Totensonntag
Predigt vom 23.11.2008
Totensonntag * 23.11.2008 * Text: 2. Petrus 3,3-13
- 3* (Meine Geliebten), ihr sollt vor allem wissen, dass in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen
- 4* und sagen: Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.
- 5* Denn sie wollen nichts davon wissen, dass der Himmel vorzeiten auch war, dazu die Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte durch Gottes Wort;
- 6* dennoch wurde damals die Welt dadurch in der Sintflut vernichtet.
- 7* So werden auch der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen.
- 8* Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Geliebten, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.
- 9* Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.
- 10* Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.
- 11* Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,
- 12* die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.
- 13* Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Liebe Gemeinde
Meine Geliebten – so schreibt der unbekannte Verfasser des 2. Petrusbriefes – meine Geliebten – und er wendet sich voller Verständnis an die, die die Angst umtreibt und die Trauer, die Fragen und die Zweifel.
Meine Geliebte – wenn das jemand zu mir sagt, dann bin ich bereit, mir und ihm meine Ängste einzugestehen, dann bin ich offen für den Trost und die Worte, die mich aus der Angst und Trauer begleiten wollen.
Die eine Angst, die uns umtreibt, begleitet uns seit Kindertagen und ist ganz menschlich – die andere ist eher überirdisch, und sie wird größer, je älter wir werden.
Die eine Angst ist die, nicht geliebt zu werden, nicht geachtet, gewürdigt, sondern verspottet, ausgelacht und nicht für voll genommen zu werden. Damit macht jeder und jede so seine Erfahrung im Laufe des Lebens. Nichts ist verletzender als der Spott. Er ist es deshalb, weil er unseren Lebensnerv trifft. Wenn er nicht etwas treffen würde, was uns lieb und wichtig ist, würde er uns nicht so verletzen. Spott zielt auf unsere Verletzbarkeit ab, deshalb tut er so weh. Spott kann Menschen betreffen, die uns lieb sind, oder Werte, die uns wertvoll sind: Da spricht jemand abfällig über unsere Eltern – oder unsere Kinder, das trifft ins Herz. Da lacht jemand, wenn es uns wichtig ist, den Sonntag noch als Sonntag wahrzunehmen. Oder jemand sagt spöttisch „Was, du glaubst an ein Leben nach dem Tod? Tot ist doch tot – und schließlich ist ja noch niemand von da oben wiedergekommen …, und Religion“, so heißt es dann weiter, -„Religion ist doch nur Vertröstung für Leute, die der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen wollen. Starke Menschen, coole Typen, die Gewinner der Gesellschaft, die brauchen keinen Gott, sie machen sich das Leben selbst. Glaube ist etwas für Verlierer, für Schwächlinge, für Dummköpfe.“
Ach ja, möchte ich dann sagen, diese Argumente sind so alt wie die Menschheit und sie sterben nicht aus. Und jeder Spötter meint, er wäre besonders schlau und könnte damit beeindrucken. Wir sollten uns durch solche Reden nicht verunsichern lassen.
Die andere Angst nehme ich viel ernster, denn sie ist ernster, weil sie sich einlässt auf das Leben und den Tod. Das ist die Angst, die aus uns selbst kommt, die Zweifel, die uns befallen; die Fragen, die uns bleiben, wenn wir mit dem Verstand die Dinge ergründen wollen, und die Trauer, die bleibt und die uns den Blick verstellt.
"Geliebte",
sagt unser Predigttext – „ich muss mit euch reden, vielleicht könnt ihr hören:
Ich muss über den Tod mit euch reden, über den individuellen, den persönlichen Tod, den jede und jeder von uns wird sterben müssen. Und über den globalen, den allgemeinen Tod von allem, den Tod dieser Welt.“
Über den Weltuntergang reden ja viele: Die einen sehen ihn im Untergang der Werte und Normen, die anderen im Klimawandel, wieder andere in einem möglichen nächsten Atomkrieg. Die Beschreibungen unseres Textes klingen ja auch so, dass man meinen könnte, dass sich all das sehr deutlich und in nächster Zukunft anbahnt. Das hat Menschen zu allen Zeiten dazu veranlasst, Berechnungen anzustellen, weil die Bilder des Textes aussagen, dass ein Tag bei Gott wie 1000 Jahre bei uns sind und dies als mathematische Formel benutzt wird. Welch sinnloses, anmaßendes Unterfangen … Nein, der globale Tod kommt – wie ein Dieb in der Nacht, unberechenbar, unvermutet, heimlich, still und leise.
Viele von Ihnen, liebe Gemeinde, haben aber den individuellen, persönlichen Tod dieses Jahr kennen gelernt. Ganz dicht neben Ihnen ist es geschehen. Ein lieber Mensch ist Ihnen gestorben, vorbereitet oder unvorbereitet, erwartet oder unerwartet. Einen kleinen Tod sind Sie dabei selbst gestorben, aber das ist noch nicht das Ende. Das eigene Ende steht Ihnen noch bevor.
Und was ist nun mit unseren Lieben, die verstorben sind, so fragen Sie vielleicht heute. Und so fragten auch die Christinnen und Christen damals zur Zeit des Apostels Paulus.
Allerdings anders als heute erwartete man zur Zeit des Paulus das Ende der Zeit schon zu Lebzeiten. Heute nach 2000 Jahren glauben wir das nicht mehr. Aber wir sorgen uns dennoch um die, die verstorben sind. Die junge Christengemeinde in Thessalonich schrieb Paulus darum einen besorgten Brief, denn einige in ihrer Mitte waren gestorben. Was nun? Waren die Verstorbenen ausgeschlossen von der kommenden Gemeinschaft mit Christus, die ihnen verheißen worden war? Paulus beruhigt sie: „Wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einher führen“ so lesen wir im Brief an die Thessalonischer im 4. Kapitel (1. Thess 4,14).
