Evangeliums
nach Johannes angeschnitten, und vor diesem Hintergrund ist diese Aussage zu verstehen, einfach um die
frühchristliche Gemeinde des Johannes nach innen und aussen zu stärken. Solche Schärfe entschuldigt jedoch nicht
die Fehlentwicklung hin zu mangelnder Toleranz und Selbstüberschätzung. Sünden im eigentlichen Sinne vergeben
kann nur Gott selber und in seiner Offenbarung in Jesus Christus; deshalb hat es etwas Anmassendes, wenn
Menschen dies tun und sich als Schiedsrichter aufspielen und sich einbilden, sie könnten über das Geschick und das
Wohl oder Wehe ein Urteil fällen - wo doch die weisse Weste sich ununterbrochen in der Reinigung befindet und es
das beste ist, dieses Kleidungsstück abzulegen und an Jesus weiterzureichen, dem es dann als Totenhemd dient - und
der es gleichzeitig und schliesslich zerreisst. Keiner ist darum gezwungen und noch viel weniger berechtigt, gleich in
die Vollen zu gehen: eine Nummer tiefer reicht manchmal auch. Wenn also Christen, die ja die Kirche, den Leib Christi
verkörpern, einander ihre Schuld vergeben und diese Dienstleistung im Alltag auch den Personen zugutkommen
lassen, die auf den ersten Blick Nicht- oder Andersgläubige sind, dann wäre schon viel gewonnen. Solches Tun und
Lassen schliesst mit ein, auf Kritik und Transparenz nicht zu verzichten - an der eigenen Nase, vor der eigenen
Haustür und dann bei Bedarf vor der des Nächsten. Dann steht zwar Jesus nicht noch einmal von den Toten auf,
jedoch eröffnen sich so neue Möglichkeiten, dass Mitmenschen aus Zuständen eingeschränkten Lebens wie Krankheit
oder Depression, Behinderung oder Privatinsolvenz, Arbeitslosigkeit oder Überarbeitung und was Ihnen sonst noch
einfällt oder bekannt vorkommt…dass aus einem solchen zwar nicht biologischen oder klinischen Tod normale oder
neue Lebensperspektiven heranwachsen. So könnte der nachösterliche Jesus auch für die zahlreichen Skeptiker und
Zweifler nach Thomas akzeptabel werden, weil hier in höherem Zusammenhang dann auch wieder die Kategorien von
Ursache und Wirkung gelten oder treffender: geglaubt und gelebt werden. Mit der Erkenntnis, dass Aufstehung (wie es
eigentlich aus der hebräischen und griechischen Sprache zu übersetzen wäre)…dass Aufstehung eine lebenslang
niemals abgeschlossene Sache ist - bis dass er, Jesus, kommt. Amen.

Jost Harzer