Predigttext: Phil 2, 1-
Predigt am 6.7.2008
Liebe Gemeinde!
Unser heutiger Predigttext ist ein Abschnitt aus dem Brief an die Philipper, den der Apostel Paulus in einer sehr schwierigen Lage geschrieben hat.
Er ist im Gefängnis und soll fortgebracht werden. Nur wenig Zeit hat er noch. Er ahnt, dass es das Ende sein wird, dass man ihn umbringen wird im Namen des Kaisers. Ihn, Paulus, der im Namen Jesu unterwegs gewesen war, in Kleinasien und darüber hinaus. Sie hatten ihn verhaftet und eine Weile im Stadtgefängnis von Ephesus eingesperrt. Nun soll er also nach Rom gebracht werden. Und er glaubt, dass dies sein letzter Brief sein könnte. Ein Bote wartet schon. Und so schreibt Paulus schnell ein paar Zeilen aufs Papier:
„Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost durch Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,
so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“
Ein Testament des Apostels für seine Gemeinde in Philippi. Angst und Ermutigung, beides werden sie zwischen den Zeilen gelesen haben. Aber Jesus, dem Herrn, ging es ja nicht anders. Gekreuzigt wurde er für das, was er geglaubt hat. Und ein Christ kann nicht mehr erwarten, als sein Herr.
Aber wenn Paulus nicht mehr reden kann, dann wird das reden, was von ihm bleibt: Seine Briefe und die Geschichten von ihm. So wie dieser Brief hier, an die Gemeinde in Philippi.
Und seine Briefe sagen es immer wieder: Christen sind Menschen, die zuerst auf das sehen, was dem anderen dient und nicht auf sich selbst. Genauso hatte Jesus es getan. Er hatte sogar sein Leben gegeben. Und er achtete die anderen höher als sich selbst.
Das bedeutet Demut. „Demut“, das ist es, was Paulus den Leuten aus Philippi ans Herz legt. Doch „Demut“ und „Liebe und Barmherzigkeit“ waren damals so selten wie heute.
Es ist darum schwer, über die christliche Barmherzigkeit zu reden. Leichter ist es, über Eigennutz und Unbarmherzigkeit zu reden. Ich mache es mir leicht und erzähle Ihnen eine wahre Begebenheit, die mir ein Pfarrkollege erzählt hat:
Es ist Sonntag in einer kleinen Stadt, die berühmt ist durch ihre orthopädischen Kliniken, bekannt durch ein großes Rehabilitationszentrum. Es ist früh am Nachmittag, die Sonne scheint. Die Fußgängerzone ist nur mäßig voll. Ein ruhiger Sonntag. Familien schlendern Eis essend durch die Stadt, gucken Schaufenster an. Auch eine Frau ist unterwegs.
Sie ist untergebracht in den orthopädischen Kliniken. Sie kommt nur mühsam voran. Sie geht an zwei Krücken. Vor einem Schaufenster bleibt sie stehen. Sie sieht, wie sich der Schnürsenkel des rechten Schuhs löst und bleibt stehen. Sie sieht sich um. Wo ist eine Bank? Es ist keine in der Nähe.
Sie bekommt Angst, Angst, sie könnte fallen und alles wird noch schlimmer werden. Vorsichtig dreht sie den Kopf. Ein Glück: eine andere Frau kommt von hinten auf sie zu geschlendert. Bald ist sie neben ihr: „Entschuldigen Sie“, sagt die gehbehinderte Frau mit dem offenen Schuhband, „entschuldigen Sie, wären Sie so freundlich, mir den Schnürsenkel wieder zuzubinden? Ich selbst kann es nicht und habe Angst zu fallen.“ Die andere lächelt und erwidert: „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber - nein, das geht nicht. Man könnte ja meinen, wir gehören zusammen.“
Liebe Gemeinde!
Es ist leicht, über die Lieblosigkeit zu reden, über die Kälte, die uns aus dieser Geschichte entgegenschaut. Sehen Sie auch, wie sich dieser Sonntag verfinstert? Merken Sie, wie hier ein Mensch lebendig begraben wird? Ausgeschlossen wird aus der Gemeinschaft der Lebenden, der vermeintlich Gesunden?
„Man könnte ja meinen, wir gehören zusammen.“ Das gesellschaftliche Todesurteil für einen Menschen. So steht sie uns vor Augen, diese gehbehinderte Frau, und trägt ihre Krücken wie einen Judenstern in einer deutschen Kleinstadt.