Und was ist in der Zukunft, die auf beide, auf die jetzt noch Lebenden und auf die schon Entschlafenen, wartet?„Wir werden bei dem Herrn sein allezeit“ (1. Thess 4,17), schreibt Paulus. Er malt nicht aus, was die Glaubenden erwartet. Ganz schlicht sagt er:
Sie werden bei Christus sein und mit ihm bei Gott und in seinem Leben aufgehoben sein; das ist alles, und das muss genügen.
Später musste sich der Apostel mit Anschauungen auseinandersetzen, die in Korinth vertreten wurden und die zum Inhalt hatten, dass die Glaubenden schon jetzt an dem himmlischen Leben teilhaben, ohne zuvor durch den Tod hindurchgegangen zu sein. Paulus widerspricht dem sehr deutlich: Das himmlische Leben ereignet sich nicht in dieser Weltzeit. „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben“ (11. Kor 15,50). Das himmlische Leben ist anders als das irdische Leben; es ist keine Fortsetzung des irdischen Daseins auf höherer Ebene. Diese Hoffnung war allerdings weit verbreitet. Archäologen befördern heute aus vielen Gräbern Grabbeilagen zu Tage, die diese Vorstellung belegen: Die Menschen in früheren Zeiten in Ägypten und im ganzen alten Orient, im Umfeld des Volkes Israels und der jungen Christengemeinden gaben ihren Verstorbenen Gegenstände mit, die sie in einem zweiten Leben vielleicht gebrauchen könnten. „Nein“, sagt Paulus, „tot ist tot, Irdisches werden wir in einem Leben nach dem Tod nicht mehr brauchen, nie mehr.“
Nun möchten wir Menschen uns aber – gerade heute im Bilder- und Medienzeitalter –gerne genauere Vorstellungen machen darüber, wie das einmal sein wird. Wie ist das ewige Leben, fragen wir? Wie sollen wir uns das vorstellen?
Paulus sagt: „Das ist das ewige Leben: mit Christus bei Gott sein, mit ihm teilhaben an dem Leben Gottes“.
Darunter können wir uns allerdings kaum etwas Anschauliches vorstellen. Und so haben die Menschen immer wieder versucht, sich das ewige Leben weiter auszumalen. Bilder vom Paradies, von der himmlischen Wohnung Gottes, dem himmlischen Jerusalem, vom Hofstaat der Engel und ihrem immerwährenden Lobgesang – die alle in der Bibel zu finden sind – wurden dazu verwendet. Auch ganz menschliche Hoffnungen und Fragen sind dabei: Werde ich „dort“ meine Lieben wiedersehen? Werde ich dort überhaupt ich selbst sein, oder werde ich in dem Leben Gottes untergehen wie ein Tropfen im Meer? Um vorstellbar zu machen, dass die Identität jedes Menschen auch im jenseitigen Leben erhalten bleibt, hat man die griechische Vorstellung von der unsterblichen Seele aufgenommen: Die Seele als Trägerin der Persönlichkeit bildet gleichsam die Brücke zwischen hier und dort. Manche christliche Kirchen vertreten aus diesem Grund noch heute diese Anschauung – eben um die bleibende Identität des Menschen mit sich selber vorstellbar zu machen. Der Preis dafür ist, dass damit der Tod des Menschen relativiert wird: Er betrifft „nur“ noch den Körper. Wir evangelische Christen sagen heute: Es gibt nichts im Menschen, was den Tod überdauert. Was bleibt, wenn der Mensch stirbt, ist nach biblischer Aussage Gottes „Gedenken“. Gott ruft uns neu, ganz neu ins Dasein – nicht in dieser Welt, sondern in seinem Reich –, und zwar jeden als er selbst, als unverwechselbare Person.
Das ewige Leben ist nichts anderes als aufgehoben zu sein in das Leben Gottes.
Dieser Meinung ist auch der Schreiber des Petrusbriefes.
Er setzt die Vorstellung des Paulus bei seinen Lesern voraus: Weder über das Wie des Kommens Christi noch über die uns verbleibende Zeit können wir etwas Verlässliches sagen, und Spekulieren bringt hier nicht weiter. Halten wir uns an das, was uns versprochen ist::
„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“
Darauf dürfen wir hoffen, daran können wir glauben und einander darin bestärken, gegen alle Zweifel und allen Spott. Diese Glaube ist nicht leicht. Es gibt nun einmal keine Beweise. Und manchmal entfernen wir uns darum von Gott und lenken uns mit allem möglichen ab von dem Gedanken an den Tod.
Aber Gott sei Dank haben wir ja noch Zeit, Gott sei Dank lässt Gott uns noch Zeit. Wir können immer wieder zurückkehren in die Gemeinschaft mit ihm, damit wir getröstet leben und sterben können. Wir brauchen die Zeit, um getröstet zu werden. Gott braucht diese Zeit, um uns zu trösten. Der Spott der Spötter soll an uns abperlen wie Wasser, das Leid und der Tod sollen uns nicht unvorbereitet treffen. Jeder Tag ist ein neuer Tag, an dem wir uns der Nähe Gottes vergewissern können und lernen, ihm zu vertrauen.
Gott sei Dank – ein neuer Tag, Gott zu loben, seine Nähe zu spüren, uns nach ihm auszurichten, damit wir sicher sind, auf dem richtigen Weg zu sein. Und das Ziel dieses Weges ist: der neue Himmel und die neue Erde, die Gott verheißen hat, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Das Ziel ist, dass wir heimkehren zu Gott, der uns ein Leben lang begleitet hat, und der uns am Ende unserer Tage voller Liebe in seine Arme schließen will. Amen.
Karin Meier