Oft denke ich: „das ist der Geist, der die Welt beherrscht“, denn das ist ja wirklich nicht die einzige Geschichte dieser Art. Ihnen, liebe Gemeinde, werden sicher so wie mir noch andere vergleichbare Begebenheiten eingefallen sein, wo sich Menschen herzlos, lieblos und radikal egoistisch verhalten haben. Es ist leicht, über Eigennutz und Unbarmherzigkeit zu reden. Dazu fällt allen etwas ein.
Es ist schwer, über die christliche Barmherzigkeit zu reden, die Paulus meint. Doch, wenn ich darüber nachdenke, so fällt mir dazu auch eine wahre Geschichte ein.
Auf dem Schulhof fällt einer Lehrerin ein großes Mädchen auf, das immer allein steht. Die anderen Kinder spielen, rennen herum, streiten.
Dieses Mädchen ist jeden Tag allein. Die Lehrerin fragt ein anderes Mädchen aus ihrer Klasse, warum das so ist.
„Ach, die ist blöd. Die sagt nie etwas. Und beim Spielen ist sie auch so ungeschickt. Darum spielen wir nicht mit der.“
„Traurig ist das, nicht wahr?“ sagt die Lehrerin zu dem Mädchen. „Stell dir mal vor, du wärst immer so allein.“ Das Kind sieht sie nachdenklich an, dann läuft es wieder zu den anderen. Aber am Ende der Pause wartet es plötzlich auf das große Mädchen, sie gehen zusammen in die Klasse. Vielleicht ist das ein Anfang.
Was schrieb der Apostel Paulus über die christliche Barmherzigkeit?
„In Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“
Genau das ist hier passiert. Eine Lehrerin und ein Kind haben nachgedacht und gemerkt, dass hier etwas getan werden muss. Ohne viel Aufhebens haben sie sich im Sinne Jesu verhalten. Vielleicht war es ihnen gar nicht bewusst. Vielleicht wären sie erstaunt gewesen, wenn ihnen das jemand gesagt hätte.
Und eigentlich ist es genau das, was Jesus gewollt und was auch Paulus gewünscht hat:
Dass die Menschen einfach so, aus einem Gefühl der Anteilnahme, der Mitmenschlichkeit heraus, füreinander da sind. Wenn jemand so empfinden kann, dann lebt er oder sie im Sinne Jesu, auch wenn er die Botschaft der Bibel gar nicht kennt.
Paulus hatte die Sache Jesu zu seiner eigenen gemacht. Er hatte dafür gelitten und saß nun, am Ende seines Lebens, im Gefängnis.
Dieser Sache Jesu treu zu sein im Umgang miteinander, das ist ihm das Wichtigeste in seinem letzten Brief an die Gemeinde in Philippi. Denn sie sollen die Botschaft Jesu nicht nur hören und glauben, sie sollen sie lebendig werden lassen, den Worten Taten folgen lassen. Die Botschaft Jesu von dem Gott, der die Menschen liebt, sie soll Wirklichkeit werden im Leben dieser Menschen, in ihrem täglichen Miteinander, in ihrem Alltag. Wer Hilfe braucht, soll Hilfe erhalten. Wer traurig ist, soll getröstet werden. Den Einsamen sollen sie Gesellschaft leisten. Mit Armen teilen und Fremde aufnehmen. Schmerz und Krankheit lindern und heilen.
Das alles, weil Jesus gesagt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Und „seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“
Und das ist gar nicht immer so leicht. Das wissen alle, die schon versucht haben, mit der Nächstenliebe, mit Güte und Barmherzigkeit wirklich Ernst zu machen.
Was ist, wenn wir plötzlich Nachteile befürchten müssen, weil wir uns für Hilfsbedürftige eingesetzt haben, wenn wir Kritik ernten, weil wir uns auf die Seite der Benachteiligten stellen und für sie sprechen. Es ist nicht immer leicht, mit der Barmherzigkeit Ernst zu machen, auch nicht in unserer Zeit in einem wohlhabenden und demokratischen Land.
Aber der Sache Jesu treu bleiben und ihm nachfolgen, das heißt eben den Menschen treu zu bleiben, für die er sein Leben eingesetzt hat. Der Sache Jesu treu bleiben, das kann auch heißen, sich selbst treu zu sein und zu dem zu stehen, was man als wahr und richtig erkannt hat. Das kann heißen, dass wir widersprechen müssen, wenn die Wahrheit verfälscht und verschleiert wird, dass wir Einhalt gebieten, wenn die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird.
Der Sache Jesu treu bleiben, das heißt auch, die Güter des Lebens mit anderen zu teilen, und, was genauso wichtig ist: Freude und Trauer zu teilen und mitzuteilen, damit wir lernen, einander zu verstehen, einander zu vertrauen.
„In Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“
Vielleicht denken Sie an die Worte des Paulus, wenn Sie das nächste Mal sich oder einem anderen die Schuhe zubinden. Amen.